LOCRIAN – Interview

Die Arbeiten des Chicagoer Trios LOCRIAN gleichen einem Traum, in dem das Unausweichliche sichtbar wird. Das Düstere und gleichzeitig Interpretationsoffene gibt Kunde von einer Vielfalt, die so noch nicht gewesen ist. Unabwendbar scheint die finstere Abgründigkeit der Stücke, deren Schwarz das der Kohlraben wie ein Grau erscheinen lässt. Stockfinster ist es nämlich da, wo die Spuren für die Arrangements der Stücke eingesammelt werden. Wohl kaum einem Projekt gelang es in der letzten Zeit dergestalt vielschichtig zu klingen und mit jeder Veröffentlichung den ebenso meisterhaften Vorgänger zu übertreffen. Allein die Liste der Kollaborationspartner der Amerikaner liest sich wie eine Reihung des Wunderbaren. Ob nun mit Jenks Miller (HORSEBACK), Faith und Aaron (MAMIFFER) oder zuletzt Christoph Heemann, stets schüren die Vorankündigungen bis zum Tag der Veröffentlichung Hoffnungen, die dann tatsächlich noch übertroffen werden. Betrachtet man die anderen Aktivitäten des Trios genauer, lässt sich leicht rückschließen, dass hier drei Personen für das brennen, was sie tun.

LOCRIAN-Hörer wissen, was es heißt, vom Moment niedergerungen zu werden. Diese Augenblicke gesteigerter Intensität sind entlang der Durchläufe reich an der Zahl und tief an Empfindungen. Es gelingt den drei Mitdreißigern dabei eine dramaturgische Tiefe zu kreieren, die als solche eben den Hörer zu sich hinabzuziehen weiß. Dieses Hinabziehen gleicht einem Einsinken, welches im Prozess Bilder freilegt, die sich rationalen Kriterien entziehen und nur empfunden werden können. Im Laufe der knapp sieben Jahre ihres Bestehens haben André Foisy, Terence Hannum und Steven Hess eine Form gefunden, die es ihnen erlaubt sich über Töne mitzuteilen. Diese Fähigkeit gleicht einer Erscheinung aus dem Unfassbaren. Das muss auch die Relapse-Mannschaft so empfunden haben, schließlich liefern sie für das neue Album “Return To Annihilation“ die Plattform. Neben den unzähligen Nebenprojekten betreiben André und Terence das kleine und besonders feine Land Of Decay-Tape-Label. Dort geben sie wiederum unbekannten Projekten ein Forum, zeigen damit, dass die Dinge ihren wahren Wert im Nehmen und Geben finden, vor allem aber offenbart sich hier der Hinweis, dass jene, die sich ausschließlich auf das Nehmen verlegen, längst noch nicht gewonnen haben, auch wenn der Zeitgeist dies glauben machen will. Aus der Subkultur, in der Subkultur und letztlich für die Subkultur – hier sind LOCRIAN.

 

? Eure neue Veröffentlichung “Return To Annihilation“ ist bereits angekündigt. Was könnt ihr uns über die Entstehung des Albums berichten?

Terence: Im Grunde stand das Konzept bevor wir ins Studio gingen bereits fest. Wir hatten eine Menge Ideen bezüglich der Bilder, die wir  im Bereich von Wahrheit und Fiktion, von Mythos und Fakten weiter ausarbeiten wollten. Als klar war, dass wir für die Aufnahmen in das Electrical Audio Studio gehen würden, bezogen wir das in unsere Vorbereitungen mit ein, denn dort gibt es ein Mellotron, eine Pauke und verschiedene, großartige Verstärker, die wir für die Umsetzung unserer Ideen verwenden konnten.

André: Wir alle hatten eine komplette Liste mit Ideen, die wir weiterentwickeln wollten als wir das Studio betraten. Drei Tage haben wir gemeinsam aufgenommen, danach bin ich allein ins Studio gegangen, um weitere Gitarrenspuren aufzunehmen. Es war eine gute Erfahrung, dass wir uns ausnahmsweise dieses Mal Zeit für das Album genommen haben. Ich denke, dass “Return To Annihilation“ das bisher wichtigstes Album für die Band ist.

Steven: Überverschiedene Ideen hatten wir uns bereits im Vorfeld der Aufnahmen via Email ausgetauscht. Es handelte sich dabei vor allem um Einflüsse, Themen und Songstrukturen, dadurch hatten wir eine Vorstellung davon, was wir machen wollten und in welche Richtung das Album gehen sollte. Es gibt aber auch einige improvisierte Elemente, wie es auch schon bei vergangenen Alben von LOCRIAN der Fall war.

? Ihr habt bereits mit einer Vielzahl von Labels zusammen gearbeitet. “Return To Annihilation“ wird auf Relapse Records erscheinen. Warum habt ihr euch für dieses Label entschieden?

Terence: Mit Relapse standen wir bereits seit geraumer Zeit in Kontakt, da sie einige unserer Veröffentlichungen auf ihrer Webseite anboten. Sie waren sehr an unseren Arbeiten interessiert und wollten unsere Kollaboration mit HORSEBACK wiederveröffentlichen. In ihrem Backcatalogue befinden sich Künstler wie SUFFOCATION, HUMAN REMAINS, NEUROSIS und DISEMBOWELMENT. Sogar MERZBOW hat bei ihnen veröffentlicht, man erinnere sich an “Pulse Demon“. Außerdem haben wir eine Menge Freunde, die mit dem Label arbeiten oder gearbeitet haben. Dadurch hat es für uns Sinn ergeben, bei ihnen zu veröffentlichen. Meiner Meinung nach ist das HIGH CONFESSIONS-Album eines ihrer Glanzstücke. Die Labelbetreiber scheinen unsere Arbeiten und die Art und Weise wie wir als Band agieren, zu schätzen.

André: Wir haben in der Vergangenheit bereits mit einer Vielzahl von Labels gearbeitet und ich dachte mir, dass es interessant sein könnte, auf einem größeren Label zu veröffentlichen. Die Zusammenarbeit mit Relapse hat in vielerlei Hinsicht eine Last von unseren Schultern genommen.

? Seid ihr an dieses Album anders herangegangen? Hat sich eure Arbeitsweise verändert?

Terence: Jedes Album ist anders. Wir lernen, wir treiben uns gegenseitig an und wir wollen immer neue Dinge ausprobieren – von “Drenched Lands“ über “Territories“ zu “The Crystal World“. Bei “Return To Annihilation“ lag die Herausforderung vor allem in der Tatsache, dass ich mittlerweile hunderte Kilometer von André und Steven entfernt wohne. Aber über die Möglichkeit der Email konnten wir die Entfernung überwinden. Wir schickten uns Demos und Ideen zu und diskutierten darüber. Als wir dann im August ins Studio gingen, hatten wir eine grundlegende Vorstellung davon, was wir mit dem Album vorhaben, aber wir wollten auch verschiedene Sachen im Studio testen und Greg Norman ist ein großartiger Toningenieur. Wir befanden uns in einem regelrechten Arbeitsstrom und es gab keinen Moment, in dem wir dachten “Was sollen wir jetzt als nächstes machen?“. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass sich alles organisch entwickelt hat, weil dafür die Studioatmosphäre einfach zu verrückt ist, dennoch ist diese Behauptung nicht ganz von der Hand zu weisen. Wir waren alle begeistert, dieses Album aufzunehmen und das zeigt auch, wie fokussiert wir gearbeitet haben.

André: Ja, jedes Album ist anders, aber dieses Mal war alles viel fokussierter. Ich denke, dass wir besser darin geworden sind, präzise Statements zu kreieren. Die Mehrheit der Songs auf dem Album sollte in der Lage sein, die Seite einer 7“ auszufüllen.

Steven: Seit ich Teil der Band bin, ist mir aufgefallen, dass jedes Album, welches wir als Trio aufgenommen haben – “The Crystal World“, “The Clearing“, die Kollaborationen mit HORSEBACK und Christoph Heemann und jetzt “Return To Annihilation“ – immer fokussierter geworden ist. Es scheint, dass wir als Band wachsen und “reifen“ und geeignetere Wege finden, um unsere Ideen ins Studio zu bringen und aus ihnen erfolgreich Songs zu erschaffen. Unsere Fähigkeiten zum Improvisieren waren immer sehr gut, aber über die Jahre haben sie sich verfeinert. Wir scheinen jetzt besser zu wissen, was der jeweils andere denkt und erkennen die Richtung, in welche es in einem bestimmten Moment gehen soll, sei es im Studio oder auf der Bühne.

? Man konnte leider noch nicht das Cover zu eurer neuen Veröffentlichung sehen. Wie würdet ihr es beschreiben und was könnt ihr unseren Lesern über die Entstehung des Artworks erzählen?

Terence: Das Cover und die Fotos, die wir für das Album ausgewählt haben, stammen von dem amerikanischen Fotografen Richard Misrach. Ich bewundere Richard Misrachs Arbeiten bereits seit einiger Zeit und 2012 hat er bei Aperture Press ein Buch mit dem Titel “Petrochemical America“ herausgebracht, das einen großen Eindruck auf mich hinterlassen hat. Ich habe ihn immer mit dieser poetischen Art seiner Farbfotografieren assoziiert. Wir konnten einige Fotos der “Petrochemical America“-Serie verwenden, für die Richard durch Cancer Alley in Amerika gegangen ist, um die surrealen Landschaften von extremer Industrie und Besiedlung zu dokumentieren. Es ist unheimlich und letztendlich vollkommen außergewöhnlich.

André: Ich denke, dass das Artwork sehr gut zu dem passt, was unser Projekt ausmacht. Das Artwork transportiert ein Statement, ohne dabei in irgendeiner Form moralisierend oder zu direkt zu sein.

? Wenn ihr zurückblickt, welche positiven und negativen Dinge fallen euch in Bezug auf LOCRIAN ein?

 

Terence: Die erste positive Erinnerung die ich habe, ist unser erster Auftritt, als ich wusste, dass wir etwas machen, was funktioniert – da waren André und ich noch allein. Jedoch wusste ich auch, dass es noch einige Zeit brauchen wird, um die Dinge zu perfektionieren. Es gibt eigentlich nicht wirklich viele negative Sachen, an die ich mich erinnern könnte. Vielleicht (ebenfalls) bei unserem ersten Auftritt, als einige Leute nicht verstanden, was wir da machen. Aber das ist im Grunde auch positiv zu sehen, denn einige Leute sollen unsere Arbeiten gar nicht verstehen.

André: Die positiven Dinge überwiegen. Jede negative Erinnerung im Zusammenhang mit dem Projekt, hat sich schlussendlich zu etwas Positiven gewandelt, da ich aus diesen Erfahrungen gelernt habe. Das erste positive Erlebnis war die erste Probe mit Terence in meinem alten Proberaum am Abend vor unserer ersten Show. Irgendetwas hat damals bei uns “klick gemacht“. Ich denke mal, das Negativste bei LOCRIAN ist das Abbauen und Einpacken  des Equipments, nachdem wir aufgetreten sind. Wenn wir Shows spielen, ist es jedes Mal so, als würde man umziehen.

Steven: Ehrlich gesagt, kann ich mich an nichts Negatives erinnern. Hin und wieder frustriert etwas, aber das hat sich noch nie in eine negative Erfahrung transformiert. Es gibt so viele positive Dinge in Bezug auf LOCRIAN, eigentlich ist das ganze Erlebnis mit der Band und der dahinter stehende kreative Prozess ausschließlich positiver Natur.

? Was bedeutet es euch, dass ihr eine Form gefunden habt, die es euch erlaubt, euch auszudrücken? Sind Künstler oder Musiker so verstanden privilegiert?

Terence: Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich durch Kunst und Musik ausdrücken kann. Es ist jedoch sehr wichtig, nicht den Blick darauf zu verlieren, was man realisieren möchte.

André: Musik zu spielen ist etwas, was mich ausfüllt und ich bin glücklich, mich durch diese Form ausdrücken zu können. Ich schulde meinen Eltern großen Dank dafür, dass sie mich schon sehr früh dabei unterstützt haben. Auch bin ich sehr froh, Musik, die eine gewisse Integrität besitzt, auf physischen Tonträgern veröffentlichen zu können. Außerdem bin sehr dankbar dafür, die beiden anderen in dem Projekt zu wissen und ich verspüre Dankbarkeit gegenüber den meisten Leuten, die unsere Vision in der Vergangenheit unterstützt haben.

? Das führt uns zu einer generellen Frage, die uns schon länger beschäftigt. Welche Welt wollt ihr den Hörer mit euren Arbeiten zeigen?

Terence: Immer etwas Dunkles.

André: Etwas, was Raum für Interpretationen lässt. Ich möchte nie Musik aufnehmen, die zu direkt ist.

? Last uns auf das vergangene Jahr zurückblicken. Handmade Birds hat das Kollaborationsalbum von euch mit Christoph Heemann veröffentlicht. Zunächst: Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

 

Terence: Eigentlich kam die Idee von Rich, der das Label Handmade Birds betreibt.

Steven: Rich fragte, ob wir nicht Interesse an einer Kollaboration mit Christoph Heemann hätten. Als wir davon hörten, konnten wir diese Möglichkeit nicht ausschlagen. Für mich war Christoph über einige Jahre ein großer Einfluss, insbesondere durch seine Soloarbeiten und durch MIRROR, seinem Projekt mit Andrew Chalk. Ich kann nur jedem  seine Arbeiten empfehlen.

André: Rich schlug uns die Kollaboration vor und wir fanden die Idee großartig.Zum damaligen Zeitpunkt waren alle sehr mit anderen Dingen beschäftigt, deshalb denke ich, dass dieses Album, im Gegensatz zu unseren anderen Veröffentlichungen, durchgängig kontemplativ klingt.

? Wie gestaltete sich der Aufnahmeprozess?

Terence: Christoph hatte zwei Stücke fertig, die er uns schickte. André und ich haben diese zwei Stücke bearbeitet und zwei weitere Tracks komponiert, die wir dann Christoph gaben. Als er fertig war, hat Steven zu allen vier Stücke noch etwas hinzugefügt.

André: Abschließend haben Steven und ich alle Tracks mit Greg Norman in Chicago gemixt.

? Könntet ihr bitte noch mal genauer auf den Entstehungsprozess der Stücke eingehen? Was waren die größten Einflüsse während dieses Prozesses?

Terence: Die Vorbereitungszeit war lang. Bereits nach “The Clearing“ haben wir uns Gedanken über dieses Album gemacht. Ich habe mir eine Menge Fotos über “the Pacific Ocean Trash Vortex“ angesehen. Das hat das Tor zu einer anderen Dimension geöffnet.

Steven: Ich hatte im Kopf, dass es sich um Material für Heemann handelte, deshalb wollte ich nicht, dass wir Christoph eine Stunde aus krachenden Beats, Noise und zerfetzenden Gitarren zur Bearbeitung schicken, obwohl das sicherlich auch interessant gewesen wäre. Meiner Meinung nach haben wir ihm einen eher minimalen, verfeinerten und verdichteten Sound LOCRIANs gegeben. Bezüglich meiner musikalischen Einflüsse während der Aufnahmen würde ich William Basinski, AMM und SWANS nennen.

André: Ich wollte, dass wir bei diesem Album zurück zu dem Sound finden, mit dem Terence und ich das Projekt ins Leben gerufen haben, deshalb sollte das Material Drone lastiger sein. Ich denke, dass es sehr gut mit den Arbeiten von Christoph Heemann harmoniert. Wir wollten aber auch einen gewissen Raum lassen – Raum für Steven, damit er später etwas hinzufügen kann, Raum für Christophs Bearbeitung und letztlich auch Raum für den Hörer.

? Das Album ist dann bekanntlich auf Handmade Birds erschienen. Glaubt ihr, dass es auch auf einem anderen Label hätte veröffentlicht werden können und wie steht ihr prinzipiell zu Richs Label?

Terence: Letztendlich war es Richs Idee, deshalb glaube ich nicht, dass ein anderes Label das Album herausgebracht hätte. Ich mag das Konzept des Labels. Natürlich gefallen mir einige Veröffentlichungen mehr als andere, aber das ist im Grunde bei jedem Label der Fall.

Steven: Da Rich die Zusammenarbeit vorgeschlagen hat, war klar, dass das Album bei Handmade Birds erscheinen wird. Ich denke, dass er eine großartige Arbeit mit dem Label leistet. Dieser Tage ist es wichtig, kleine Labels zu unterstützen.

André: Ich glaube, dass Rich viel in das Label investiert und  er seine Künstler sehr unterstützt. Viele Leute gründen ein Label, aber machen dann keinen tollen Job, weil die Arbeit zu viel Zeit kostet und das Label in der Regel keinen großen Gewinn abwirft. Auch erfährt man keine große Anerkennung, wenn man ein Label betreibt. Wenn Rich so weitermachen kann, wie bisher ist das großartig für die Künstler, die bei ihm veröffentlichen. Ich denke, dass Rich mit seinem Label sehr stark gestartet ist und ich hoffe, dass die Hörer sehen, wie wichtig das ist, was er macht und ihn dabei weiterhin unterstützen.

? Das Cover der Kollaboration setzt sich von euren bisherigen doch ziemlich deutlich ab. Was gibt es dazu zu sagen?

Terence: Das Cover stammt von Sean Dack. Er ist ein großartiger Künstler, der in Bereichen digitale Bilder, Videos und Skulpturen tätig ist. Ich mag seine Arbeiten sehr und er ist ein Freund von mir. Ich wollte schon immer mit ihm zusammenarbeiten und ich fand, dass das Bild sehr gut zu der Musik passt.

? Eure Arbeiten sind wesentlich dadurch geprägt, dass jeweils ein bestimmtes Equipment verwendet wurde. Was kam für die Zusammenarbeit zum Einsatz?

Terence: Wenn wir im Studio sind, suche ich gern nach Geräten, die niemand verwendet oder denen man seltsame Effekte entlocken kann. Ich kann mich erinnern, dass ich für “Loathe The Light“ ein Rhodes Piano verwendet habe. Es war mir gegenüber sehr unkooperativ, es schien keinen Weg zu geben, es zu kontrollieren, das mochte ich sehr. Dort stand auch noch eine alte Orgel, die ich für die Aufnahmen verwendete. Solche Dinge mag ich und Tape Echos – die sind immer anders.

Steven: Für diese Aufnahme habe ich einen Looper/ Sampler verwendet sowie einen tragbaren Kassettenrecorder, Contact Microphones und Schlagzeug.

André: Diesmal habe ich eine 12seitige Gitarre, einen Leslie-Lautsprecher, Effekte und Tape Delays genutzt.

? Daran schließt sich für uns eine weitere generelle Frage an. Welche Charakteristika muss ein Künstler besitzen, damit ihr eine Kollaboration eingeht? Inwieweit spielen in diesem Zusammenhang Kompromisse und Konsens eine Rolle?

Terence: Eine gewisse Unvoreingenommenheit ist wichtig. Kompromisse und Konsense sind für eine Kollaboration essentiell. Aber es war ein langer Weg für mich das einzusehen.

André: Bei einer Zusammenarbeit ist es wichtig herauszufinden, was die andere Person besonders gut kann und ihr dabei zu helfen, das auch wirklich umzusetzen. Man darf keine vorgefertigte Meinung haben, sondern man muss schauen, was passiert. Zumindest ist es das, was ich unter einer Kollaboration verstehe.

? Was entgegnet ihr Leuten, die meinen, dass es heutzutage keine wirklich neue Musik mehr gibt, sondern alles nur eine Ansammlung von Zitaten sei?

Terence: Diese Leute sollten nicht so viel über Musik lesen, sondern lieber Musik hören. Natürlich wird viel zitiert, aber es geht darum, etwas zu entdecken. Niemand hat behauptet, dass Kultur einfach ist, aber ich finde immer wieder einzigartige Sounds in der ganzen Welt. Man muss einfach genau hinhören.

Steven: Eine Ansammlung von Zitaten?Das ist vollkommener Unsinn. Musik ist eine Kunstform, sei sie nun gut oder schlecht. Sie ist ein Medium für den künstlerischen Ausdruck – eine Möglichkeit, um Gefühle, Stimmungen, Ideen und Gedanken zu formulieren – hinter jedem veröffentlichten Musikstück steht eine persönliche Geschichte des jeweiligen Künstlers, auch wenn man das nicht immer sofort heraushört. Viele Rezensenten heutzutage geben einer CD, LP oder mp3 nur einen Hördurchlauf, um dann zu beschreiben, was die Absicht des Künstlers war beziehungsweise ist. Das ist vollkommen unfair und ein Schlag in das Gesicht der jeweiligen Person, die die Musik geschrieben hat. Scheißt auf die Leute, die denken, dass Musik nur eine Ansammlung von Zitaten ist. Das sind Dummköpfe, die im falschen Bereich arbeiten. Sie sollten lieber über Toaster oder Geburtstagskarten schreiben, das würde besser zu ihnen passen.

? Wir haben ja bereits auf das letzte Jahr zurück geblickt. Welche Alben haben im Nachhinein den größten Eindruck bei euch hinterlassen?

Terence: Auf jeden Fall die aktuelle SWANS-Platte. Da gibt es keinen Zweifel. Das letzte Album von SUTEKH HEXEN “Behind The Throne“ mag ich ebenfalls. Die Wiederveröffentlichung von Gunter Schickerts “Überfällig“ auf Bureau B war eine tolle Überraschung. Außerdem möchte ich TREPANERINGSRITUALEN jedem empfehlen und alles was auf Isounderscore erscheint.

Steven: KTL “V“, SWANS “Seer“, DEATHSPELL OMEGA “Drought”, Jon Mueller & James Plotkin ”Terminal Velocity”, STEINBRÜCHEL “SINUS”, HORSEBACK “Half Blood”, Vieo Abiungo & Peter Monro “Thunder May Have Ruined The Moment”, LOSCIL ”Sketches From New Brighton” und alle Veröffentlichungen von Utech Records. Und ihr solltet euch die Sachen von GOG und SUTEKH HEXEN anhören.

André: Das kann ich erst in einigen Jahren wirklich beantworten. Wenn ich auf die Liste meiner Lieblingsalben 2010 schaue, höre ich mir nur noch wenige davon an. Viele Sachen von dieser Liste hasse ich heute sogar! Bis jetzt würde ich sagen, hat die HIGH AURA`D-LP auf Bathetic mir sehr gut gefallen. Die Doppel-LP von THE TETRAS (Flingco Sound System) läuft häufig auf meinem Plattenspieler. Sehr gut fand ich auch die LP von Frank Rosaly auf Utech Records und die neue Neil Jendon-CD auf Crippled Intellect Productions.

? In den vergangenen Interviews mit unserem Magazin habt ihr immer wieder erwähnt, dass ihr in naher Zukunft Konzerte auch in Europa und speziell in Deutschland spielen möchtet. Gibt es diesbezüglich schon konkrete Pläne? Wie geht ihr an ein Live-Set heran?

Terence: Wir würden sehr gern nach Deutschland kommen, aber im Moment ist nichts geplant. Für dieses Album haben wir bestimmte Elemente geprobt, bevor wir sie aufgenommen haben. Wir sind gerade dabei uns für einige Auftritte Mitte März in den USA vorzubereiten. Ich denke, dass wir live niemals etwas zweimal gemacht haben, sondern wir verlängern bestimmte Abschnitte oder fügen neue Teile hinzu. Wir improvisieren eine Menge, deshalb bin ich sehr gespannt, was bei unseren Live-Auftritten passieren wird.

André: Ich hoffe, dass wir nach Deutschland kommen werden. Bitte sagt euren lokalen Konzertveranstaltern Bescheid, dass sie uns Angebote schicken. Häufig fragen uns Leute, ob wir irgendwo auftreten können, was uns sehr freut, aber wenn die Leute diesen Wunsch bei den Promotern formulierten, würden wir vielleicht einige Angebote für Shows oder Festivals erhalten. Wenn LOCRIAN nicht demnächst nach Deutschland kommen können, werde ich vielleicht einige Solo-Auftritte absolvieren, da ich schon seit einiger Zeit einen Freund in Berlin besuchen möchte.

Steven: Wir hoffen, dass wir in naher Zukunft in Europa auftreten können und Deutschland wird dann auch mit dabei sein. Es scheint eine Nachfrage für LOCRIAN-Auftritte in Europa und dem UK zu geben, die logistischen Dinge müssen aber noch geklärt werden. Um eure Frage in Bezug auf den Unterschied zwischen Live vs. Recording zu beantworten – in letzter Zeit haben wir neues Material von unserer bald erscheinenden Relapse-Veröffentlichung gespielt und wir haben die Songs fast genauso gespielt, wie man sie auf dem Album hören wird, dennoch haben wir auch einiges verändert, indem wir bestimmte Teile verlängert oder etwas Unerwartetes hinzugefügt haben. Leichte Veränderungen bei einem Live-Auftritt sind immer gut. Wir spielen auch Tracks von unseren Vorgängeralben. Einige dieser Tracks sind sehr nah bei den aufgenommenen Versionen, andere hingegen haben eine vollständige Überarbeitung erfahren.

? Neben LOCRIAN verfolgt jeder von euch andere Projekte. Könntet ihr kurz einen Überblick über diese Projekte und deren aktuellen Veröffentlichungsstand geben?

Terence: Ich bin als Solokünstler im Bereich Musik und  Visual Art tätig. Gerade habe ich auf dem schwedischen Kassettenlabel Belaten ein Tape mit dem Titel “Burning Impurities“ herausgebracht. Zudem arbeite ich an der Verpackung einer LP und an einem Kunstmagazin für Shelter Press aus Belgien. Vor kurzem ist bei Kiddiepunk ein Kunstbuch namens A.Y.P.S. erschienen, das Bilder und Kollagen von mir aus den letzten drei Jahren zeigt, sowie ein Interview mit mir (durchgeführt von Kevin Killian) beinhaltet. Außerdem arbeite ich an einer Serie für ein US-Label und an einer Zeitung, die zusammen mit dem  Tape “Dread Majesty“ bald bei Accidental Guest Recordings veröffentlicht wird.

André: Ich werde etwas über die fertigen Veröffentlichungen erzählen! Gemeinsam mit Neil Jendon und Mike Wies (Schlagzeuger von ZELIENOPLE) bin ich bei einem Projekt namens KWAIDAN aktiv und dieses Jahres wird bei Bathetic Records die LP “Make All The Hell Of Dark Metal Bright“ erscheinen. Außerdem habe ich verschiedene Gastautritte auf einigen Tracks meiner Freunde: OIKOS und DEAD DRAGON MOUNTAIN. Der OIKOS-Track wird auf einem Tape bei Land Of Decay veröffentlicht. Für den Track von DEAD DRAGON MOUNTAIN gibt es noch keine konkreten Pläne, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. In DEAD DRAGON MOUNTAIN spielen zwei Leute von SUN SPLITTER. Ich arbeite auch noch an anderen Projekten, aber dazu kann ich noch nichts Genaues sagen.

Steven: Es wird im April bei Kranky ein neues PAN AMERICAN-Album mit dem Titel “Cloud Room, Glass Room“ erscheinen. Wir planen im Sommer oder Herbst nach Europa zu kommen. Des Weiteren spiele ich mit Stefan Nemeth (LOKAI, ex-RADIAN) und Bernhard Breuer (ELECTRO GUZZI) in einem Projekt namens INNODE. Im Juni wird bei Editions Mego unser Album (inkl. Download) erscheinen. Wahrscheinlich werden wir im Oktober einige Shows in Österreich absolvieren. Zudem bin ich mit Bobby Donne (LABRADFORD/ BREADWINNER) und Mark Nelson (PAN AMERICAN/ LABRADFORD) in ein neues Projekt involviert, was zurzeit noch keinen Namen trägt. Wir haben gerade ein Album fertiggestellt, welches im Spätsommer oder Herbst bei Kranky erscheinen wird. Wir planen einige Live-Shows zu spielen und vielleicht können wir auch nach Europa kommen. Seit 2003 bin ich Teil des Projektes HAPTIC und wir haben einige Tonträger bei Entr`ace Records (UK) und FSS (US) herausgebracht. Wir arbeiten an einigen neuen Alben u.a. an einer DVD EP und einer Kollaboration, die wahrscheinlich Anfang 2014 veröffentlicht werden.

? Welche Veröffentlichungen sind auf Land Of Decay demnächst geplant?

Terence: Land Of Decay betreiben André und ich gemeinsam. Wir haben einen Haufen neuer Veröffentlichungen in Arbeit u.a. von: OKO (Deutschland), OIKOS (Spanien), SKIN GRAFT und VOMIR (Frankreich). Außerdem noch Veröffentlichungen von TEETHING VEILS, Ryan Tallman, Holly Hunt,  ein Live-Tape von DEAD WORLD und vieles mehr. Wir haben also eine Menge zu tun.

? Was könnt ihr uns darüber hinaus noch Entscheidendes über eure Zukunftspläne berichten?

Terence: LOCRIAN werden Mitte März drei Shows in den USA absolvieren. Dann wird im Frühjahr unser neues Album “Return To Annihilation“ als 2LP, als CD und in digitaler Form bei Relapse Records erscheinen.

André: Im Moment habe ich noch nicht über unsere zukünftigen Pläne nachgedacht, außer über die drei Shows, die wir im März spielen. Es sind zwei Jahre vergangen, seit wir live aufgetreten sind. Ich freue mich sehr darauf, denn bei Live-Auftritten entwickelt sich eine andere Energie, als das bei Studioaufnahmen der Fall ist.

Steven: Unser neues Album wird im Frühjahr erscheinen und wir planen im Anschluss daran, einige Shows an der Ostküste und in Kanada zu spielen. Danach hoffen, wir dass wir es schaffen, eine kleine Tour durch Europa zu organisieren.

? Möchtet ihr abschließend noch etwas hinzufügen?

Terence: Vielen Dank für euer Interesse und wir hoffen, dass wir bald nach Deutschland kommen können.

André: Danke für euer Interesse und wir sehen uns hoffentlich dieses Jahr.

Steven: Vielen Dank für das Interview und bis bald.

Foto 1: Rik Garrett , Foto 2,3,4: Jérémi Linguenheld

(D.L., S.L., CVG)

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