LUTZ DAMMBECK – Besessen von Pop (BUCH)

Seit den frühen 1980er Jahren arbeitet der Medienkünstler Lutz Dammbeck an seinem HERAKLES KONZEPT, einem multimedialen Forschungsprojekt aus Experimental- und Dokumentarfilmen, Perfomances, Rauminstallationen und Collagen, in dem er Versuchsanordnungen schafft, um dem vielschichtigen Verhältnis von Kunst und Macht in den gesellschaftlichen Systemen des 20. Jahrhunderts nachzuspüren. Mit Besessen von Pop legt Dammbeck nun seine Autobiographie vor, die sowohl Lebensbeschreibung als auch Werkgeschichte ist, sondern auch eine Zäsur in seinem bisherigen Schaffen markiert.

Zunächst zeichnet Dammbeck seine Kindheit im Leipzig der 1950er Jahre nach. Er schildert den Alltag in der sich langsam etablierenden SED-Diktatur, die Kontakte zu Westdeutschen, die während der Leipziger Messe alljährlich samt Fresspaketen als Untermieter in die Wohnung der Familie ziehen, seine Schulzeit sowie die Ausbildung zum Schriftsetzer und dem sich ab 1967 anschließenden Studium an der Leipziger Kunstakademie. Wesentlich prägender als die Lehrinhalte werden für Dammbeck und seine Kommilitonen die oft heimlich konsumierte westliche Popkultur: Rockmusik, Cartoons oder die Undergroundcomics von Robert Crumb öffnen Fenster in gänzlich andere Welten jenseits der DDR-Tristesse jener Jahre. Im August 1968 muss Dammbeck am eigenen Leib die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings miterleben, was eine erste Entfremdung vom SED-Staat bewirkt. Er beginnt mit der Produktion kurzer Animationsfilme, aber da er ganz eigene ästhetische und dramaturgische Ansätze verfolgt, stößt er rasch an die Grenzen dessen, was die Kulturbürokratie erlaubt und vor allem nicht erlaubt. In den folgenden Jahren geht es für Dammbeck und seine Kollegen in erster Linie darum, sich innerhalb des Systems Freiräume zu erkämpfen, in denen sie ihre eigenen künstlerischen Visionen fernab der Sozialistischen Realismus realisieren können. Zu einem Fanal wird die Ausstellung „Leipziger Herbstalon“, die Dammbeck mit anderen Künstlern 1984 hinter dem Rücken der Kulturbürokratie organisiert und diese damit sowohl brüskiert als auch blamiert. In diesen Passagen wird Dammbecks Lebensgeschichte auch zu einer aus einer subjektiven Perspektive erzählten Kunstgeschichte der DDR der 1980er-Jahre. In der Folge werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Dammbeck immer problematischer, bis ihm 1986 die Behörden erlauben, mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter in die Bundesrepublik auszureisen.

Im Westen angekommen, muss Dammbeck rasch erkennen, dass seine Arbeit als Künstler auch hier von äußeren Zwängen eingeschränkt wird: statt den Vorgaben einer staatlichen Kulturbürokratie ist es nun die Macht des Marktes und die ihn bestimmenden Moden, die die Marschrichtung vorgeben. Eindringlich schildert Dammbeck seine vergeblichen Versuche, seine Arbeiten bei Galerien oder Kunstvereinen unterzubringen, die jene wegen ihrer vermeintlichen Sperrigkeit und ihres unzeitgemäßen Charakters jedoch rundweg ablehnen. So ist der Neuankömmling zeitweilig sogar gezwungen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, um seine Familie ernähren zu können. Auch bei der Finanzierung seiner Dokumentarfilme stößt Dammbeck immer wieder auf Widerstände. So lehnen mehrere Filmförderungsanstalten und Fernsehsender es ab, den Breker-Film Zeit der Götter zu unterstützen, ohne konkrete Begründungen für ihre Entscheidungen zu liefern. Allerdings stößt Dammbeck auf ein diffuses Unbehagen am Thema Breker, und eine Redakteurin des WDR sagt ihm offen ins Gesicht, dass man keinen Film über Arno Breker machen wolle, da man fürchte, dass dessen Skulpturen bei vielen Zuschauern auf ein positives Echo stoßen könne. Ironischerweise ist es dann die in den letzten Zügen liegende Filmförderung  der DDR, die Dammbeck  Anfang 1990 die nötigen Gelder zukommen lässt.

In seinem Rückblick lässt Dammbeck auch noch einmal jene oppositionellen Einzelkämpfer Revue passieren, die ihm während seiner Recherchen entlang der Bruchstellen zwischen dem Modernisierungsprozess und dessen Gegner begegnet sind. So kristallisiert sich bei der Arbeit an dem Film Das Meisterspiel, der versucht, den Anschlag auf Gemälde von Arnulf Rainer aufzuklären, der Maler Christian Böhm-Ermolli, ein ehemaliger Schüler Rainers, als zentrale Gestalt heraus. Böhm-Ermolli war Mitte der 1990er Jahre eine Leitfigur der sich im Umfeld der FPÖ bewegenden neurechten Szene Wiens und versuchte, aus konservativem Gedankengut, Techno, Nazi-Esoterik und weiteren Zutaten ein antidemokratisches und elitäres Lebensgefühl zu entwickeln. Und in Das Netz aus dem Jahr 2003 wird der Mathematiker Ted Kaczynski, ein ehemaliger Harvardprofessor, zum eigentlichen Protagonisten. Kaczynski zieht sich Anfang der 1970er Jahre in eine Hütte in den Wäldern Montanas zurück und führt von dort aus seinen Kampf gegen die Industriegesellschaft, indem er als sogenannter Unabomber Bomben an Fluggesellschaften und Universitäten verschickt. Zeitweilig unterhielt Dammbeck mit dem seit 1996 inhaftierten Kaczynski einen Briefwechsel, ferner veröffentliche er eine deutsche Übersetzung von dessen antizivilisatorischen Manifest im Buch zum Film. Bei allen ideologischen Differenzen einigt Böhm-Ermolli und Kaczynski ihr Bestreben, zu den elementaren Wurzeln der menschlichen Daseins vorzudringen und einer Welt der Künstlichkeit etwas Authentisch-Existentielles entgegenzusetzen: Böhm-Ermolli wählt den dionysischen Rausch auf Ecstasybasis, während Kaczynski den Weg “Zurück zur Natur“ einschlägt. Ihr Scheitern ist vorprogrammiert: Böhm-Ermolli erschießt sich 1996 in einem melodramatischen Akt, Kaczynski verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in einem der unwirtlichsten Gefängnisse der USA.

Vieles von dem, was Dammbeck berichtet, findet sich auch schon in seinen zu verschiedenen Gelegenheiten veröffentlichen Filmtagebüchern. Dennoch ist Besessen von Pop nicht bloß die Wiederholung von bereits Bekanntem, sondern macht in seiner Gesamtschau die feinen Verbindungslinien sichtbar, die zwischen Dammbecks verschiedenen Projekten bestehen und lässt die oft langwierigen Entstehungsprozesse einzelner Arbeiten transparent werden. So tritt die tiefe innere Kohärenz, die das Dammbeck’sche OEvre auszeichnet, deutlich hervor. Darüber hinaus ist das Buch aber nicht nur Lebensbeschreibung, sondern auch theoretische Reflexion der eigenen Arbeit: Dammbeck durchleuchtet die Möglichkeiten des Dokumentarfilms als einem kritischen Medium im Zeitalter der Digitalisierung aller Lebensbereiche und muss deren immer enger werdenden Grenzen erkennen. Gerade vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der alles zur Ware wird, läuft auch das subversive Potential der Kunst Gefahr, von den Marktmechanismen neutralisiert zu werden. Dammbeck reagiert darauf mit einer Veränderung seiner ästhetischen Strategien und präsentiert fortan nur noch zeitlich begrenzte, auf einen Ort bezogene Rauminstallationen, die nach der Ausstellung entsorgt und so dem Kunstmarkt entzogen werden. Seine Tätigkeit als Filmemacher ruht seit der Fertigstellung von Das Netz im Jahr 2003. So markiert Dammbecks mehr als lesenwertes Buch auch eine Zäsur in seinem bisherigen Schaffen und man darf gespannt darauf sein, welche Richtung sich sein Werk in den kommenden Jahren einschlägt.

(M. Boss)

Format: BUCH
Vertrieb: EDITION NAUTILUS
 

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