YVONNE S. BONNETAIN – Loki: Beweger der Geschichten (BUCH)

Im Pantheon der nordisch-germanischen Mythologie gehört Loki zu den wohl schillerndsten Gestalten, die die Forschung vor immer neue Probleme stellt. Eigentlich ist an ihm nichts wirklich eindeutig: so ist weder Lokis Herkunft zweifelsfrei geklärt, noch seine Funktion im Kreis der asischen Götter klar zu definieren. Gemeinhin wird ihm die Rolle eines Teufels des Nordens zugewiesen, eine Zuordnung, die sich bei genauerer Betrachtung jedoch als viel zu kurz erweist. Interessanterweise gab es bei den den germanischen und skandinavischen Stämmen keinen eigenen Lokikult, und auch heutige Odinisten tun sich mit Loki schwer: aufgrund seiner Neigung zu derben Späßen und üblen Scherzen betrachtet man ihn gemeinhin als eine Art Hofnarr in Odins Halle, dem man sinnigerweise den 1. April als eigenen Festtag zugewiesen hat.

In ihrer Dissertation unternimmt nun die Skandinavistin Yvonne S. Bonnetain den Versuch, sich dem Phänomen Loki anzunähern und ein neues Bild dieser Gottheit zu entwerfen. Nach einigen methodischen Überlegungen und der Sichtung der in Frage kommenden Quellen untersucht Bonnetain zunächst die gängigen Deutungen des vielschichtigen Gottes auf ihre Stichhaltigkeit. Eng entlang der mythologischen Überlieferung argumentierend und in kritischer Auseinandersetzung mit der bisher vorliegenden Forschungsliteratur gelingt es der Autorin überzeugend, gängige Charakterisierungen zu revidieren und offenkundige Fehldeutungen zu korrigieren. Vorstellungen von Loki als Feuergottheit, Kulturheros, Erfinder des Fischernetzes oder als Trickster etwa erweisen sich demnach als nicht haltbar.

In einem zweiten Schritt widmet Bonnetain sich den Wandlungen, die die Gestalt Loki intramythologisch und extramythologisch durchlaufen hat. Zwei Aspekte sind hier von zentraler Bedeutung: zum einen die Rolle Lokis beim Tod von Odins Sohn Baldur, zum anderen die von Außen an Loki herangetragene Rolle eines nordischen Teufels. Bonnetain zeigt auf, dass Loki keinesfalls einseitig als ein Feind der Götter betrachtet werden kann und die Tötung Baldurs mit der Billigung Odins geschieht: hier handelt es sich demnach nicht um einen Mord, sondern um ein Opfer. Dieser Opfertod und die sich daran anschließende Vernichtung des alten Göttergeschlechts im Ragnarök (woran mit dem Fenriswolf und der Midgardschlange zwei Kinder Lokis maßgeblich beteiligt sind) wurde nötig, um den alten Zyklus abzuschließen und ein neues, unter der Herrschaft des Lichtgottes Baldur stehendes Zeitalter zu ermöglichen. Loki erfüllt hier die Rolle des „Bewegers der Geschichten“, einer dynamischen Kraft, durchaus analog zum Judas der christlichen Tradition, ohne dessen Verrat Jesus seine Aufgabe als Erlöser nicht hätte vollenden können.

Auch die Gleichsetzung Lokis mit dem Teufel muss nach Bonnetain einer Revision unterzogen werden. So ist Loki alles Dämonische völlig fremd, auch die Gleichsetzung Lokis mit dem Lichtbringer Luzifer wurzelt vor allem in fragwürdigen etymologischen Herleitungen und hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Wirklich böse Eigenschaften und Handlungen lassen sich viel eher bei Odin feststellen. So kommt Bonnetain zu dem Schluss, dass die Umdeutung Lokis zu einer satanischen Figur erst unter dem moralisierenden Einfluss des sich ausbreitenden Christentums geschehen ist, das seinerseits bestrebt war, den alten Mythen des Nordens seine Weltvorstellungen und Wertmaßstäbe überzustülpen.

Mit ihrer materialreichen Studie ist Yvonne Bonnetain geradezu ein Loki-Kompendium gelungen, in dem sich alle wesentlichen Quellentexte ebenso finden wie die wichtigsten wissenschaftlichen Ausdeutungen dieser mysteriösen Götterfigur. Zudem wird deutlich, dass Loki eine verblüffend aktuelle und moderne Gestalt ist. Dies zeigt sich besonders darin, mit welcher Souveränität Loki zwischen den Geschlechtern wechselt und dabei z.B. Odins achtbeiniges Pferd Sleipnir gebärt. An diesem Punkt könnte man Loki fast zum Schutzheiligen aller heutigen Gender- und Transgenderbewegten erklären. Als Motor des Raknarök fügt Loki sich zudem vorzüglich ein in die von etlichen Okkultisten und Neoheiden beschworene Endzeit (bzw. Beil- oder Wolfzeit, um in der Terminologie der Edda zu bleiben). Vor diesem Hintergrund sollten sich heutige Anhänger des nordischen Pantheons fragen, ob ihr historisch begründeter Verzicht auf einen eigenen Lokikult noch vertretbar ist, ja ob nicht Loki der adäquate Gott für eine Verfallsepoche ist. Nicht nur für eine religionsgeschichtliche, sondern auch für eine kultische Neubewertung Lokis jedenfalls ist Bonnetains Buch, das man bereits jetzt schon als Standardwerk zum Thema bezeichnen kann, eine hervorragende Ausgangsbasis.

M. Boss

Format: BUCH
Vertrieb: EDITION ROTER DRACHE
 

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