AALFANG MIT PFERDEKOPF – Kinderspechleber (CD+LP)

Ob Aalfang mit Pferdekopf oder unter dem echten Namen (Mirko Uhlig); ein sicheres Hantieren mit den Grauzonen der Genres bei gleichzeitiger Fokussierung auf den Zusammenhang als Werk; in der Form, wie Mirko Uhlig derartiges immer wieder vorlegt macht ihm das so schnell keiner nach.

In kurz: der echte Nachfolger der damals wie heute fantastischen „VIVMMI“ (auf „Ex Ovo“ als Cdr und „Plinkity Plonk“ als Vinyl). (In länger:) und wieder kommt scheinbar Unvereinbares wie selbstverständlich zusammen und ein ganz eigener (und sehr skurriler) Humor durchzieht das Ganze. Das fängt schon bei dem Titel der Veröffentlichung an und hört bei den Titeln der einzelnen Stücke längst nicht auf; allein der Einstieg in die #2, „Die Langholzlerber, S. 229ff (An Klaus E. Müller)“ nach dem dronig/ statischem „Sainte Cecile Oe Le Clavier Oculaire“ muss Man(n + Frau) gehört haben, um es zu glauben: verbale Einleitung, Gitarrenlick mit Bass und Drums (Sample?), Kinderstimmen und Fahrradklingeln. Und das als Auftakt für ein ätherisch/ experimentelles Stück, das sich urplötzlich in eine Collage aus Songfragmenten, Field-Recording und Musique Concrète dreht; einschließlich kryptischer Ansagen. „Sab Simplex / Lycopodium D12“ greift die ätherischen Momente des Vorgängers auf und entwickelt eine ganz hintergründige Drone-Melodie, die scheinbar wie von irgendwo durch die Fauna-Fieldrecordings nach vorn schallt. Und plötzlich die Oberhand gewinnt und, wiederum, das Stück fast völlig dreht: sind wir am Ende im Haus angekommen? Hören wir sogar Jürgenson? Wo ist das?

Seite 2 und der visuelle Clash zwischen dem Robert-Schalinski-Blueprint-SW-Label  der Seite A (perfect, by the way; man beachte die Details in Grafik und Bedeutungsebenen) und den kopulierenden Kühen in Color als Seite B Label. Passt aber dennoch wie die Faust aufs Auge, auch wenn sich dies hier geschrieben genauso abstrus anhört wie die Rückwärtskonversation nach den Kinderstatements/ Musiksprenkseln/ untergelegten Wander-E-Gitarrenlicks auf dem Opener der Seite „Diese Stadt. Mit Parenthesen“ (Ingredienzien, die, unnötig es zu erwähnen, hier als unverträgliche Zutaten ein hervorragendes Gericht abgeben). Mit „Mœbius Mekonium: Galloping Ponies“ führt uns der Held dann in die Geheimnisse des Ponyreitens ein, eine Fähigkeit, die er ja bereits vor einiger Zeit in Zusammenarbeit mit Marcus Obst erlernt hatte („Vertical Horse Lesson“, 2008). Das abschließende „Les Mouches Volantes“ bündelt all diese Elemente noch einmal zu einer fast dramatischen Collage, wiederum zwischen Ernst und Komik pendelnd; zwischen abstrakter Collage und musikalischer Geschlossenheit. Und gerade die Tatsache, dass Aalfang mit Pferdekopf die einzelnen außermusikalischen Elemente innerhalb der einzelnen Stücke auch immer mal wiederkehren lässt, schweißt „Kindspechleber“ zu einem Werk zusammen; jeder Collagenhaftigkeit zum Trotz…

Die neben Mirko Uhlig benannten Mitstreiter und ihre Aufgabenfelder bleiben in ihrer Realität uneinschätzbar; möglicherweise tatsächliche Kollaborateure, möglicherweise auch reine Fiction. Das Ganze in einem von Robert Schalinski entworfenen SW-Cover mit der für ihn geradezu typischen Gestaltung auf dem Back-Cover (Typo, Rahmen und insbesondere die Vorliebe für obskure, möglicherweise medizinische Instrumente, von denen wieder einmal ein besonders besorgniserregendes den Weg auf das Cover gefunden hat). Das Frontcover als perfekt auf den Punkt gebrachte Collage; vielgestaltig wie die Musik und genau so eine Einheit in der Vielgestaltigkeit wie diese…

Das wars? Aalfang mit Pferdekopf (und dem Label empiric records, Nachfolge von Droehnhaus) sei Dank: es geht noch weiter. Die „Kall Trä“-CD erweitert das Kapitel „Kindspechleber“ um weitere 38 Minuten, unterteilt in vier sehr unterschiedlich lange Abschnitte, dessen ersten, „Aux Aux Aux“, die Rolle eines geräuschhaften Auftakts zukommt (der nebenbei beruhigenderweise zeigt, dass die Schallplattenkratzer und Sprunggeräusche der LP so gewollt sind… Aufspringen und Prüfen also unnötig). „Nakkl Trä“ arbeitet mit ätherischen Feedbackdrones und einer unsteten Oszillation, die zunehmend mit sich selbst kollidiert und zahlreichen weiteren Geräuschinterventionen Platz einräumen muss; mit peitschend treibenden, perkussionsartigen Elementen als (auch harmonisch und dynamisch unterstützten) Höhepunkt.

„Moebius Kaldarium“, der (abgeleitet von der Länge) zweite Center-Track der „Kall Trä“ CD, ist das vielleicht düsterste Stück des analog / digital Doppels überhaupt: verhallte Resonanzen von irgendwo, gespenstisch; manchmal wie ein geisterhafter Chor… In seinem Ende fast plötzlich konkreter.  „Die Hungervogellockvorrichtung“ ist vom Titel her natürlich wieder vollkommen Mirko Uhlig / Aalfang mit Pferdekopf Humor; als Stück zeigt es seine beschwörende Kraft aus (nicht nur für die benannten Vögel attraktiven) schwankenden Drone-Gespinsten mit irgendwo darunter liegenden Flattern, Vogelstimmen und und und…

Und noch ein Eindruck am Ende: die CD ist weniger collagenhaft als die LP; mehr Ingredienzien aus dem gleichen Regal, weniger Clash. Voilá.

(N)

Format: CD+LP
Vertrieb: EMPERIC RECORDS
 

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