MENACE RUINE – Interview

Im Sommer 2011 tourten MAMIFFER beziehungsweise HOUSE OF LOW CULTURE gemeinsam mit LOCRIAN quer durch Nordamerika. Das Betrübnis über den defekten Tourbus in Montreal hellte sich alsbald auf. Schließlich verbrachte man so einen Tag gemeinsam mit MENACE RUINE. Daraus ist Fruchtbares hervorgegangen. Zum einen veröffentlichen MENACE RUINE nun auf SIGE Records, dem Label Faith Coloccias und Aaron Turners. Zum anderen beginnt nächste Woche die erste gemeinsame Europa-Tour. Die Kanadier haben mit “Alight In Ashes“ sicherlich zu den Veröffentlichungshöhepunkten des Jahres beigetragen. S. de la Moth und die wunderbare Geneviève Beaulieu schicken in steter Regelmäßigkeit ihre majestätischen Soundwuchten in die Umlaufbahn. Genevièves Stimme hakt sich – ob nun bei PRETERITE oder bei MENACE RUINE – schnell im Hörgedächtnis fest. Für die Ausnahmevokalistin stellt der Touralltag Bereicherung und Herausforderung gleichermaßen dar, wie sie im Interview ausführen wird. Darüber hinaus weiß sie über “sprechende Bilder“, veganes Essen und Freundschaft zu berichten. Letztlich bestätigt sich im Gespräch mit ihr, dass die Kraft des Ausdrucks aus der Bejahung und aus dem tiefen, tiefen Eintauchen entspringt.

? Lass uns damit beginnen, dass du uns einen kurzen Einblick in deinen musikalischen Alltag gibst.

Ich stehe auf, für gewöhnlich später als ich eigentlich möchte, mache Kaffee, lese und arbeite an Lyrics oder an Aufnahmen. Nachmittags gehe ich dann in den Proberaum von MENACE RUINE, oder ich spiele zu Hause Gitarre, oder ich schreibe Stücke für PRETERITE. Den überwiegenden Teil des Abends widme ich ebenfalls der Beschäftigung mit Musik. Meistens arbeite ich an den Dingen weiter, die ich morgens begonnen habe.

? Kannst du noch den Moment benennen, als dir bewusst wurde, dass du als Künstlerin tätig sein möchtest?

Schon als Kind habe ich gespürt, dass etwas anders oder seltsam bei mir ist. Vielleicht war das der Moment. In sehr jungen Jahren habe ich mich bereits von abstrakten Dingen angezogen gefühlt und als Jugendliche begonnen, mich intensiver damit zu beschäftigen.

? Wie kam es dann zur Gründung von MENACE RUINE?

S. und ich waren schon vorher gemeinsam in verschiedenen musikalischen Projekten aktiv. Als wir damit begannen unsere Kräfte und Einflüsse zu bündeln, um fokussierter zu arbeiten, entstand MENACE RUINE.

? Wenn du euer Vorgängeralbum “Union Of Irreconcilables“ mit der aktuellen Veröffentlichung “Alight In Ashes“ vergleichen müsstest, worin siehst du Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede?

Es gibt Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Lyrics, in dem Sinne, dass ich mich mit bestimmten Dingen vertiefend beschäftigt habe und das Entdecken alchemistischer Themen, was auf “Union Of Irreconcilables“ begann, weiter verfolgt und besser in meine eigenen Vorstellung integriert habe. Ich bin jetzt vertrauter mit den Konzepten und Bildern – das hat mir sehr geholfen. Der Hauptunterschied besteht im Kompositionsprozess selber und in der Zeitspanne der Entstehung. Die Stücke auf “Alight In Ashes“ wurden alle auf einmal geschrieben, hingegen ging das Material für “Union Of Irreconcilables“ aus unterschiedlichen Perioden hervor. Das aktuelle Album entstand auf sehr natürliche Weise, während wir bei “Union Of Irreconcilables“ mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, deshalb ist es bis jetzt das Album, welches uns bei der Entstehung vor die größten Probleme gestellt hat. Bei “Alight In Ashes“ kam eins zum anderen – wie von allein.

? In diesem Zusammenhang betrachtet, welche Rolle spielt “Alight In Ashes“ im Veröffentlichungskanon von MENACE RUINE?

Es spielt keine besondere Rolle, außer dass es unser fünftes Album ist und vermutlich unsere gemeinsame Basis gefestigt hat. Leute bezeichnen “Vulva Infernum“ oft als Demo, aber für uns ist es unser erstes offizielles Album.

? Wenn du die Aufnahmebedingungen eurer gesamten Alben miteinander vergleichst, zu welchem (Zwischen-) Fazit kommst du?

All unsere Alben wurden mit demselben musikalischen Setup aufgenommen und komponiert, im selben Proberaum, mit denselben zwei Leuten. Die Unterschiede liegen eher in den Methoden des Komponierens, die von Album zu Album variieren.

? Was waren für dich die Haupteinflüsse während der Entstehung des neuen Albums?

In Bezug auf das Schreiben von Texten prägten mich die Arbeiten von Paracelsus und Marie-Lousie von Franz. Für die Musik haben verschiedene Monster-Illustrationen von Aldrovandi die Richtung vorgegeben. Eine Möglichkeit, um zu viele direkte Einflüsse auf den Kompositionsprozess zu vermeiden, ist keine Musik zu hören beziehungsweise wenn überhaupt, dann Musik, die weit entfernt vom eigenen Stil ist. Ich erinnere mich daran, mich in jener Zeitspanne, in einer vollkommenen musikalischen Regression befunden zu haben.

? Kannst du uns deinen Arbeitsprozess noch etwas ausführlicher beschreiben? Wie finden sich zum Beispiel Ideen und wie setzt du diese dann konkret um?

Der Arbeitsprozess unterscheidet sich von Album zu Album, aber ich tendiere immer mehr dazu, visuelle Reize miteinfließen zu lassen. Ich mag es, wenn mich andere Medien führen und meine Kreativität ankurbeln. Während des Schreibprozesses pinne ich verschiedene Dinge an meine Wände – Bilder, Fotos, Kollagen, Diagramme, Vokalpartituren, Erinnerungen an kleine Rituale – am Ende entstehen viele Artefakte, die ich für den Prozess benötige. Ich nutze häufig die Vorstellung des Spielens in der Kreation. Dadurch fließt die Kreativität, ohne von Hindernissen oder Ängsten begrenzt zu werden. Wie ich bereits schon erwähnt habe, entstand das aktuelle Album mit Hilfe einiger Monster-Illustrationen von Aldovandri. Ich hing die Portraits an die Wände unseres Proberaums und fragte jedes Portrait der Reihe nach, ob es mich durch einen Sound leiten könne, dadurch entstand der Klang der sechs Stücke auf ganz natürliche Weise. Die Bilder waren sehr gut zu mir und ich bin mir ganz sicher, dass sie eine gewisse Energie übertragen haben, zumindest konnte ich mich durch sie auf das fokussieren, was ich tun musste.

? Hattest du vor der Entstehung des Albums eine gewisse Vorstellung davon, wie das Album letztendlich klingen sollte?

Nein, ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte, noch nicht mal eine klare Idee davon, wie ich es klingen lassen wollte. Ich wollte mich rückbesinnen, erforschen und sehen, was letztendlich dabei herauskommen wird. Ich hatte einen ziemlich intensiven Inspirationsrausch und war mir deshalb sicher, dass ich etwas finden werde. So folgte ich dem Weg und ließ mich zu den Sounds treiben, dann zu den Songs und zum Schluss zu den Lyrics. Alles ergab nach und nach einen Sinn und entwickelte sich zu einem Ganzen.

? Spielen generell autobiografische Ereignisse beim Schreiben der Lyrics eine größere Rolle?

Es gibt immer kleinere autobiografische Einflüsse, da die Texte ja während des Schreibens mit meiner Energie und meinen Emotionen gefüllt werden. Als Quellen dienen meistens persönliche Erfahrungen, Schwierigkeiten, Zufriedenheit (manchmal), Voreingenommenheit, Wünsche und so weiter – diese Dinge leiten mich während meines Schreibens und diktieren die Wahl der Bilder. Jene Bilder illustrieren meine Gefühlslage und meine innere Intuition und machen diese vorzeigbarer. Oft denke ich an jemand Besonderen oder setze ich mich einer äußeren Macht aus, dadurch wird der Song zu einer Art Gebet, Weihe oder Beschwörung. Ich erzähle niemals “Geschichten“, aber ich beschreibe sehr oft konkrete und emotionsgeladene persönliche Situationen auf eine abstrakte Weise mit universellen und archetypischen Bildern, dadurch können die Songs außerhalb meiner eigenen Situation existieren – von da an gehören sie nicht mehr mir im Speziellen.

? Gibt es Momente, in denen du einen Song von dir hörst und dich in eine spezielle Situation zurückgesetzt fühlst?

Nicht so oft während des Hörens, eher während des Singens, wenn die Emotionen durch meine Stimme eine physische Gestalt annehmen. Es tut mir leid, aber mehr möchte ich dazu nicht sagen. Das ist mir zu privat.

? “Alight In Ashes“ erscheint bei SIGE auf Vinyl und im CD-Format auf Profound Lore. Worin liegen die Gründe für diese Veröffentlichungspolitik?

In den letzten anderthalb Jahren sind Faith und Aaron von SIGE gute Freunde von uns geworden. Als sie erfuhren, dass wir an einem neuen Album arbeiten, boten sie uns sofort an, es auf Vinyl zu veröffentlichen. Da wir keine genauen Pläne hatten, das Album auf einem speziellen Label herauszubringen und die beiden großartige Menschen sind, mit denen uns viel in Bezug auf Kreativität und Vorstellungen vom Leben verbindet, ergab es für uns Sinn, mit SIGE zu arbeiten. SIGE hatte zu dieser Zeit gerade ein Partnerrelease mit Profound Lore des LOCRIAN/ MAMIFFER-Albums veröffentlicht und sie waren damit sehr zufrieden. Sie empfahlen uns Chris von Profound Lore mit der CD-Version zu beauftragen. Wir fragten und Chris war sofort davon begeistert. Wir sind sehr glücklich darüber, mit beiden Labels zu arbeiten.

? In wenigen Tagen werdet ihr gemeinsam mit MAMIFFER auf Europa-Tour gehen. Gibt es Orte, auf die du dich besonders freust?

Wir freuen uns sehr auf diese Tour und darauf ein bisschen Zeit mit unseren Freunden zu verbringen. Wir haben das Gefühl, dass es ein tolles Erlebnis wird. Ich denke, dass MAMIFFER und MENACE RUINE eine gute Kombination sind und auch  die Tatsache, dass wir alle Veganer sind, macht die Dinge einfacher. Haha, das klingt vielleicht etwas banal, aber es ist nicht immer einfach gutes Essen zu finden, wenn man auf Tournee ist, vor allem in den Ländern, deren Sprache wir nicht sprechen. Faith und ich haben beschlossen, uns gegenseitig zu unterstützen, da weder sie noch ich es sich leisten kann, Gewicht zu verlieren. Ich bin auf alle Städte gespannt, besonders freue ich mich darauf, einige Tage bevor die Tour beginnt, in Prag zu verbringen. Bereits letztes Jahr haben wir dort gespielt, aber konnten leider nur einen kleinen Teil der Stadt sehen, wie es so oft der Fall ist, wenn man auf Tournee ist.

? Bist du prinzipiell gern auf Tour und wie stehst du Live-Auftritten gegenüber?

Hehe, nein ich bin nicht gern auf Tour, größtenteils aufgrund der Umstände des alltäglichen Überlebens: Schlafen, Essen, Gefangensein in einem Bus für lange Fahrtstunden – das ist sehr anstrengend. Ich mag die Einsamkeit und kann mich solchen Situationen nur schwer anpassen. Aber wie gesagt, das Verbringen der Zeit mit Freunden und das Treffen großartiger Leute hilft mir mein Gleichgewicht wiederherzustellen. Und dann der Augenblick, wenn man die Bühne betritt, die Bühne ist eine Art Zuhause für uns, welches manchmal etwas feindlich anmutet aufgrund verschiedener schlechter Bedingungen, aber es ist unser eigenes Universum. Tourneen geben uns eine weitere heilsame Perspektive, die uns erlaubt, unsere Aktivitäten zu redefinieren. Von Zeit zu Zeit ist es wichtig, sich mit der Umwelt auseinander zu setzen und ein bisschen Realität in unsere abstrakte Sphäre zu lassen. Das Touren verstärkt für mich meinen Wunsch Musik Zuhause zu machen und gibt mir eine große Portion lebensnotwendiger Energie, wodurch die große Erschöpfung besiegt wird.

? Sag uns doch bitte zum Schluss, wie sehen deine Zukunftspläne aus?

MENACE RUINE haben noch nichts Genaueres geplant. Wir werden uns einfach vom Leben treiben lassen und schauen, wohin uns das führt. Nach der Tour plane ich meine Arbeit mit PRETERITE fortzusetzen.

Portraits:  Photic Photographic

(D.L., S.L.)

MAMIFFER/ MENACE RUINE Europa-Tour: 2012

14/10 – Vienna, Austria – Arena

15/10 – Zagreb, Croatia – Nkc Park

16/10 – Velenje, Slovenia – eMCe plac

17/10 – Bologna, Italy – Teatro Degli Illusi

18/10 – Milan, Italy – Ligera

19/10 – Neuchâtel, Switzerland – Queen Kong Club

20/10 – Bern, Switzerland – Dachstock

21/10 – Paris, France – Espace B

22/10 – Besançon, France – Les Passagers Du Zinc

23/10 – Brussels, Belgium – Magasin 4

24/10 – Liege, Belgium – La Zone

25/10 – Amsterdam, Netherlands – Winston

26/10 – Bochum, Germany – Christuskirche

27/10 – Karlsruhe, Germany – Die Stadtmitte

28/10 – Berlin, Germany – HBC

30/10 – Wroclaw, Poland – Firlej Club

31/10 – Warsaw, Poland – Powiększenie

02/11 – Riga, Latvia – Artelis

03/11 – Tallinn, Estonia – Von Krahl

04/11 – Helsinki, Finland – Korjaamo

Mailorder: Going Underground
 

Stichworte:
, , , , , ,