TROUM – Interview

Schöne Musik gibt es ja glücklicherweise viele, nicht zuletzt, wie ich finde, im instrumentalen und experimentellen Bereich. Selten jedoch hat es eine „Band“ geschafft, einen so in einen Sog zu ziehen, wie dies TROUM immer wieder gelingt, und es gibt für mich momentan keine andere, bei der mich auch der „theoretische Hintergrund“ so interessiert. Das war die Einleitung, nun zu einer anderen Art des Rock’n Roll….


? Was verbirgt sich denn hinter dem Konzept “Power Romantic”? Die ersten beiden Tonträger haben ja, wie ich es verstehe, mit dem Meer zu tun – und zumindest “Grote Mandrenke” nichts mit Romantik. Zumal ja auch SAIWS mit dem Meer, der Nautik zumindest, zu tun hat. Ist das Meer das „größte Summen”? Ich persönlich finde ja, es gibt keinen “more droning sound” (und vielleicht auch nichts Romantischeres) als das Meer bei Nacht (weißes Rauschen?)?

Die “Power Romantic”-Reihe entstand, wie so oft, eher aus Zufall. Der Begriff geht auf JIM WILSON (VOICE OF EYE) zurück, der nach einem Konzert von uns mal meinte, das sei doch die perfekte Verschmelzung von “power” (electronics) und “romantic” (wave), die wir machen. Etwas das eigentlich nicht zusammenpassen kann. Irgendwie hatte sich das in unsere Hirne eingebrannt, und als die “Mare Idiophonika” fertig war, erschien das als Einstieg in eine derartige Trilogie sehr passend. ‘Kraft’ und ‘Romantik’, man könnte auch sagen, eine Art ‘energetische Melancholie’, dass wir sehr wohl Romantiker sind, war uns bis dahin kaum bewusst, das durfte irgendwie nicht sein. Das Thema “Meer” liegt uns als “Psycho-Nautiker” sehr am Herzen. Als Sehnsuchtsort, als Ort des Aufbruchs, aber auch des Verlustes. Und natürlich als Ort des großen Geheimnisses, aus dem wir stammen, aus dem wir gemacht sind. Der eine große Anziehungskraft hat, die man rational kaum fassen kann. Das “Grote Mandrenke”-Thema (die alles zerstörende Sturmflut) hat, Meer und Verlust verbindend, natürlich auch eine dunkel-romantische Seite. Sich ganz in ‘Mutter Natur’, im Meer aufzulösen, hat etwas von Heimkommen, zum absoluten Ursprung, Nullpunkt des eigenen Daseins. Das was in romantischer Todes-Sehnsucht zum Ausdruck kommt. Das sind natürlich Phantasien von Grenzüberschreitung und vom Absoluten, die mit unbewussten Regungen zu tun haben… “bist du drin, bist du verloren”…Wer schon einmal bei Sturm(flut) auf einem Deich stand, oder nachts direkt am Meer am Strand, hat wie wir vielleicht ähnliche Regungen gespürt. Dieses Gefühl kommt auch in vielen Geschichten von J.G.BALLARD gut zum Ausdruck. Und ja, es gibt wohl kein schöneres “weißes Rauschen” als das Meeresrauschen, der allumfassende Drone, da alle möglichen Frequenzen abgedeckt werden und man in der Weile alle möglichen Harmonien darin hören kann.


? Und was haltet Ihr vom gefrorenen Meer bzw. Eiswüsten? Hörte gerade das Knarzen des schmelzenden Eises im Wald und musste da auch an Euren Beitrag bei Cryosphere denken. Glacial Movements haben sich ja ganz dem Klang der Gletscher verschrieben. Was haltet Ihr von solchem Purismus? Kommt noch mal was von Troum bei denen raus?

Mit gefrorenem Meer und Eiswüsten haben wir wegen des Golfstroms nicht viel Erfahrung in Nordwestdeutschland ;-) In der Tat haben wir aber schon einen Beitrag für die Glacial Movements-Reihe aufgenommen, und zwar mit AIDAN BAKER zusammen. Diese vier wahrhaft isolationistischen Stücke sind kürzlich aber nicht in Italien, sondern in Moskau bei “Alone at Last” (einem Sublabel von Monochrome Vision erschienen) – Titel: “Nihtes Niht” – das Nichts vom Nichts. Glacial Movements fanden die Aufnahmen wohl nicht passend genug für die Reihe, uns scheint, sie verbinden mit ‘Eislandschaft’ etwas arg Liebliches. Wir wollten aber – so scheint es – die zermürbende Seite von unendlichen Weiten und Orientierungslosigkeit darstellen. Eine vorherige Absprache gab es damals untereinander und auch mit AIDAN nicht – das was dabei herauskam, war weitestgehend improvisiert. Ob es von TROUM nun noch einen weiteren Versuch bei Glacial Movements gibt, werden wir sehen, das Angebot für eine CD-Veröffentlichung wurde jedenfalls erneuert. Wir lassen uns da auch von uns selbst überraschen.

? Wann covert Ihr John Cages „4‘33“? Was haltet Ihr von diesem Stück?

Es gibt von uns keine Bestrebungen, diesem oftmals gecoverten Stück noch eine weitere “Cover-Version” hinzufügen. Als Konzept-Stück war das sicher eine geniale Idee von CAGE, um die Aufmerksamkeit auf die “Musik” des Alltags und auf “Nebenhörplätze” zu lenken, und die Definition von Musik zu erweitern. Aber damit hat er es perfekt auf den Punkt gebracht, dem ist einfach nichts mehr hinzufügen.

? SAIWS find ich eine schöne Single, aber ist ein Konzept als Gegenbewegung zum materiallosen Runterladen: Viel Artefakt und (relativ wenig) Musik?

Ja so ist es wohl. Aber das Angebot mit dem Gel-gefüllten “Meeres” -Cover konnten wir einfach nicht ablehnen, noch nie zuvor konnten Form und Inhalt bei uns so in Einklang gebracht werden. Die Musik auf SAIWS sollte man deshalb nicht rein quantitativ betrachten.


? Mach ich auch nicht! Eher auf den Satz von Drone Records bezogen, „building dream machines to wake you up“: Kennt einer von Euch den Roman „The infernal desire machines of Doctor Hoffman“ von Angela Carter (in den USA als „War of Dreams“ veröffentlicht). Wobei sich Anschlussfragen ja nur bei einem „Ja“ anbieten.

Kennen wir leider nicht. Aber was man darüber im Netz findet klingt sehr gut, danke für den Tip!

? Soll/ darf man sich in Troums Musik verlieren? Kann man was finden, was man vorher nicht hatte? (vgl. S. Knappe in „Das große Rauschen“, angeregt hier auch durch den Ausdruck „Idiophonika“ und den Gedanken, im Mutterleib ja noch aufgehoben zu sein, vorbewusst, aber eben noch nicht Subjekt, das mit der Welt interagieren kann: Besteht die Gefahr zu Idiosynkrasien/Idiotie?)

Ein ganz eindeutiges JA. Das schließt gut an die erste Frage an. Ob man im “sich verlieren” etwas finden kann, was man vorher nicht hatte, ist schwer zu beantworten. Denn alles, was man als “Bewusstseinserweiterung” oder “-dehnung” erleben kann, mag man un- oder vorbewusst schon längst kennen aus Zeiten der Existenz ohne sprachliches Denken! Was man auf jeden Fall (wieder)finden kann im ‘Verlust des Selbst” ist die Erfahrung von eigentlich paradoxen Empfindungen: unendliche Kleinheit, unendliche Größe und Omnipotenz, der Verlust des Subjekt-Seins und gleichzeitig die Verbundenheit mit allen Dingen. All das steckt in solchen Momenten des “sich-verlierens” in Musik oder Kunst, die ja in der Regel große Glücksmomente sind, drin. Eine Gefahr sehen wir darin nicht, im Gegenteil, es ist eine Bereicherung, die “Idiotie” der Irrationalität besteht ja meist nur für einige Momente oder Minuten… dann kehrt man zurück.

Vielen Dank für Musik und Worte!

(flake777)

 

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