MENACE RUINE – Alight In Ashes (2LP/CD)

Seit sechs Jahren gibt es nun MENACE RUINE. Als schließlich 2008 ihr erstes Album “The Die Is Cast“ erschien, rieben sich nicht wenige die Ohren. So hatte bis dato noch nichts geklungen! Kategorisierungsversuche lehnten sich tief in diverse Genres. Sind dort nicht Black Metal-Sounds? Basieren die Stücke auf einem Folkgerüst? Sollten diese Drones wirklich nicht mit einer Gitarre erzeugt worden sein? Das sind doch Industrial-Anleihen, oder? Steckt hier nicht doch ein Noise-Ansatz dahinter?

Ja, ja und noch viel mehr. Diese Melange aus Betörendem, Erhebendem und Eindringlichem wurde von einer Klammer des Außergewöhnlichen zusammengehalten: Geneviève Beaulieus Stimme. Ihr Ausnahmeorgan und ihre Art der Artikulation riefen bisweilen Nico-Vergleiche auf den Plan, wenngleich Genevièves Vortrag wärmer und druckvoller war und ist. Über die Jahre hinweg bestellten MENACE RUINE also ein Feld, auf dem diverse andere Kapellen gern geerntet hätten. Nun bleibt den Pflanzern die Ehre des Ertrags. Die von Geneviève Beaulieu komponierten und vorgetragenen Stücke werden stets von S. de la Moth begleitet, er bedient die Tasten der Synthesizer. Bedenkt man, dass Genevièves anderes Projekt, PRETERITE, bereits dieses Jahr eine Veröffentlichung vorlegte und wohl schon weit vorangekommen scheint, was den Nachfolger für “Pillar Of Winds“ betrifft und man zudem berücksichtigt, dass auch dort alle Stücke von der in Montreal Lebenden geschrieben wurden und werden, lenkt dieser Umstand einen Lichtkegel der Aufmerksamkeit auf die Kanadierin, in dem sich die Sängerin und Komponistin weniger wohlfühlen dürfte. Geneviève lebt zurückgezogen und scheut die Öffentlichkeit (wenn auch natürlich im Falle MENACE RUINEs eine subkulturelle) und überlässt in Interviews gern ihren jeweils männlichen Mitstreitern – ob nun bei PRETERITE oder MENACE RUINE – die Aufgabe des Antwortens. Dabei erscheint die Zurückgezogenheit Beaulieus in einem charmanten Gewande, strotzt doch mittlerweile jedwedes Subgenre vor Ich-Mönchen und Ich-lingen. Da kontrastiert ein souveränes “Ach, lass mal“ sich so angenehm von dem Dauergetöse des “Hierher, hierher … schaut, schaut“ so vieler anderer. Gleichzeitig hätte Beaulieu jeden Grund direkt in das Scheinwerferlicht zu treten, so umwerfend sind ihre Arbeiten.

Mit “Alight In Ashes“ legen die beiden Montrealer nun ihr bereits viertes Album vor. Die sechs darauf befindlichen Stücke zeigen sich einerseits als imposante, majestätische Soundwuchten. Kontrastiert wird diese Wucht andererseits durch die bekannte MENACE RUINE-Zutat der Synthie-Sounds, die immer noch ungläubig staunen lassen, dass sie keiner Gitarrenbasis entsprungen sind. Deren volatiler Charakter wird auf “Alight In Ashes“ meisterlich dem Hörer dargeboten, stets wissen die Sounds neue Richtungen einzuschlagen, nie erstarren sie in einem festgezurrten Klangkorsett. Dazu werden die Verstärker übersteuert, so erzeugt sich in der Summe leicht der Eindruck, man stünde vor einer Verzerrerwand, die fast schon Mauer ist. An dieser schlängeln sich die feinen Harmonien empor und immer meint man im Subtext ein Kichern zu vernehmen, welches den Orthodoxien dieser Welt gilt. Dazu betört Genevièves Organ nicht nur in bewährter Manier, vielmehr ist ihr Ausdruck noch facettenreicher, noch erhabener. Eine Stimme die scheinbar in die “tiefe, tiefe Ewigkeit“ hallt. Stets wirkt der Gesangsvortrag leidenschaftlich. Die Kraft ihres Vortrags balanciert sich wunderbar mit dem massigen Soundwuchten aus, gleicht einem ordnungsschaffenden Blitz, der in die dunkle Nacht fährt.

Bei “Salamandra“ jenem am stärksten auf einem Folkgerüst basierenden Kleinod, kartographieren die Lyrics einen Ideenreichtum, verhaken sich Synthie und das betörend-verstörende Organ der Kanadierin in einer verschwurbelt-verwunschenen Form, die anhebt und so Tagträume evoziert, um diese anschließend schweben zu lassen. Der Salamander indes, dieser bemerkenswert regenerationsfähige, nackthäutige Lurch findet sich als kleines – oft verstecktes – Symbol auf diversen MENACE RUINE-Veröffentlichungen. So wie er die Repugnanz von Lebendgeburt und Larvenschlüpfen in seiner Art vereint, so paaren sich bei den Montrealern die reine Präsenz der Stimme Genevieves und die mal flüchtigen dann wieder malmenden Synthie- und Verzerrergeräusche. Dadurch verhindert sich auch der eindimensionale Zug ins Straffe, in das von der Schwärze Überwältigende.

Entlang der Durchläufe verstehen es Beaulieu und de la Moth “Alight In Ashes“ tief im Hörer zu verankern, weil eben dies tönende Wunderding Wurzeln in verschiedene Wahrnehmungsebenen schlägt. Und dennoch beschleicht den Rezensenten die Ahnung, dass der Mensch für MENACE RUINE eine Geschichte ist, die schlecht ankommt. Der Raum dieser Geschichte oder Erzählung bleibt natürlich die Welt, die umgibt, an der man irgendwie hängt, die gleichzeitig Last ist und somit etwas Bedrückendes aufpackt, etwas mit dem die zweiten Räume, die der Träume, tapeziert sind und sich dort – final vorgerichtet – mitunter als Alptraum offenbaren. Einerseits. Andererseits bleibt da eben noch mehr. Das Kraftvolle dieses Albums und seine Emotionalität gleichen einem Versprechen auf ein neues Jetzt – im Rahmen dessen, was eine Adjektivierung des Neuen zulässt. Es greift eine Entwicklung auf, die sich auf dem Vorgängeralbum “Union Of Irreconcilables“ im Wunderstück “The Upper Hand“ bereits andeutete und spielt so auf ein sich nun lichtendes Gewölb des Ungehörten zu.

In den Herbst hinein, in das Einrücken des Menschen in sich selbst, in die Jahreszeit des Rückzugs schicken MENACE RUINE “Alight In Ashes“. Wie der Herbst mit seinen Wetterumschwüngen sich der Berechenbarkeit entzieht und sich daraus auch Faszination ableitet, so schenken Geneviève Beaulieu und S. de la Moth der Welt ein Album, das noch lange nachzuklingen vermag, auch dann noch, wenn die Bäume schon blätterlos sein werden. (S.L.)

Format: 2LP/CD
Vertrieb: SIGE RECORDS/PROFOUND LORE
Mailorder: Going Underground
 

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