Nevill Drury – Rosaleen Norton. Leben Kunst Sexualmagie (BUCH)

Während Aleister Crowley auch vielen Menschen außerhalb der Okkultszene ein Begriff ist und Kenner derselben mit dem Namen Austin Osman Spare durchaus etwas anzufangen wissen, ist die australische Magierin und Malerin Rosaleen Norton (1917-1979) vor allem den Spezialisten bekannt. Dank der exzellenten Biographie des Historikers Nevill Drury kann sich das nun ändern. Mit schnellen Strichen zeichnet Drury zunächst den Lebensweg von Rosaleen Norton nach: Er erzählt von ihrer Kindheit in der australischen Provinz und dem schon früh kultivierten Außenseitertum, berichtet über ihre ersten künstlerischen Gehversuche und dem Leben in Kings Cross, dem Bohèmeviertel von Sydney. Ferner dokumentiert Drury die zahlreichen Skandale, Affären und Prozesse, die Nortons Lebensweise und ihre freizügige Malerei in der puritanischen Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre provozierten und ihr zeitweilig einen festen Platz in den Klatschspalten sicherten.

Weitaus mehr Raum als den äußeren Lebensumständen widmet Drury der Darstellung und Analyse von Nortons magischer Theorie und Praxis sowie der Malerei der Australierin. Zentrale Gestalt in Nortons privatem Pantheon war der griechische Hirtengott Pan, den sie als den wahren Herrn der Erde ansah und um den herum sie ihren eigenen Kult entwickelte. Auf individueller Ebene arbeitete Norton mit Selbsthypnose und Trance zur Erforschung ihres inneren Bewusstseins, im inneren Kreis ihres Hexenzirkels wurde Sexualmagie auf Basis der Schriften von Crowley praktiziert, erweitert um Elemente von Kundalini-Yoga und Tantra. Hinzu kam eine experimentelle und oft improvisierte Ritualarbeit, bei der auch verschiedenste Drogen zum Einsatz kamen.

Untrennbar mit ihrer magischen Arbeit verbunden, ja eigentlich deren Fortführung mit anderen Mitteln ist Rosaleen Nortons Malerei. Hier ist sie vor allem als grandiose Zeichnerin von visionären Szenarien in Erscheinung getreten. Ihre symbolisch aufgeladenen Sujets entstammen geradewegs ihrer magischen Vorstellungswelt: dargestellt werden die heidnischen Göttinnen und Götter, allen voran natürlich Pan, aber auch Sabbate und Einweihungsriten. Ihre sinnlich-freizügige, den Leib feiernde Bildsprache machte Norton in den Augen ihrer prüden Zeitgenossen natürlich zur Unperson. Insbesondere in den Zeichnungen, die sie Anfang der 1950er Jahre für das opulente Künstlerbuch The Art of Rosaleen Norton schuf, zeigen die Malerin auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Es ist ein großes Plus von Drurys Buch, dass es eine Fülle von Reproduktionen enthält und es so möglich wird, in die visionäre Malerei der Rosaleen Norton einzutauchen.

Abgerundet wird der Band durch zwei üppige Anhänge, die sich mit der okkulten Renaissance beschäftigen, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Moderne begleitet. Drury behandelt hier u.a. die großen Orden Hermetic Order of Golden Dawn und den Ordo Templi Orientiis, Aleister Crowley, Dion Fortune und den Hexenkult des Gerald Gardner. An dieser Stelle weitet sich die Biographie einer Einzelperson zu einer Geschichte des modernen Okkultismus.

Kurzum: Mit seiner materialreichen und plastisch geschriebenen Monographie vermag es Drury, seinen Leserinnen und Lesern eine der faszinierendsten Gestalten des okkulten Untergrunds der 20. Jahrhunderts näherzubringen. Man kann sich nur den Worten des Magiers Jan Fries anschließen, der in seinem Vorwort konstatiert: „Dieses Buch gehört zu den wichtigsten in der modernen magischen Literatur.“

M. Boss

Format: BUCH
Vertrieb: EDITION ROTER DRACHE
 

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