EARTH Interview

DYLAN CARLSON, das Gesicht hinter EARTH und einzige Besetzungskonstante der Band, gründete diese Ende 1989/ Anfang 1990. Schnell wurden EARTH vom bald darauf zu Weltruhm gelangenden SUB-POP-Label verpflichtet. Nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP “Extra Capsular Extraction“ folgte im Jahr 1993 ein Meilenstein – “Earth 2“. Mit diesem voluminösen, extrem ausgebremsten Album, welches am ehesten als eine schwarz-schlammige Mischung aus den MELVINS und BLACK SABBATH zu bezeichnen wäre, legten EARTH den Grundstein ihres Statuses in der Subkultur. Die Alben “Phase 3: Thrones And Dominions“ (1995) und “Pentastar“ (1996) sollten für lange Zeit die letzten Zeugnisse der Band sein. Während in den Jahren 1991-1996 mehrere Bandmitglieder kamen und gingen (so verließ z. B. JOE PRESTON Richtung MELVINS die Band/ seit geraumer Zeit ist als zweites festes Bandmitglied ADRIENNE DAVIES am Schlagzeug aktiv), blieb CARLSON, wie bereits erwähnt, die einzige Konstante. Jedoch musste sich dieser nach der Veröffentlichung von “Pentastar“ einer mehrjährigen Drogentherapie unterziehen.

Obwohl in den Jahren 2002-2005 einige Veröffentlichungen anstanden (“Sunn Amps And Smashed Guitars“, eine Split-Veröffentlichung mit KK NULL, ein Live-Album- “Living In The Gleam Of An Unsheathed Sword“, sowie ein Remix-Album) sollte es geschlagene 9 Jahre bis zum nächsten regulären Album dauern. Schließlich erschien 2005 das fünfte Studioalbum -“Hex“. Auf “Hex“ zeigte sich eine deutliche Modifikation des EARTH´schen Sounds. Schon früh schwebte DYLAN CARLSON vor, ein Album vom Stapel zu lassen, welches sich durch große Produktion und umfangreiche Bläsereinsätze auszeichnen sollte. Auf “Hex“ finden Posaunen, Banjo, Glockenspiel sowie mannigfaltige Percussion-Einsätze Verwendung. Der Sound von EARTH, jener grob verdickte Metal-Sound erfuhr auf “Hex“ seine wahre Bestimmung. Weder finden die Stücke einen signifikanten Anfang noch ein dementsprechendes Ende. Diese Herangehensweise, das Auftürmen endloser tonaler Fragmente (vgl. PIERRE SCHAEFFER) trat nun erstmals im Metal-Kontext auf. Dennoch findet sich eine extreme Konzentration auf die Einzelsounds. Das fast in Richtung Stillstand verlangsamte Spiel weicht aufgrund des offenen Anfangs und Endes fast einem ziellosen Suchen. Die Konzentration auf die “Zeit dazwischen“ verhindert ein Bersten ins Uferlose und nimmt den geneigten Hörer schnell für die EARTH`sche Idee ein. So drückt sich die Ambivalenz für den Hörer in der sorgfältigen Inszenierung jedes Tons bei gleichzeitig mäandernden und “unmöglich gestimmten Gitarren“ aus und entfaltet eine Sogwirkung immenser Wucht. Die Zeit zwischen dem Drone-Doom-Monster “Earth 2“ und der dröhnenden Stille von “Hex“ bezeichnet DYLAN CARLSON als eine verlorene. Die 90iger Jahre sind sein verlorenes Jahrzehnt.

Die Live-Veröffentlichungen sind wiederum eindrucksvolle Protokolle des Unbegreiflichen. EARTH-Konzerte lassen den Hörer sprachlos zurück (vgl. “Living In The Gleam Of An Unsheathed Sword“). Fast scheint es als würde man einem Dialog zwischen DYLAN CARLSON und seiner Gitarre beiwohnen, während sich hypnotische Metalriffs durch den Saal schleichen. DYLAN CARLSON bezeichnet seinen Stil  als “Black Americana“. So sieht er sich selbst in der Tradition amerikanischer Musikstile. Die vorweisbaren Elemente der großen amerikanischen Rootsmusik zeichnen eine Landschaft ohne Menschen. Es finden sich scheinbar starre Bilder der nordamerikanischen Geschichte. Ihre Menschenleere ist gewollt. So kann sich der Eindruck aufdrängen es hier mit dem Alter Ego JOHNNY CASH zu tun zu haben.Tatsächlich ist eine andere Figur der Popgeschichte DYLAN´s Wegbegleiter – KURT COBAIN. Auf einem Bonusstück mit dem Titel “Divine And Bright“ steuert er die Vocals bei. Angeblich existierte ein Nebenprojekt namens THE FRAGILE SPHINCTER. Dieses bestand aus COBAIN und CARLSON. Jedoch soll das Tape jenes Projektes leider verloren gegangen sein.Dieser Tage steht die Veröffentlichung des Albums “Hibernaculam“ an. Dabei sollen auf der ersten Seite des Mediums EARTH-Klassiker im “Hex“-Gewand wiederveröffentlicht werden. Folgende 4 Tracks befinden sich auf der CD: “Ouroboros Is Broken“, “Coda Maesto In F(Flat) Minor“, “Miami Morning Coming Down“ und “A Plague Of Angels“ (2006 Mix). Auf der anderen Seite der CD befinden sich Interviews und Aufnahmen von Live-Auftritten. Gefilmt wurden diese von SELDON HUNT. DYLAN CARLSON ist bekannt dafür, kein besonders redefreudiger Zeitgenosse zu sein. Über mehrere Umwege gelang es uns, ihm die Fragen per Brief zu zusenden. Als wir schon nicht mehr mit einer Antwort rechneten, schickte er uns die Fragen zurück, wobei er auf seine vollkommene Eingespanntheit in den Arbeitsprozess zu “Hibernaculam“ und zu den Aufnahmen des sechsten Studioalbums “The Bee Made Honey In The Lions Skull“ hinwies. Bühne frei für den Minimalismus der Langsamkeit …

? Der WIRE beschrieb eure Musik einmal als “the missing link between BLACK SABBATH and LA MONTE YOUNG“. Wie stehst du dieser Beschreibung gegenüber?

Ich denke, dass diese Beschreibung vor allem in unseren Anfangstagen relevant für uns war. Speziell seit der “Rückkehr“ von EARTH hat sich unser Klang sehr stark erweitert.

? Gegenwärtig arbeitet ihr an eurem neuen Album. Was kann der Hörer erwarten?

Das Album hat einen sehr entspannten und pastoralen Sound. Zudem haben wir eine spärlichere Instrumentierung als bisher gewählt.

? Würdest du sagen, dass der Sound der neuen Aufnahmen noch “amerikanischer“ klingt?

Ja.

? Ferner soll eine DVD erscheinen. Inwiefern kann man darin auch eine Dokumentation eures bisherigen Schaffens sehen?

Die DVD beinhaltet einen Mitschnitt der “Hex-Tour“ durch Europa aus dem Jahr 2006.

? Auf eurer Homepage befindet sich eine sehr ausführliche Beschreibung eurer Alben. Möchtet ihr damit einer Interpretation durch andere vorgreifen bzw. eine bestimmte Klischeesierung durch Dritte vermeiden?

Nein, ich versuche nicht die Wahrnehmung unsere Musik zu kontrollieren, deshalb ist EARTH auch eine Instrumentalband.

? Im Laufe der Geschichte hat es einige Besetzungswechsel gegeben. JOE PRESTON ging u.a. zu den MELVINS. Wie stehst du diesen Wechseln gegenüber und welche Auswirkungen haben jene in deinen Augen auf das Gesamtbild von EARTH?

Keine. Nichts ist für immer. Leute kommen und gehen. Ich denke, dass darin auch die Möglichkeit besteht zu wachsen und sich als Musiker weiterzuentwickeln.

? Lange bevor Bands wie SUNN O))) etc veröffentlicht haben, gab es EARTH-Releases. Solche Bands haben in letzter Zeit auch zunehmend kommerziellen Erfolg. Ist das auch für euch eine Bestätigung? Schließlich habt ihr das Genre stark geprägt?

Nein.

? Welche Eindrücke hast du gesammelt als ihr mit SUNN O))) auf Tour gewesen seid?

Ich bin froh, diese riesigen Verstärker nicht mehr herumschleppen zu müssen.

? Viele Künstler wehren sich gegen eine Zuordnung zu einem bestimmten Genre. Gleichzeitig ist ein Genre ja nach Sinn und Zweck charakterisiert, es nützt der besseren Einteilung von Musik. Kannst du das nachvollziehen?

Genres sind Marketing Tools, die von der Industrie eingesetzt werden. Sie haben nichts mit der Realität von Musik zu tun.

? Eine andere Möglichkeit sich einem künstlerischen Gegenstand zu nähern, ist, dass andere Künstler die Werke interpretieren. So gibt es eine Art Remix-Album “Legacy Of Dissolution“ von euch. Mit wessen Arbeit der beteiligten Künstler könnt ihr im EARTH-Kosmos am meisten etwas anfangen?

Mit keinem.

? Gab es bestimmte Kriterien, nach denen ihr die Künstler ausgewählt habt?

Sie wurden ausgewählt, weil sie das Projekt unterstützen wollten und weil sie alle sehr individuelle Musiker sind.

? DYLAN, du kanntest KURT COBAIN persönlich. Hat sein Tod deine Einstellung zu den Mechanismen des Mainstreammarktes entscheidend verändert?

Nein. Ich bin mir über die Mechanismen der Musikindustrie immer bewusst gewesen. Die Musikindustrie befindet sich ihrer Natur nach generell in Opposition zur Musik. Das zeigt, dass nichts im Leben umsonst ist.

? Welche Rolle spielt für dich als Künstler die Tatsache, dass irdisches Leben ja immer auch auf eine bestimmte Zeit beschränkt ist?

Dadurch werden Momente, in denen man Musik macht, immer bedeutender.

? Mit dem Aufkommen von MY SPACE  und YOU TUBE werden vor allem jungen Bands andere Plattformen eröffnet. Wie stehst du dieser Entwicklung gegenüber?

Ein guter Freund von mir kümmert sich für uns um die gesamten Computer-Angelegenheiten, da ich mich damit nicht besonders gut auskenne.

? Wird es in naher Zukunft Live-Auftritte in Deutschland geben?

Ja.

? Was erwartet ihr noch von diesem Jahr?

Wir werden Musik machen, ein neues Album herausbringen, eine lange Tour durch Europa durchführen und hoffentlich auch nach Australien und Neuseeland kommen. Außerdem werden wir uns neues Musik-Equipment kaufen.

(D.L., S.L., M.G.)

 

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