CARLA BOZULICH – Interview

Bedingungslose Liebe zur Musik lässt sich mit dem Namen CARLA BOZULICH verbinden. Sie ist die erste Künstlerin, die von CONSTELLATION gesignt wurde, ohne dass sie aus dem Umfeld von EFRIM MENUCK, THIERRY AMAR bzw. deren Freunden und Mitstreiter stammt. Ihre Soundgeschöpfe sind kleine, zähe Bastarde, gezeugt von Punk, Country und Electronics. Doch schnell löst sich das auf den ersten Eindruck Widerborstige in hemmungslose Hingabe auf. Und CARLA BOZULICH weiß zu geben. Ihre Live-Auftritte gleichen einer orgiastischen Messe. Ihre Kathedrale sind die Clubs dieser Welt.Dass sich CARLA BOZULICHs Weitläufigkeit und Emotionalität nicht in ihrer Musik erschöpft, zeigt das nun folgende Interview.

? Bevor du angefangen hast als Solokünstlerin zu arbeiten, hast du in diversen Projekten mitgewirkt. Könntest du unseren Lesern einen Überblick über diese Projekte geben?

Meine erste Band war eine Art-/Punkband namens THE NEON VEINS. Ich war damals 17. Dass ich darin gesungen habe, war die wahnsinnige Idee eines Freundes. Er war ein Gitarrist und Komponist elektronischer Musik und hieß GARY KAIL. Eines Tages sagte er: “Du hast diese wirklich seltsame Stimme. Sie ist wunderschön. Ich habe eine Band gegründet und du bist die Sängerin.“ Ich war sehr schüchtern. Es ist eine lustige Geschichte, auch wenn wir nur ungefähr 15 Mal gespielt haben, bevor wir uns aufgelöst haben. Dann gab es noch ETHYL MEATPLOW. Das war so eine ziemlich lustige Sex/Tanz/Kampf-Sache. Wir hatten viel Spaß damit, die Leute ziemlich vor den Kopf zu stoßen. Dann gab es THE GERALDINE FIBBER. Eine Artrockband, die ich gegründet habe und fünf Jahre lang toll fand. Das war die erste Band, in der ich mit NELS CLINE gespielt habe. Seine Perspektive hat mein Leben für immer verändert, auch wenn es so war, dass ich das erste Mal, als ich ihn spielen hörte (MIKE WATT spielte mit einen Song vor, auf dem NELS ein Solo spielte), sagte: “Wer ist dieser Gitarrist? Der klingt ja ziemlich nach Fusion.” In unserer Ecke war das damals nicht gerade ein Kompliment. WATT erzählte das NELS und der änderte tatsächlich sein Solo. Nach den FIBBERS begannen NELS und ich mit einem Duo namens CANELLA, das improvisierte.

? Was kannst du uns über deine Theaterarbeit berichten? Ich kann mich an eine Studentenaufführung von “Die Zofen“ in Liverpool vor mehr als 10 Jahren erinnern, die nur Leute über 18 sehen durften, da einige Szenen angeblich zu freizügig waren. War die Aufführung für die du die Musik geschrieben hast auch so provokativ inszeniert?

Die Inszenierung, für die ich die Musik geschrieben habe, konzentrierte sich eher auf die Dynamik zwischen den Frauen. Ich liebe GENET. Informiert euch mal über RON ATHEY, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt.

? Ist deine Band THE NIGHT PORTER noch aktiv? Ist die Band eigentlich nach dem gleichnamigen Film benannt?

Ja. Der Film ist großartig. CHARLOTTE RAMPLING ist eine Ikone für mich. Der gesamte Film ist ungestüm und menschlich. Die Band versucht so häufig wie möglich aufzutreten, aber wir sind alle in andere Projekte involviert, CHES SMITH spielt Schlagzeug bei XIU XIU, SHAHZAD ISMAILY verfolgt Projekte zusammen mit LOU REID und anderen, JESSICA CATRON ist ebenfalls in verschiedenen Bands aktiv und ich bin mit meinem Soloprojekt die Hälfte des Jahres auf Tour. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in verschiedenen Städten leben. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie schwierig es ist zusammen zu kommen und gemeinsam zu arbeiten. Wir sind aber eng befreundet und versuchen immer wieder Zeit zu finden, um an Songs zu schreiben. STEVE FISK mixt die Songs und spielt auch auf einigen von ihnen. Vielleicht erscheint demnächst ein neues Album.

? 2003 erschien dein Soloalbum “Red Headed Stranger“. Hattest du beim Erscheinen der Platte ein anderes Gefühl als bei den anderen Veröffentlichungen, an denen du beteiligt warst?

Ich hatte das Gefühl, einen neuen Abschnitt meines Lebens zu beginnen, da ich mich vorher vor allem mit instrumentaler oder improvisierter Musik beschäftigt habe.

? Kann man “Red Headed Stranger“ als WILLIE NELSON-Hommage verstehen? Und wenn ja, was verbindet dich mit ihm?

Es ist keine Hommage an WILLIE NELSON, obwohl ich ihm jederzeit Tribut zollen würde. Er ist einer meiner großen Helden. “Red Headed Stranger“ ist ein Song-für-Song-Remake des ursprünglichen Albums gleichen Namens. Ich habe das auf meine Weise gemacht und weil ich zu dieser Zeit fast komplett mit Singen und Schreiben aufgehört hatte. Ich kannte das Album so gut, dass ich dachte, dass es nett und leicht sei, es zu spielen und mich wieder ans Singen zu gewöhnen, ohne dem Druck ausgesetzt zu sein, meine eigenen Sachen zu schreiben. Es war Spaß. Das erste Mal, als ich es gespielt habe, war in einem klitzekleinen, tollen Lokal namens THE SMELL (in Los Angeles) und ALAN SPARHAWK, der dieses Album auch mochte, spielte es mit mir. Es war eine absolute Überraschung und wir haben’s einfach gemacht. Meine Aufnahme von “Red Headed Stranger“ ist merkwürdiger, dunkler, weniger vorhersehbar. Der mörderische Prediger in der Geschichte ist allein und hört Stimmen in seinem Kopf. Die Musiker auf der Platte und ich mögen alle Country, aber diese Typen (NELS CLINE, DEVIN HOFF, SCOTT AMENDOLA, JENNY SCHEINMANN) sind echte Hardcore Jazz- und Noise-Improvisierer. NELS CLINE ist ein reißender Strom, was unmittelbaren Klang anbelangt. Wir haben das Album genommen und haben unsere Unterschiede, unsere Lieben und unseren Respekt für Country genutzt – insbesondere das Album “Red Headed Stranger“ – und wir versuchten einfach etwas mit dem zu machen, das durch uns passiert ist; es ging nicht darum, die Musik zu verändern, sondern es so aufzunehmen, als wenn man die gleiche Geschichte durch andere Augen sieht. WILLIE hörte das Tape in seinem Bus und beschloss darauf zu singen. Wow.

? Dein zweites Album “I`M Gonna Stop Killing“ erschien 2004. Würdest du zustimmen, wenn man sagen würde, dass es sich hierbei eher um eine Compilation als um ein Album im klassischen Sinne handelt?

Ich mag das Album sehr, da auf ihm viele Künstler vertreten sind, mit denen ich seit Jahren zusammen arbeite. Es ist eine Art Dokumentation meiner verschiedenen Stile und  der Sichtweisen, die diese Künstler von meiner Musik besitzen. Ich habe mit so vielen Musikern kollaboriert und nun stehe ich neben ihnen und sehe, wie sie meine Musik interpretieren.

? Unter anderen hast du dort “Running Dry“ von NEIL YOUNG gecovert. Warum hast du dieses Stück ausgesucht?

NELS CLINE schlug das eines Abends auf der Tour zu “Red Headed Stranger“ vor. Bei dieser  Live-Show in Phoenix bin ich das erste Mal mit CARLA KIHLSTEDT zusammen aufgetreten.

? Kennst du die Version dieses Songs von STEVE VON TILL (NEUROSIS) und wenn ja, wie gefällt sie dir?

Seine Version kenne ich nicht.

? Schließlich erschien 2006 “Evangelista“ auf CONSTELLATION. CONSTELLATION ist dafür bekannt ausschließlich Künstler aus ihrem regionalen Umfeld zu veröffentlichen. Du bist die erste Künstlerin, auf die das nicht zutrifft. Empfindest du dies als besondere Wertschätzung und wie kam der Kontakt zum Label zustande?

Wir sind seit vielen Jahren befreundet. Ob ich mich geehrt fühle? Natürlich!

? Darüber hinaus hat dich u.a. EFRIM MENUCK (SILVER MT. ZION, GODSPEED YOU BLACK EMPEROR) unterstützt. Welche Auswirkungen hatte dies deiner Ansicht nach auf dein Album?

Ohne ihn wäre es mir nicht möglich gewesen, meine Musik und meine Kompositionen zu verstehen. Er wies mich auf Dinge hin, veränderte einige Kleinigkeiten und schon entstand etwas Großartiges. Normalerweise bin ich sehr dickköpfig und weiß immer, was richtig ist. Bei diesem Album hatte ich jedoch das Gefühl, dass ich nichts über irgendetwas wusste. Meine Freunde in Montreal kamen und halfen mir, meinen Ideen einen Sinn zu geben. Sie alle waren sehr großzügig, auch SHAHZAD ISMAILY.

? Wirst du auch zukünftig auf CONSTELLATION veröffentlichen?

Mein neues Album wird im Februar auf CONSTELLATION erscheinen. Es wird mit denselben Musikern in Montreal aufgenommen, die schon bei “Evangelista“ dabei waren und wahrscheinlich den Titel “Hello Voyager!“ tragen.

? Auf “Evangelista“ befindet sich unserer Meinung nach einer der gelungensten Coverversionen überhaupt, “Pissing“ von LOW. Stimmt es, dass dieses Stück einer deiner Lieblingssongs ist? Wenn ja, was macht für dich die Qualität dieses Stückes aus?

LOW ist eine der großartigsten, außergewöhnlichsten und berührendsten Popbands überhaupt. Ich höre sie seit ich eine 21jährige Göre war, die lange gestreifte Socken und Stiefel trug. Als ich das erste Mal “Pissing“ bei einem Live-Auftritt von ihnen hörte, war das Stück noch nicht veröffentlicht. Ich ging nach Hause, nahm meine Gitarre und spielte es nach. Alles kam von allein. Es war ein sehr unterbewusster Prozess. Wahrscheinlich hat genau das in mir geschlummert, was sie mit diesem Song ausdrückten. Als ich es sie singen hörte, wollte ich es auch singen.

? Einige Leute sehen Verbindungen zwischen dir und KATE BUSH oder DIAMANDA GALAS. Wie stehst du solchen Vergleichen gegenüber und siehst du eine Affinität zu den genannten Künstlerinnen?

Ich glaube, dass DIAMANDA ein größeres Selbstvertrauen als ich besitzt, jedoch habe ich sie noch nie getroffen. Eigentlich bin ich sehr nett, aber wer meine Freunde verletzt oder wer mich nervt, dem rate ich schnell das Weite zu suchen! Aber im ernst, DIAMANDA hat sehr viel zum Thema Aids gemacht. Ich habe so viele Freunde durch Aids verloren. Es ist mir wichtig zu wissen, dass da draußen jemand Starkes ist, der die Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenkt. Sie stellt sich hin und brüllt es jedem ins Gesicht, dass man diese schönen toten Jungen nicht einfach ignorieren kann. Männer, Frauen, Afrika – fuck! Man muss diesen Menschen Beachtung schenken! DIAMANDA tut dies und ich liebe sie dafür. Ich denke, dass wir für unsere Freunde und für die ganzen anderen entrechteten Bastarde wahrscheinlich alles tun würden. Vielleicht sind wir uns ähnlich. Um auf KATE BUSH zu kommen – nun die Frau ist ein Genie. Habt ihr euch ihren Song “Hounds Of Love“ angehört? Achtet auf den Text! Das ist das, was mich berührt. Sie ist nicht so eine serpentine monster queen wie DIAMANDA, sondern sie ist eher süß, wie ein Häschen.

? Dieser Tage tourst du durch Deutschland. Mit welchen Erwartungen gehst du daran bzw. von welchen Eindrücken kannst du uns bereits berichten?

Deutschland ist so unterschiedlich und komplex. Ich interessiere mich für Krieg, Rassismus, Machtgefälle und Klassenungleichheit mehr als für alles andere und der Zweite Weltkrieg lehrt uns so vieles. Das machen alle Kriege. Meine Freunde in Deutschland haben mir so viel darüber beigebracht, wie ihre Familien sich nach den beiden Weltkriegen entwickelten und lebten. Ich möchte lernen, wie man das Verständnis für Leute weitergeben kann, die kein faschistisches Regime mehr haben möchte. In den Staaten haben wir Millionen Ureinwohner vernichtet und irgendwie haben wir nichts daraus gelernt. Wir feiern einen Tag, an dem wir sie dazu gebracht haben, unsere Freunde zu sein (das ist das Erntedankfest, weil sie uns naiverweise wunderbares Essen gegeben haben, bevor wir ihren Kontinent, ihre Ressourcen, Sprachen und Kulturen an uns gerissen haben). Wir feiern den CHRISTOPHER-COLUMBUS-Tag – dieser Mann war ein wirklicher Wichser, der eine Saat gesät hat, die zur Sklaverei und Massenvölkermord geführt hat. Ich sage nicht, dass wir nicht tolle Redwoods und Milchshakes haben, ich sage nur, dass jedes starke Land Mitgefühl, Großzügigkeit, Offenheit bezüglich Veränderungen und Angst vor der Wiederholung der Vergangenheit lernen sollte.

? Gehst du gern auf Tour bzw. gibt es Facetten, die dich am Touren stören?

Live-Musik liegt mir im Blut, aber ich benötige mehr Geld. Mehr Leute, die zu den Shows kommen. Ich arbeite so hart ich kann, aber wenn nicht mehr Leute kommen, wird es für mich finanziell nicht mehr möglich sein, hier aufzutreten, obwohl ich gern nach Europa reise. Ich liebe es hier zu sein. Ich muss eine große Band bezahlen. Nur mit ihr kann ich die Musik transportieren, welche ich in meinem Kopf höre. Ich bin kein Singer-Songwriter. Die Shows auf der jetzigen Tour sind eher als Experiment zu verstehen.

? Inwiefern ist dir dein Erscheinungsbild als Künstlerin wichtig? Legst du Wert auf ein Image?

Um ehrlich zu sein, ist es dafür schon zu spät. Leute, die meine Musik mögen, werden nicht alles gut finden, was ich mache. Ich richte mich nach niemanden, außer wenn es sich um irgendeinen Job handelt (zum Beispiel ein schlechter Werbeclip), worüber ich zu diesem Zeitpunkt froh wäre, da ich so mit der Band touren könnte, mit der ich es möchte. Aber wie gesagt, mein Erscheinungsbild als Künstlerin interessiert mich nicht. Wichtig ist mir, wie das Publikum mich aufnimmt, denn das beeinflusst die Show. Ich bin mit euch Leute, egal ob ihr mich wollt oder nicht. Tretet ein in den Konzertsaal und wir werden eins sein!

? Was erwartest du noch von diesem Jahr?

Sound. Liebe. Und eine Menge verrückter Schlafplätze.

(D.L, S.L., M.G.)

 

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