LILACS & CHAMPAGNE – Danish & Blue (CD)

Was für eine Freude, MASSIVE ATTACK und FAITHLESS, wie sie auf „Sunday, 8pm“ klangen, sind gemeinsam zurückgekehrt, um den Trip Hop wieder aufleben zu lassen! Ach nein, stimmt ja gar nicht – LILACS & CHAMPAGNE klingen zwar wie die Heroen, die sich in der Musik auf „Danish & Blue“ spiegeln, doch das Personal ist ein anderes. Die Arbeitstechnik ist dennoch wohlbekannt: Es wird stilvoll von Klassik- und Jazzplatten gesampelt, dann kommen langsam getaktete Hip Hop-Beats drunter, und fertig ist die gefällige Musikuntermalung für ein gemütliches Sonntagsbrunch in der Dreier-WG. Jedenfalls haben wir damals sowas immer aufgelegt, wenn die Nacht lang und verraucht war und der Körper erst mal einen starken Kaffee brauchte, bevor der Tag beginnen konnte.

LILACS & CHAMPAGNEs Musik hört sich an wie aus der Zeit gefallen – die frühen Neunziger ziehen am inneren Auge derer vorbei, die heute alt genug sind, PORTISHEADs „Dummy“, MASSIVE ATTACKs „Mezzanine“ und MORCHEEBAs „Big Calm“ als Hörer erster Stunde mitzuerleben. Es ist verführerisch – gerade für die Älteren unter uns – sich wieder dieser Stimmung von damals hinzugegeben, die der Trip Hop verbreitete: „Wir haben endlos Zeit, noch´ne Kippe, noch´n Kaffee, bloß nichts überstürzen, huch, wir sind schon über dreißig, wie ist denn das passiert?“ Vom heutigen Standpunkt aus wäre das fast schon eine Polemik wert: Darf man in einem Zeitalter der Giftgasanschläge in Syrien, der politischen Unruhen überall um den Erdball, noch eine so weltabgewandte, angenehm einlullende Musik erschaffen, die den Hörer einlädt, sich in einen harmoniegetränkten, zeitlosen Raum (Loops!) zu begeben? Kann sein, dass ich da von Popmusik jetzt zu viel verlange; kann sein, dass das überzogen ist – deshalb will ich die Kritik damit nun auch ruhen lassen.

Rein musikalisch kann man LILACS & CHAMPAGNE außer bewusstem Epigonentum nichts vorwerfen. Die Klänge, die auf „Danish & Blue“ zu hören sind, kommen einer Flasche Baileys gleich: Zart und einschmeichelnd, und bevor man´s merkt, hat man sich daran besoffen, ohne das Gefühl, Alkohol getrunken zu haben. Das ist jetzt durchaus als Kompliment gemeint. Die Platte erreicht zu hundert Prozent, worauf sie abzielt, nämlich die Wiederauferstehung der weniger bissigen Variante des Neunziger-Trip Hops; Samples, Loops und bekiffte Slow-Beats inklusive. Und sicher gibt es eine neue Generation Mittzwanziger, die nach durchtanzten Nächten Klänge zum gepflegt chilligen Katerkurieren braucht – LILACS & CHAMPAGNE liefern dazu den Soundtrack of their lives.

(M.Reitzenstein)

Format: CD
Vertrieb: MEXICAN SUMMER
 

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