THE HAXAN CLOAK – Excavation (2LP/CD)

Ja, ich habe Angst! Was der Londoner Produzent Bobby Krlic alias The Haxan Cloak auf seinem Zweitwerk „Excavation“ (dt: Ausbruch) veranstaltet, ist irgendwo zwischen totaler Finsternis und besessener Geisterbeschwörung anzusiedeln. Diese Platte ist pechschwarz, kennt keine Hoffnung und ist verstörendes Meisterwerk wie ultrakrasse Albtraumvision zugleich. Angenehmes Sterben noch, Tri-Angle-Records will uns alle umbringen!

Es wird Zeit für eine Nachbetrachtung des bereits im April erschienenen Nachfolgers zum 2011-Debüt, damals noch bei Aurora Borealis veröffentlicht. The Haxan Cloak gilt als Underground-Phänomen, viel wurde bereits geschrieben über diesen jungen, tätowierten, bärtigen Typen aus London. Ja, selbst ins Feuilleton hat er es der Produzent mit The Haxan Cloak geschafft. Was ist los in den renommierten Kulturredaktionen des Landes? Man scheint wieder Lust an schwarzen Lebensfreuden zu finden. Seit Okkultismus wieder en vogue kommt und Konsum- und Bussi-Bussi-Gesellschaft ihren Niedergang erfahren, dominieren düstere Klangkünstler abseits des Mainstreams das Geschehen.

Was Dubstep-Ikone Burial vor einigen Jahren in zwielichtigen, englischen Kellerclubs mit seinen ersten beiden Alben auf Perfektion gebracht hat, scheint einige Nachahmer hervorzurufen. Wer hier aber billig-produzierten Witch House erwartet, liegt falsch. Viel mehr sind die verstörenden Klangteppiche in der Tradition von Horror Electronics-Mastermind Burial Hex oder den von Dämonen besessenen israelischen Newcomern Raime anzusiedeln. Schön, im Sinne von „entspanntes Hörvergnügen“ gibt es hier nicht. Denn egal, wer The Haxan Cloak als Einfluss dient, ziemlich krank ist das allemal. File under: Extreme Dark Ambient, Horror Drone oder Suicide-Score.

Musikalisch gesehen sind die Stücke von The Haxan Cloak minimalistische Soundspielereien, die mit markdurchdringenden Schreien und unheimlichen Störgeräuschen garniert, sicher gute Chancen haben im nächsten Suizid-Club auf Heavy Rotation zu laufen. Neun Tracks mit einer Gesamtspiellänge von über 50 Minuten vertonen den quälenden Abwärtsprozess vom resignierenden Erkennen der Auswegslosigkeit bis hin zum Tod. Menschen, die „Excavation“ mehrmals am Stück konsumieren, sind sicher keine normalen Zeitgenossen. Das sei an dieser Stelle festgehalten. Nicht falsch verstehen, ich liebe diesen Scheiß hier („Wer ist schon normal?“), aber wer bereits in ähnlich, morbide Sphären abgedriftet ist, hat längst „konventionelle Hörgewohnheiten“ ad acta gelegt. Zu depressiv die Grundstimmung, zu beängstigend die klaustrophischen Fieberträume – da können Depressive-Black-Metal-Hipster wie Xasthur, Leviathan, Forgotten Tomb, oder wie sie alle heißen, einpacken und Kamillentee schlürfen gehen. Hier bekommt man die Hölle auf Erden lieber stilecht auf edlem, schwarzem Doppelvinyl serviert.

Wer das hören soll? Kunstinteressierte, mutige Misanthropen mit dem nötigen Anspruch an Ästhetik vielleicht? Nietzsche-, Kafka-, Kant-, Marquis de Sade-Leser, die favorisiert zu Sunn O))) tanzen? Menschen, die gerne Latex, Lack und Leder tragen und sich als Hobby 24 Stunden in einer Holzkiste die Zeit vertreiben? Sammler von Serienmörder-Quartettkarten? Vielleicht aber auch einfach nur Herr Mustermann von nebenan, der langsam aber sicher seine erfüllende Passion in Richtung Nervenanstalt gefunden hat. Heilen lassen, will er sich nicht. Viel lieber möchte er süchtig therapiert werden, von diesem düsteren Kammerspiel voll von Glockenschlägen, Violinen-Snippets und entrückten Cello-Momenten, ganz weit im Hintergrund platziert. Und dann tauchen da aus dem tiefsten Monolithen auch noch dubbige Beats auf. Was ist dieses Monster von Album nur? Ich werde wahnsinnig! Ich bin es längst, „Excavation“ sei Dank!

Letztendlich wissen BLACK-Leser mehr: Verstörende Schönheit übt einen unheimlichen Reiz auf uns aus. Nur zugeben, dass man „Excavation“ mit Kopfhörern, im Dunkeln und vorm Einschlafen hört, braucht niemand. Denn das schafft keiner!

(Dimitrios Charistes)

Format: 2LP/CD
Vertrieb: Tri Angle
 

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