SUNDAY STRAIN Interview

Das Label Sonderübertragung ist in den letzten Jahren immer stärker in den  Fokus der Subkultur  getreten. ANTLERS MULM und LLOVESPELL sind schon längst keine Geheimtipps mehr. Immer wieder gelingt es dem Label im Ozean des Vorhandenen zu fischen und kleine perlenbesetzte Muscheln zu Tage zu fördern. Eine dieser Muscheln trägt den Namen SUNDAY STRAIN. Das Projekt um Stephan S. und Dorain W. hat einen Erstling vorgelegt, der von Beginn an überzeugt und bei jedem Hören zu wachsen scheint. Grund genug den Schöpfern dieses Debüts nachzuspüren.

? Eure erste Veröffentlichung “Red, Black And White” hat dieser Tage das Licht der Welt erblickt. Könnt ihr unseren Lesern den Weg von der Findung des Projektes bis heute nachzeichnen?

Dorain: Auf der Suche nach geeigneten Musikprojektpartnern haben sich unsere Wege mehr oder weniger zufällig ungefähr Ende 2005 gekreuzt. Relativ schnell sind wir übereingekommen, einfach zu probieren in wie weit wir musikalisch bereichernd zusammenpassen und nach einem ersten positiven Ideenaustausch – Stephan hat die Musik beigesteuert und ich die Gesangslinien und von uns beiden kamen abwechselnd Texte – fanden wir uns plötzlich an den Arbeiten für ein komplettes Album wieder. Dieses wurde gegen Ende 2006 fertig gestellt, aber aus verschiedenen Gründen wäre es beinahe in den unendlichen Weiten einer Schublade verschwunden. Doch Dank Hans Johm hat unser Album “Red, Black And White” dennoch das Licht der Welt erblickt und darüber sind wir sehr erfreut.

? Von unserer Seite kann festgehalten werden, dass euer Album eine Bereicherung ist. Welche Form der Resonanz habt ihr erhalten und wirst du Stephan in diesem Zusammenhang zu den Unterschieden beziehungsweise Gemeinsamkeiten bezüglich deines anderen Projektes LLOVESPELL gefragt und wenn ja, worin siehst du diese?

Dorain: Vielen Dank! Bisher war die Resonanz von den unterschiedlichsten Seiten recht positiv.

Stephan: Die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten wurde bisher nicht gestellt. Vielmehr wurden Antwortungen und Meinungen zu diesem Vergleich angeboten. Eine Konstante dabei war, SUNDAY STRAIN als wesentlich eingängiger als LLOVESPELL wahrzunehmen. Ich beabsichtigte das genaue Gegenteil. Für mich bedeutete die Arbeit mit Dorain experimentieren zu können und stilistische Grenzen zu übertreten. Auch wenn es sich dabei wahrscheinlich immer nur um die stilistischen Grenzen meiner Arbeit mit LLOVESPELL handeln kann.

? Nach dem ersten Hören eures Albums drängte sich bei uns spontan der Eindruck auf, dass uns “Red, Black And White” an das Album “Close The Door” von TERRANOVA erinnert. Könnt ihr mit dieser Parallele etwas anfangen? Gibt es eurerseits Überlegungen in welchem Genre sich SUNDAY STRAIN am besten aufgehoben fühlen könnten?

Dorain: Es sind keine Parallelen zu anderen Projekten beabsichtigt gewesen. Auch kenne ich das benannte Album und auch TERRANOVA nicht – von daher kann ich mit dieser Parallele, so sie denn auch objektiv besteht, vordergründig nichts anfangen. Hintergründig weckt euer Hinweis schon die Neugier auf das genannte Projekt. “Genretechnisch” würde ich SUNDAY STRAIN im 80er-Synthie-Dark-Ambient-Wave-Pop verorten.

Stephan: Auch ich werde diese eventuelle Parallele erst nachprüfen müssen. Überlegungen SUNDAY STRAIN in einem Genre verorten zu wollen, gab es meinerseits nicht.

? Würdet ihr sagen, dass eure Musik sich bewusst bestimmter popkultureller Rückgriffe und Zitate bedient?

Dorain: Wenn die Frage das Interesse daran zum Ausdruck bringt, ob wir “Popmusik” im Sinne des Wortes zu machen gedachten, so möchte ich sie verneinen. Doch sind wir Kinder unserer Zeit und können und wollen uns davon nicht freimachen, so dass von uns bevorzugte stilistische Mittel durchaus bereits in Facetten der Popkultur zu finden sein mögen. Bewusst und beabsichtigt war da nichts.

Stephan: Selbst in vollkommener Isolation scheint es nicht möglich musikalisch Undefiniertes zu schaffen. Das Quellenverzeichnis wird dabei meist nach dem Schaffensprozess angelegt.

? Ist der Name des Projekts eine Anspielung auf MORRISSEYs “Everyday Is Like Sunday”?

Dorain: Namen mit sich nicht jedem erschließenden Inhalten/ Aussagen sind symbolträchtig, haben symbolische Eigenschaften – wenn dazu ein Name noch prägnant, kurz und klanglich homogen erscheint, ist das die richtige Mischung für die Betitelung eines neuen Projekts. Anders gesagt: Manchmal hat für die “Außenwelt” ein Name eine oder mehrere Bedeutungen und weckt dadurch ihr Interesse – auch, wenn die eigentliche Bedeutung für die “Innenwelt” eine ganz andere ist – beide Bedeutungen existieren, sind also wahr – wieso soll man also einer der “Welten”, ob “außen” oder “innen”, die Bedeutung nehmen?

? Wir wissen, dass ihr an verschiedenen Orten lebt. Welchen Einfluss hat dies auf euren gemeinsamen Schöpfungsprozess und wie werthaltig stuft ihr in diesem Zusammenhang die Variable Abstand ein?

Dorain: Der Einfluss liegt vornehmlich darin, dass wir uns nicht einfach so und schnell im Studio treffen können, um Ideen auszutauschen oder einfach der Muse freien Lauf zu lassen. Unsere kreativen Zentren liegen also jeweils an unserem Lebensmittelpunkt. Sie, die räumliche Nähe zueinander, hatte uns seinerzeit nicht gestört, als wir noch relativ nah beieinander wohnten – die Zeit übrigens, in der noch die Mehrzahl der Stücke entstanden ist. Der gemeinsamen Arbeit war dies eher zuträglich. Von einer Werthaltigkeit des nun bestehenden Abstands kann also aus künstlerischer Sicht keine Rede sein. Aus technischer Sicht kann gesagt werden, dass in Zeiten schnellster multimedialer Übertragungsmöglichkeiten die Entfernung überhaupt nicht behindert. Lediglich der nicht zu verachtende menschliche Austausch und die Möglichkeit, dem musikalischen Partner in die Augen sehen zu können, das gegenseitige musikalische Verständnis zu pflegen, sind eingeschränkt. Zum räumlichen Abstand kommt noch der lebensinhaltliche Abstand, resultierend aus dem jeweiligen Alltag, in welchem wir uns einsetzen und stark zu sein haben. Dennoch kann man auf diese Weise Projekte, die den eigenen Ansprüchen genügen, verwirklichen.

? Dorain, dein Gesangsstil wirkt auf uns sehr ausgefeilt, vor allem in puncto Klangfarbe und Tonhöhe. Hast du eine klassische Ausbildung genossen?

Dorain: Vielen Dank für die Blumen! Die Grundlage für meine Gesangsfähigkeiten wurde mir in die Wiege gelegt – wir sind eine sehr gesangsfreudige Familie. Von daher kann ich der Muse, die mich für ihren Kuss auserkoren hatte, nur danken. Den “Schliff” – wobei ich davon ausgehe, dass es nie der “letzte Schliff” sein wird – erhielt ich sprichwörtlich bei Kaffee, Gebäck und der eindrucksvollen “Nanny”, welches die Lieblings-TV-Serie meiner Gesangslehrerin war und vielleicht auch noch ist.

? Gibt es Kontexte, die von euch in Bezug auf die Rezeption eures Albums als wünschenswert erachtet werden?

Dorain: Wir erdreisten uns nicht, anderen eine Rezeption des Albums “aufzuwünschen” – das Album soll für jeden sein, was es für ihn ist. Für den einen mag es anspruchsloser Müll sein, für den anderen eine Traumlandschaft in Noten. Es soll also noch nicht einmal “gefallen” – wenn es das jedoch tut, umso besser. Wir freuen uns natürlich, wenn das so ist. Gäbe es doch Anlass zu der Vermutung, dass es “da draußen” doch noch Leute gibt, die nicht vom Einheitsmassenwahn unseres Zeitalters verschluckt wurden. Vielleicht ist das auch der indirekte Kontext: das Album wird nur Leuten zugänglich sein, die sich noch den freien Blick bewahrt haben – sollte das Fall sein, gibt es Hoffnung.

? Sind spezielle Referenzen mit dem Albumtitel angesteuert?

Dorain: Welche könnten das sein? Beabsichtigt waren und sind keine Referenzen.

Stephan: Auch hier steht die Hoffnung auf den freien Blick im Vordergrund.

? Das Album ist ein Eisner-Heim-Produkt. Bei den Veröffentlichungen auf Sonderübertragung kann man den Eindruck haben, dass obwohl dort diverse musikalische Stilistika und verschiedene Charaktere ihre Heimstätte haben, es etwas Verbindendes zwischen den einzelnen Veröffentlichungen gibt. Seht ihr das auch so und wenn ja, worin besteht das Verbindende?

Stephan: Das Eisner-Heim ist nicht nur Heimstätte, sondern auch Verbindung. Die Arbeitsplätze sind nur wenige Türen und ein paar Schritte voneinander entfernt. Soziologische, psychologische und spirituelle Erklärungen wären also gleichermaßen als Antwort in Frage kommend. Nach längerem Nachdenken scheint für mich der philosophische Aspekt, die Frage nach dem “Warum” des Schaffens die eigentliche Verbindung auszumachen.

? ANTLERS MULM hat in zweierlei Hinsicht künstlerischen Einfluss auf eure Veröffentlichung. Zum einen findet sich ein ANTLERS MULM-Remix des Stückes “Lemmings” auf eurem Album und zum anderen covert ihr das ANTLERS MULM-Stück “Bohemians From Beyond”. Zunächst – warum habt ihr euch entschieden, einen Platz für einen Remix auf dem Album zu schaffen?

Stephan: Mir war eine weitere Interpretation dieses Titels wichtig, da es mir nicht gelungen war, alle vorhanden musikalischen Ideen für diesen zu verwenden und einzubeziehen. Ich bin sehr froh, dass Hans besonders auf die nicht für den Originaltitel verwendeten Aufnahmen und Sequenzen eingegangen ist.

? “Bohemians From Beyond” ist sicherlich mehr als ein “einfacher” ANTLERS MULM-Track. Im Titel kann man auch eine Haltung, eine Bestimmung des “Ichs” lesen. Würdet ihr dem zustimmen und wenn ja, wo liegen diesbezüglich die inhaltlichen Schnittpunkte zwischen eurer Lesart des Titels und der von Hans Johm (ANTLERS MULM)?

Stephan: “Bohemians From Beyond” ist gleichzeitig Haltung und Versteck. Es ist ein Irrglaube, dass man als Künstler das Senden einer bestimmten Weltsicht verneinen oder gar verantwortungslos als unbeabsichtigt bezeichnen könnte. Das fordert heraus und hemmt gleichermaßen. “Bohemians From Beyond” ist für mich ein Raum, in dem das alles keine Bedeutung hat. Ein Raum, den man nur nach einer Aufforderung und auf ausdrücklichen Wunsch betreten kann. Über meine Vermutungen zu Hans Les- beziehungsweise Schreibart des Titels möchte ich hier keine Auskunft geben.

? An diese Frage schließt sich unserer Meinung nach eine generelle Problemstellung an. Welche Rolle spielt die Frage der Standortbestimmung für euch?

Dorain: So unterschiedlich die Begriffe auch anmuten mögen, so gehört doch für mich zum “Standort”, den es zu bestimmen, respektive zu finden gilt, auch immer ein Standpunkt. Ich erlaube mir in dieser nach meinem Empfinden standortlosen, oder auch “entwurzelten”, Welt, was sinngemäß auf dasselbe hinausläuft, einen Standpunkt zu haben und bisweilen auch zu vertreten. Der Standpunkt bestimmt den Standort – wenn beides nicht bekannt oder vorhanden, schwebt man entwurzelt und gleichsam atomisiert im Kosmos der menschlichen Gesellschaft. Insofern spielt die Frage der Standortbestimmung eine essentielle, wenn nicht gar existentielle Rolle.

? Gibt es inhaltliche Fixpunkte, die ihr in euren Veröffentlichungen ansteuert?

Dorain: Davon ausgehend, dass Form auch Inhalt ist, kann man das bejahen. Ansonsten schreiben und “bekunsten” wir – sowohl auf den Text als auch auf die Musik bezogen – die Dinge, wie sie uns in den Sinn kommen – sicher in Abhängigkeit von Erlebtem, Stimmungen, Sorgen, Gedanken – wie normale Menschen eben. So kann man jedes Stück als eigenen inhaltlichen Fixpunkt betrachten. Hinzu kommt, dass sowohl Stephan als auch ich aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen eine zumindest in Nuancen andere subjektive Sicht, mit anderen Denkmustern und “geistigen Fixpunkten” (um bei eurer Formulierung zu bleiben) als Folge haben – insofern kann man nicht von bestimmten inhaltlichen Fixpunkten ausgehen, muss dies also verneinen.

? Würdet ihr zustimmen, wenn man folgendes Bild, um SUNDAY STRAIN zu beschreiben, nutzen würde: SUNDAY STRAIN scheinen wie eine Kurve zu sein – eine Kurve einer Landstraße. Speziell wenn es dunkel wird und das Tageslicht das Offensichtliche verhüllt, zwingt die Kurve die sie befahrenden Fahrzeuge dazu, das Fernlicht abzublenden, um nicht mit dem Gegenverkehr zu kollidieren. Anders gefragt, liegt im Fluss zweier scheinbar entgegen gesetzter Ströme, bei abgedunkelter Sicht das wahre Wesen von SUNDAY STRAIN?

Dorain: Gut, dass ihr die Frage noch einmal “anders gefragt” habt – die Kurvengeschichte hat sich mir nicht so recht erschlossen, obwohl ich die Szenerie sogar auf dunkler Landstraßenkurve nachgestellt habe. Das Wesen von SUNDAY STRAIN liegt unbestreitbar in den Protagonisten des Projekts: Stephan und mir. Wir sind sicher nicht zwei “gleichlaufende Ströme”, um bei eurem Strombild zu verweilen – höchstwahrscheinlich aber auch nicht “entgegengesetzt” – ich könnte mir ansonsten das gute künstlerische gegenseitige Verständnis nicht erklären. Ihr habt also sicher insofern Recht, wenn im “Fluss” zwischen uns beiden das Wesen des Ganzen zu finden ist

? Wird es demnächst Live-Auftritte geben?

Dorain: Im Frühjahr nächsten Jahres sind zwei Auftritte geplant – konkrete Termine stehen aber noch nicht – näheres dazu kann man sicher in Kürze unserer myspace Seite entnehmen.

? Wie sehen die Zukunftspläne von SUNDAY STRAIN aus?

Dorain: Wie gesagt, es sind Auftritte geplant, die natürlich einer gewissen Vorbereitung bedürfen und demnächst werden wir auch wieder mit der Arbeit an neuen Stücken beginnen.

? Abschließende Worte?

Dorain: Vielen Dank für das Interview und vielen Dank an die Unterstützer unseres Projekts.

- D.L. & M.G. & S.L. -

Vertrieb: Sonderübertragung / Dark Vinyl Distribution
Mailorder: Going Underground
 

Stichworte:
,