DANIEL MENCHE – Vílke (2LP)

Er wandert gern. Die besten Ideen fliegen ihm nämlich immer dann zu, wenn er sich körperlich betätigt. Und Daniel Menche bewegt sich offenbar viel. Zeugnis davon legt seine schwer einzufassende Diskografie ab, die längst in die von Bryn Jones maßgeblich definierten Dimensionen vorgestoßen ist. Der im Nordwesten der USA lebende verweist bei dieser Gelegenheit gern auf seine hohe Arbeitsmoral und auf die Tatsache, dass er die Langeweile fürchtet. In Bewegung zu sein, nie aufhören Sounds zu suchen – diese Trias umschreibt ziemlich genau, was Daniel antreibt.

Für “Vílke“ – seinem neusten Streich – fand er Heimat bei SIGE Records, dem Label der MAMIFFERs. Schon gehen die Gerüchte, dass es bald eine gemeinsame Veröffentlichung geben soll. “Vílke“ ist dem Litauischen entnommen, der Sprache, die eine Elternhälfte der Menche`schen Freundin spricht. Da gibt es Verwurzelungen ins Baltikum. “Vílke“ meint den weiblichen Wolf. Nun finden sich unzählige Darstellungen, die auf die Wildheit, die Ungezähmtheit und die Unberechenbarkeit dieses Vorfahren des Hundes hinweisen. Wie wohl kein zweites Tier symbolisiert er den Wunsch und den Willen zur Freiheit. Daniel wurde in der Vergangenheit auf manch Wanderschaft und bei einigen Campingausflügen vom Geheul dieser anmutigen Tiere begleitet. Ab und an mischte Bruder Kojote seinen Radau dazwischen. Diese vor Zeiten zum Schandtier umgedeuteten Wildtiere brachten ihn mit ihren an Klagen erinnerenden Ausrufen auf die Idee, jene aufzuzeichnen, um sie als Soundbasis für eine Veröffentlichung zu verwenden.

Davon berichtet nun “Vílke“. Die vier Stücke bilden eine verfremdete Sammlung jenes Geheuls ab, welches Daniel auf seinen Wanderungen derart emotional berührte, dass er eine Art Choral aus diesen Aufnahmen kreieren wollte. Er addierte Piano-, Gitarren- und Drumsounds, wobei diese eher die Nebenrollen aufführen. Wenn Menche etwas erklingen lässt, rattern die Maschinen. Der heulende Grundton lässt sich bisweilen heraushören, langsam findet dieser seine Variation, scheint jedoch oft zu stehen. Bildlich lässt sich da ein Wolf imaginieren, der beobachtet und abwartet. Manchmal meint man sogar, das Heulen der Wölfe aus grauer Vorzeit bis heute nachklingen zu hören. Dort hinein rumoren rauschumwickelte Dröhner, die mal hauchen, mal branden, dann wieder tönen oder rieseln. Immer – aber wirklich immer – quellen und winden sie. Der bei Portland Wohnende überführt sie in der Folge in Rauschmurmeler und lässt sie dann gemächlich in Summbrummdröhner übergehen. Auf aufgeschäumte Brandungswoger folgen sausend-tobende Treibflächler in die es pfeifend zischelt. Hier bildet sich ein Mench`sches Leitmotiv ab, Flächiges und Lärmiges sind Kopf und Zahl der Mottomünze des Amerikaners. Diesen Groschen wirft er für “Vílke“ hoch in die Luft. Dort dreht er sich. Mal ist diese Seite oben, mal jene.

Generell legt “Vílke“ von der Formung des Natürlichen durch Technik Zeugnis ab. Die Fieldrecordings moduliert und verdichtet Daniel zu einem fast weihevollen – und immer würdevollen – Ergebnis, man könnte meinen, er verneige sich damit vor der Natur. Schließlich belegen etliche seiner bisherigen Veröffentlichungen, dass er schon oft das Animalische in seinen Arbeiten thematisiert hat. Stets stand dabei die “tierische Energie“ im Vordergrund. Mit “Vílke Part IV“ findet dieser wundersame Vieltöner das Finale. Gitarrensounds treten hervor und langsam pendeln die Akkorde aus.

Diese Hymne für Wölfe wird durch die Coverarbeit der unglaublichen Faith Coloccia abgerundet. Nahaufnahmen von Tierfellen sind da zu sehen, collagiert von ihr und in ihre Ausdrucksform eingebettet. Dafür verarbeitete sie auf der Grundlage von Reis- und Zeitungspapier unter anderem Asche, Holzkohle, schwarzes Wachsöl und diverse Kleber. Im Ergebnis kartografiert sich so eine irgendwie animalisch durchwirkte Landschaft, die gleichsam leergeräumt scheint. Bisweilen lässt sich der Eindruck gewinnen, hier einem Rückblick, der so nie gewesen ist, beizuwohnen. Womöglich ging es Daniel auf seinen Wanderungen ebenso. Nur er und das Geheul von Wölfen und Kojoten. Gut möglich, dass er in seinem “Manager“ Arrow Begleitung fand. So wäre der “Smile Maker“ das Verbindungsseil zwischen Menche und den Wölfen.

Auf “Vílke“ haben letztere Spuren hinterlassen, die vom Regen der Überarbeitung langsam ausgespült wurden. Jene Abdrücke verbreiterten und vertieften sich und lassen ihre einstigen Verursacher nur noch erahnen. Am Ende bleibt vorstellbar, wie Daniel auf einer Anhöhe stehend ins bewaldete Tal blickt. Er wirft dort oben seine Münze in die nebelumwogte Atmosphäre.Traumverhangen schlägt diese irgendwann auf den felsigen Grund. Und in den Widerhall hinein meint man von irgendwoher Wolfsgeheul zu vernehmen.

(S.L.)

Format: 2LP
Vertrieb: SIGE RECORDS
 

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