JULIA KENT Interview

Das Erscheinen von “Delay“ – Julia Kents Debütalbum – markierte für die Künstlerin eine Zäsur. Bekannt durch unzählige Kollaborationen (z.B. ANTONY & THE JOHNSONS etc) ging sie mit “Delay“ den nächsten logischen Schritt. Was lässt sich nun über “Delay“ sagen? Thematisch greift Julia Kent ihr “Unterwegssein“ auf bzw. reflektiert sie auf dem Album ihr Dasein als Künstlerin “on the road“. Musikalisch betrachtet, lässt sich sagen, dass die Strahlkraft der Stücke unablässig transportiert, dass die Künstlerin in ihren Stücken wohnt, ja sie sogar bewohnt. Wie dieses “Wohnen“ aussieht – und was die Künstlerin darüber hinaus antreibt, soll das nun folgende Interview klären. Das Fotomaterial stammt von Hilary Mc Hone.

? Den Namen Julia Kent assoziiert man mit dem Streichinstrument Cello. Wie kam es dazu, dass du das Cello als Instrument für dich gewählt hast?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich war, die das Cello ausgewählt hat. Ich habe begonnen es zu spielen, als ich noch sehr jung war. Wahrscheinlich haben mich auch meine Eltern etwas beeinflusst. Aber ich bin sehr glücklich darüber, ein Instrument zu spielen, das solch ein breites Spektrum und solch ein einzigartiges Timbre besitzt.

? In der deutschen Kulturlandschaft gibt es eine strenge Unterscheidung zwischen klassischer und populärer Musik. Wie stehst du dem gegenüber?

Als ich begann Musik zu studieren, existierte definitiv eine klare Trennung zwischen klassischer und populärer Musik. Mittlerweile glaube ich, dass diese Grenzen immer mehr verschwimmen. Das ist großartig.

? Zum einen bist du vielen Lesern wahrscheinlich durch deine Zusammenarbeit mit ANTONY & THE JOHNSONS, ANGELS OF LIGHT, LARSEN, BACKWORLD, CURRENT 93 etc bekannt. Zum anderen ist dein Debütalbum “Delay“  letztes Jahr erschienen. Was bedeutet dieser Einschnitt für dich als Künstlerin?

Ich war glücklich über die Chance ein Album aufzunehmen und zu veröffentlichen, was vollkommen von mir stammt. Ich liebe es mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten, aber es war sehr befreiend, etwas alleine zu machen. Ich konnte damit am direktesten ausdrücken, was ich fühle.

? Wie ist das Album von der Hörerschaft aufgenommen worden?

Ich habe nichts in der Presse gelesen, aber ich habe eine Menge positive Rückmeldung von Leuten erhalten, die sich sehr viel Zeit genommen haben, um mir mitzuteilen, wie die Musik auf sie wirkt. Das bedeutet mir sehr viel.

? Dein Album kreist um das Thema Flughäfen. Was hat dich dazu veranlasst, dich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

Ich bin in den vergangenen paar Jahren viel getourt. Ich habe dadurch viel Zeit auf Flughäfen verbracht und habe begonnen, mich für Fughäfen als öffentliche Orte, an denen auch viele private emotionale Welten entstehen, zu interessieren.

? Begegnet dir der Themenkomplex “Flughafen“ dabei mitunter als ein kalter “Nicht-Ort“, eine Art “Anti-Zu-Hause“, welcher ambivalent die Empfindungen “Anziehen“ und “Abstoßen“ ausstrahlt?

“Anti-Zu-Hause“ ist ein tolles Konzept. Genau so empfinde ich Flughäfen: Sie sind eine Art Raum, an dem man im Limbus ist, zwischen Welten. Es gibt Vor- und Nachteile, von zu Hause weg zu sein.

? Wie sah der Entstehungs- und Aufnahmeprozess des Albums aus?

Ich begann damit bei mir zu Hause aufzunehmen und allmählich sammelte sich Material für ein gesamtes Album an. Es ist toll, ein Album zu Hause aufnehmen zu können. Ich lebe in New York. Dort befindet man sich ständig im Kampf mit den Geräuschen von der Straße. Vielleicht werde ich diese auf meinem nächsten Album mit einbeziehen.

? In einem Interview war zu lesen, dass dich das Album “World Of Echo“ von Arthur Russell sehr beeinflusst hat. Was schätzt du an der Musik von Arthur Russell?

Ich bete Arthur Russell wirklich an: Seine Musik ist so erstaunlich eingängig und voller Pop, aber sie klingt gleichzeitig total organisch und als sei sie ohne Anstrengung entstanden. “World Of Echo“ ist für mich ein Meisterwerk, das das Intime externalisiert: Es ist, als ob er einem ins Ohr flüstert. Ich habe einen Soloauftritt von ihm im Anchorage unter der Brooklyn Bridge gesehen, als dort noch Konzerte veranstaltet wurden. Nur er und sein Cello – und das werde ich nie vergessen.

? Du warst unter anderem letztes Jahr an dem BLIND CAVE SALAMANDER-Album beteiligt. Wie kam es zu diesem Projekt?

BLIND CAVE SALAMANDER ist ein Projekt von Fabrizio Modonese Palumbo (LARSEN) und Paul Beauchamp (GULLINKAMBI). Ich liebe es mit ihnen zu spielen. Sie kreieren eine unglaubliche Atmosphäre. In Turin haben wir einige Sessions für das nächste Album gemacht.

? Zudem hast du an der viel beachteten Veröffentlichung LARSEN AND FRIENDS “ABECEDA“ mitgewirkt. Wie habt ihr euren Auftritt koordiniert? Welchen Rahmen nahmen Absprache und Improvisation sein?

LARSEN haben die Arrangements gemacht. Ich hatte den Freiraum meinen Part etwas zu improvisieren. Jedoch habe ich die Elemente der Hauptmelodie konstant gehalten. “ABECEDA“ ist eine fantastische Show – sehr multimedial. Es wäre toll, wenn wir die Möglichkeit hätten, in Nordamerika damit aufzutreten.

? Warst du bereits vorher mit dem Werk von Karel Teige vertraut?

Ich kannte Karel Teige vorher nicht. Ich bin sehr froh darüber, sein Werk durch den “ABECEDA“-Auftritt entdeckt zu haben.

? Welche Empfindungen beschleichen dich, wenn du bei deinen Solokonzerten allein im Fokus stehst?

Das kann etwas nervenaufreibend sein. Aber es stärkt einen auch mental, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist.

? Auf der Bühne bist du als Künstlerin in einer exponierten Position. Welche Gefühle löst das bei dir aus?

Da ich mein Cello an meiner Seite habe, fühle ich mich nie vollkommen allein. Außerdem fühle ich auch immer eine Verbindung zwischen dem Publikum und mir.

? Du bist in letzter Zeit viel durch Europa getourt. Welche Eindrücke konntest du dabei sammeln?

Ich liebe es in Europa aufzutreten: das Publikum ist sehr offen, die Städte sind immer interessant und schön und das Essen ist vorzüglich.

? Bist du gern “unterwegs“?

Ja, ich reise sehr gern. Ich bin immer daran interessiert, neue Orte zu entdecken. Natürlich bietet das Reisen mit einem Cello enorme Herausforderungen.

? Vor einigen Monaten bist du mit BABY DEE in Düsseldorf aufgetreten. Es waren nur wenige Leute da. Ist es dir angenehmer vor einem kleinen Publikum zu spielen oder bist du darüber enttäuscht?

Der Auftritt in Düsseldorf hat sehr viel Spaß gemacht, weil das Publikum sehr dankbar war. Ich bin niemals über die Größe des Publikums enttäuscht. Wenige Leute können einer Show eine sehr vertrauliche Atmosphäre verleihen.

? Du hast auch für STARS OF THE LID eröffnet, die du als deine Lieblingsband bezeichnest. Welche Erinnerungen hast du an diesen Auftritt?

Ich werde STARS OF THE LID als Mitglied ihres Streicherensembles auf ihrer Tour durch Nordamerika und Großbritannien im April und Mai begleiten. Darüber freue ich mich sehr. Ich liebe ihre Musik. Sie ist die perfekte Fusion aus organischen und elektronischen Elementen und unglaublich atmosphärisch und emotional.

? Wie bereits erwähnt, hast du mit vielen anderen Künstlern zusammengearbeitet. Wie ergeben sich diese Kollaborationen in der Regel? Würdest du dich selber als Teil eines Netzwerkes sehen?

Ich begreife mich nicht als Teil eines Netzwerkes in dem Sinne. Durch das Internet hat man die Möglichkeit leicht in Kontakt mit Leuten aus der ganzen Welt zu treten. Und so beginnen die meisten meiner Kollaborationen.

? Gab es auch Kollaborationen, die für dich (persönlich oder musikalisch) enttäuschend waren?

Ich kann nicht sagen, dass ich jemals enttäuscht war, mit jemanden zusammen gearbeitet zu haben. Es gibt immer etwas, das man aus einer Kollaboration lernen kann.

? Welche Kollaborationen sind für dieses Jahr geplant und welche Solopläne hast du für 2008?

Es wird einige Improvisations-Auftritte mit der Künstlerin Barbara De Dominics in Italien geben und ich habe mit verschiedenen Electronic-Musikern über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen. Außerdem habe ich damit begonnen, das Nachfolgealbum zu “Delay“ aufzunehmen und ich hoffe im Spätfrühling oder Sommer noch einige Soloshows absolvieren zu können.

(D.L., S.L., M.G.)

 

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