DREAMSCAPE – La-Di-Da Recordings (CD)

Wüsste ich es nicht besser, würde ich vermuten, hinter DREAMSCAPE steckten Mitglieder der COCTEAU TWINS, die sich im Jahr 2012 mit Kevin Shields und Bilinda Butcher von MY BLOODY VALENTINE ein Shoegazer-Stelldichein geben und alte Zeiten wieder aufleben lassen. Aber nichts davon ist wahr: Weder handelt es sich bei DREAMSCAPE um einen Zusammenschluss „alter“ Genre-Helden, noch ist die Musik eine aktuelle Imitation oller Kamellen – denn die Tracks selbst entstammen der besten Zeit des Shoegaze, den frühen Neunzigern.

Die Aufnahmen, die Rebecca Rawlings, Scott Purnell und Jamie Gingell unter Zuhilfenahme von Drum-Machine und flirrend-repetitiven Gitarrenparts verewigten, konnten damals sicher – wie aus heutiger Sicht deutlich wird – mit den genannten Größen mithalten. Introvertierter Frauengesang, verschwurbelte Gitarrenmotive, stoische Synthie-Percussion – passt! Um so verwunderlicher, dass die auf dem vorliegenden Sammelalbum vereinten EPs „Greater than God“ und „Cradle“ (plus Bonustracks) nie jene phänomenale Mythologisieriung erfahren durften, die Kevin Shields und seine Truppe nach sich zu ziehen verstanden. Aber vielleicht bestand DREAMSCAPE dann selbst für die obligatorische Legendenbildung um vorzeitig aus dem Leben scheidende Bandprojekte zu kurze Zeit.

Das ist schade, denn in meinem Shoegaze-Kanon hat sich soeben eine Lücke geschlossen, von deren Existenz ich bisher gar nichts wusste. Doppelt schade aber auch, denn heute klingt das leider alles so, als sei DREAMSCAPE eine Hipster-Band mit Retro-Fimmel, die diese Klänge neulich beim Gang ans Plattenregal ihrer großen Brüder und Schwestern abgekupfert hat; und auch wenn man weiß, dass das definitiv nicht so ist und die Band selbst eine der ersten Stunde war, will „La-Di-Da Recordings“ nicht mehr so recht die Euphorie aufkommen lassen, die man als Hörer schon eine bis zwei Dekaden zuvor in MY BLOODY VALENTINE investiert hat. Tragisch – aber gute Popmusik lebt eben auch vom Nerv des Zeitgeists, den sie bestenfalls trifft. Oder sie kommt zu spät und hört sich an wie yesterday´s news und (um mal mit SUZANNE VEGA zu sprechen) last year´s troubles.

Was machen wir also mit diesen hübschen, aber schrecklich unzeitgemäßen Perlen einer Kultband ohne Kult, die wohl in dieser Form nur aufgrund des auch nicht mehr ganz aktuellen Shoegaze-Revivals ein Sammel-Re-Release erfahren? Zu empfehlen ist die Platte sicher all jenen, die schon immer dachten, Bilinda Butchers Stimme auf Simon Guthries frühen Drum-Machine/Gitarrenpop-Miniaturen sei die Offenbarung des musikalischen Himmelreichs. Himmlische Klänge gibt es auf „La-Di-Da Recordings“ zu Genüge, und die Qualität stimmt. Wenn man beim Hören dann noch ausblenden kann, dass es die frühen Neunziger und das besagte Genre jemals gegeben hat, besteht immerhin noch eine kleine, aber gerechte Chance, sich über diese verspätete Neuauflage zu freuen.

(M. Reitzenstein)

Format: CD
Vertrieb: KRANKY
Mailorder: Going Underground
 

Stichworte:
, , , , ,