DAVID LYNCH – The Big Dream (CD/LP)

Es ist eine seltsame und fremde Welt“ (Lula zu Sailor in Wild At Heart) Regisseur, Drehbuchautor, Maler, Fotograf und Komponist. Gibt es etwas, das Kult-Locke David Lynch („Twin Peaks“, „Der Elefantenmensch“, „Mulholland Drive“) nicht kann? Mit seinem späten Solowerk „Crazy Clown Time“ von 2011 hat der 67-jährige Allrounder bewiesen, dass er es auch in der Musik schafft, seine surrealen Traumbilder in eine gruselige Mischung aus Düster-Blues, Industrial, Dream Pop und Ambient-Electro zu verpacken. Auch sein Zweitwerk bleibt dieser Linie treu.

Zwischen der obskuren Grundstimmung der zwölf neuen Stücke verbirgt sich allerhand zu entdecken – abseits aller musikalischen Grundregeln versteht sich. Während der Zusammenarbeit mit Film- und Soundtrackkomponist Dean Hurley im abgelegenen Asymmetrical Studio, in dem auch die Musik für „The Straight Story“ entstand, kommt bei den gemeinsamen Soundexperimenten immer mehr Lynchs Faible für modernen Blues zur Geltung. „Last Call“ ist ein typisches Beispiel für diesen kafkaesen „Nightmare Blues“, in dem er wieder mit leicht gepitchten Vocals seine morbiden Schauergeschichten offeriert, während das schwarzromantische „Cold Wind Blowin“ ein aus Twin Peaks bekanntes Melodiemotiv aufgreift. Bob Dylans puristische Folknummer „The Ballad Of Hollis Brown“ bekommt einen schwarzen Mantel umgeworfen und erinnert im Cover ein wenig an Nick Caves Version von „Stagger Lee“. Und während beim ersten Album Karen O bei einem Song aushilft, bekommt er diesmal von der schwedischen Songwriterin Lykke Li („I Follow Rivers“) beim Bonus-Track „I´m Waiting Here“ Unterstützung – dieser findet sich allerdings exklusiv nur in der MP3-Version, was vermarktungstechnisch seltsam anmutet, gehört er doch zweifelsfrei zu den stärkeren Tracks des Albums.

Lynchs großer Traum ist insgesamt sehr ruhig, minimalistisch und ohne markante stilistische Veränderungen zum Vorgänger ausgefallen. Kritiker meckern, das Album bleibe hinter seinen Möglichkeiten zurück, doch das Multitalent will im Alter längst nicht mehr revolutionieren, sondern sein künstlerisches Gesamtwerk mit Musik ergänzen. David Lynch sieht sich als „Geschichtenerzähler im elektronischen Gewand“, so sind die morbiden lyrischen Ergüsse viel mehr im Stile sonorer Voice-Recordings gesprochen als gesungen. Was bei zahlreichen Nachahmern des abklingenden Witch-House-Genres längst zur Selbstparodie geworden ist, wird bei Lynch ehrwürdig geduldet.

„The Big Dream“ ist wie bereits „Crazy Clown Time“ ein fiebriges Album für Nachtmenschen geworden, für alle Mondsüchtigen, die zum Einschlafen gerne mal ein Hörspiel auflegen und lange Highwayfahrten mit dem richtigen Soundtrack genießen. Für Lynch-Hardliner, die bedingungslos abfeiern, was der amerikanische Künstler liefert, ist dessen Zweitwerk aber auch keine visionäre Radikalkur, dafür ist der einstündige Monolith zu lange geraten, dümpelt in einigen Momenten zu sehr vor sich hin, um konstant einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten – ganz anders als in seinen Filmen. Nimmt man Lynchs hochqualitativem Schaffen in den Vergleich und dessen Rolle für die Film- und Popkultur als Referenzstellung muss daher Kritik erlaubt sein, denn hier wäre definitiv mehr (Abwechslung) drin gewesen.

(Dimitrios Charistes)


Format: CD/LP
Vertrieb: PIAS/ROUGH TRADE
 

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