TARDIVE DYSKINESIA – The Letter (CD)

Handgeschriebene Briefe sind in der kommunikativen Allgegenwart des digitalen Zeitalters selten geworden, die Post zum Bringboten von Behördenschreiben, Rechnungen und Amazon-Paketen. Warum sollte man auch, widerspricht doch der Aufwand und die durch den Postweg verlängerte Wartezeit dem Rationalisierungsparadigma unserer Zeit. Nicht, dass man aufgehört hätte, Briefe zu schreiben. Eine solche Behauptung wäre unhaltbar. Dennoch spielt er im Alltag nur noch eine geringe Rolle, wird dadurch aber auch zu etwas von besonderer Qualität. E-Mails kann man löschen, sind Datensätze die ungeachtet ihres Inhaltes ungerührt von der binären lingua franca in einen für uns lesbaren, aber weiterhin körperlosen Text übersetzt werden. Gespeichert in Postfächern, eingeklemmt zwischen frisch hereingeschwämmte Viagra-Werbung, frohe Botschaften unerwarteter Erbschaften irgendwo auf den Philippinen, Bestellbestätigungen und Geschäftsverkehr.

Ein Brief hingegen ist ein physisches Artefakt, in den durch Handschrift und Gestaltung, das Zusammenspiel von Schreibmaterial und Beschreibstoff ein Unikat entsteht. Wer kennt sie nicht, die sorgfältig gehütete kleine Box mit alten Papierbögen, die man bei jedem Umzug erneut durch die Republik bewegt. Wer kennt nicht das ritualisierte Entsorgen am Ende tragisch auseinandergegangener Liebschaften, aber auch das Wiederaufgreifen von Briefen längst Verstorbener. Funktional besteht zum Verschieben in den Papierkorb auf dem Desktop oder dem Öffnen des E-Mail-Programms kein Unterschied, emotional könnte er indes größer nicht sein.

„The Letter“, das neue Album von TARDIVE DYSKINESIA, beschäftigt sich mit eben diesem Medium. Genauer: Dem postapokalyptischen, technologiekritischen Filmklassiker „Briefe eines Toten“ (1986) aus der Sowjetunion, in dem Briefe eine zentrale Funktion haben. Der Protagonist, ein namenloser Nobelpreisträger, schreibt aus einer Bunkeranlage Briefe an seinen möglicherweise verstorbenen Sohn, in denen er Fragen an das Jetzt und die Zukunft stellt. Randnotiz: Beheizt wird der Bunker u.a. mit den Klassikern der Weltliteratur. Das auf Audiophob (u.a. SPHERICAL DISRUPTED, MANDELBROT, ZERO DEGREE und ALARMEN) erschienene Album wandelt dabei auf den Pfaden zwischen minimalistischen wie fesselnden Down-Tempo-Rhythmusstrukturen, hintergründigen Drones und reichlich Filmsamples aus der russischen Originalversion des Films. „Schaben“ lädt sogar zum postapokalyptischen Mitschunkeln ein.

Wie auch die cineastische Vorlage verliert sich TARDIVE DYSKINESIA nicht in einer rein dystopisch-niederschmetternden Deutung und lässt Wärme und Hoffnungsfunken aufblitzen, die der emotionalen Komplexität durchaus zuträglich sind. Mit „Ganymed“ ist noch ein Remix von HEIMSTATT YIPOTASH (Hands Productions) enthalten – das Original aus dem Hause DYSKINESIA nicht. Alles in allem das bisher ausgefeilteste Album von Mastermind Ronny Herling.

(APL)

Format: CD
Vertrieb: AUDIOPHOB
 

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