NICOFFEINE – Au Revoir Golden Air (CD/LP)

NEEEEEEEEEEEEEEEIN, NNCHRRR NEEEIN HMPFFFTT! So in etwa, nur noch mit siebzehntausend weiteren Ausrufezeichen, muss sich mein innerer Schrei angehört haben, als kurz vor dem Wochenende ein neues BLACK-Päkchen mit Promos bei mir im Briefkasten lag. Denn neben der neuen Blutharsch-Platte (Rezi folgt), befand sich darin auch die neue Nicoffeine, das elitäre Projekt um die drei Noise-Drone-Schelme aus Koblenz.

Bereits bei früheren Veröffentlichungen wurde mir die Ehre zuteil, deren teilweise unhörbaren Krachsymphonien für die unterschiedlichsten Medien zu rezensieren, und auch beim neuen Album „Au Revoir Golden Air“ sei gleich zu Beginn verlautet: Sehr geehrter Herr Nassary, Herr Lucas und Herr Schneider – in diesem Leben werden wir sicher keine Freunde mehr. Aber wie schon bei den Veröffentlichungen zuvor wird es den Künstlern gänzlich egal sein, ob hier Sympathiepunkte verteilt werden: Um den Zuhörer haben sich Nicoffeine ohnehin noch nie Gedanken gemacht. Es folgt der Versuch einer objektiven (ja, objektiv geht doch gar nicht!), fairen Rezeption und Analyse – denn Moment mal, sind die Herren altersmüde geworden oder warum ist im Hause Nicoffeine plötzlich gar strukturelle Eingängigkeit zu hören? Das tut jetzt sicher weh zu lesen, aber verehrte Herren von Nicoffeine, da müsst ihr jetzt durch.

Um angreifbar zu bleiben, hier das ultimative Protokoll zur Betrachtung von „Au Revoir Golden Air“, dem bereits fünften Experiment von Nicoffeine auf Albumlänge. Drei vollkonzentrierte Hördurchgänge wurden der Platte geschenkt, darunter ein Durchlauf in der heimischen Stereoanlage, sowie zwei weitere nach Digitalisierung in der I-Tunes-Bibliothek – und prompt, die erste Überraschung. Beim Einlegen der CD wird „Jazz“ als Genre gelistet. Netter Gag, gleich zu Beginn. Aber während Jazz seine Faszination an todernsten Musikern mit verbissener Miene zum Spiel gewinnt, scheint bei den drei Herren von Nicoffeine gelegentlich auch mal gewisse Selbstironie im Schaffen durch. Und Bläser gibt es selbstverständlich auch auf dieser Platte nicht zu hören. Noch immer dominieren krächzende und bis zum Anschlag aufgedrehte E-Gitarren, verzerrte Bässe und terroristisch-aufgelegte Synthesizer das Leitbild dieser Band, besonderes Augenmerk liegt aber auf den virtuosen Percussions und hervorragenden Schlagzeugarbeit, die ohne die anarchische Grundattitüde fast schon wieder das Etikett „Jazz-Drumming“ verdient hat.

Arbeiten wir uns voran. Das noch auf etwas Atmosphäre angelegte Intro „Goldenbergersteeg“ lässt auf Gutes hoffen, die Gitarre zwirbelt sich durch dezente Melodielinien – wenn man im Gesamtkontext von Nicoffeine überhaupt von Melodien sprechen kann, hypnotischer Gesang betäubt. Die Augen sind geschlossen. Hoffnung. Doch bereits ab der zweiten Nummer ist wieder Inferno angesagt. Bis zum titelgebenden Endstück arbeiten wir uns durch fünf gewohnt ultrabrutale Noiseeskapaden, in denen man erstmal im Labyrinth des Chaos alleine gelassen wird, bevor sich so etwas wie Songstrukturen offenbaren. Und immer wieder die Frage. Dominiert hier Gitarre über Bass oder gar der Synthesizer die Schlacht? Im Vordergrund stets percussive Rhythmusstudien platziert, besonders gut nachzuhören auf dem Anspieltipp „Ando Guerillo„. Dennoch entfaltet sich die Kunst, die Nicoffeine hier kreieren, im Vergleich zum chaotischen Ohrenterrorismus „Lightealer Stalking Flashplayer“ von 2010 als gar nachvollziehbar, wenn man sich wirklich auf den betäubenden Chaoscore des Trios einlassen möchte.

Bei früheren Veröffentlichungen gelingt das nur Ohren im avantgardeerprobten Schalldruckpegelbereich. Das zumindest vom Titel poetisch-angehauchte Stück „Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es nicht wahr„, punktet mit einer gar schön anzuhörenden, ultratrocken gespielten E-Gitarre, während bei „Easy Metal“ die blecherne Snare und interessante Polyrhythmik ein interessantes Gedankenkonstrukt offenbart. Gegen Ende gibt es mit dem vierzehnminütigen, fließenden Hauptstück noch mal den Moment inne zu halten und das zuvor Gehörte zu verdauen. Im besten Fall gelingt die Trance.

Unterm Strich haben Nicoffeine wieder ein Album für Menschen abseits aller gängigen Hörgewöhnheiten aufgenommen und offenbaren auf Grund ihres Extrems erneut überbordende Intensität. Im Presseschreiben zitiert man gar Mozart, „Man muss die ganze Musik überhören..“, und reiht sich ein, in imposantem Größenwahn illustrer Gäste. Könner an ihren Instrumenten sind Nicoffeine, das muss nicht betont werden, trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Wer Lust hat sich freiwillig Kopfschmerzen zuzufügen und seine Sucht auf der Suche nach atonaler Kunst nahe am Wahnsinn fröhnt, der darf mit perversem Lächeln das Album via Blue Noise Records ordern. Allen anderen sei ausdrücklich abzuraten – allenfalls live sind Nicoffeine noch für eine Offenbarung gut. Nur leider tritt bei mir nach mehrmaligem Konsum von Nicoffeine der Wunsch ein, für gewisse Zeit auf Musik verzichten zu wollen. Und das kann beim besten Willen nicht das Ziel sein.

(Dimitrios Charistes)

Format: CD/LP
Vertrieb: BLUNOISE RECORDS
 

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