RICHARD KNOX & FREDERIC D. OBERLAND – The Rustle Of The Stars (CD)

“The Rustle Of The Stars“ ist eine musikalische Kollaboration zwischen Glissandro-Member Richard Knox und den Farewell Poetry-Musiker Frederic D. Oberland. Zudem werden sie von diversen Gastmusikern unterstützt. Der Hörer soll sich mit diesem feinen Stück Musik gedanklich auf eine imaginäre Reise in die entlegensten Zonen jenseits menschlichen Seins begeben, der Arktis. Dabei im Hinterkopf die ersten entbehrungsreichen Polarexpeditionen, Edgar Allan Poe´s Traumbilder, Schiffe, die sich durch krachendes Packeis quälen, wenn der menschliche Gedanke einzufrieren drohte, in polarer Trance zu versinken scheint.

Der eisige Pol als Synonym für Weite, die North West Passage, ewiges Eis – versteht man “The Rustle Of The Stars“ als ein Phänomen herber Schönheit, in welcher ein menschlicher Atemzug verschiedenste kaum wahrnehmbare Kollisionen zwischen den Mikrokristallen in der Luft erzeugt und die Mitternachtssonne und polarklare Nächte mit nicht greifbarer Übernatürlichkeit dem kleinen Menschenwesen den Atem rauben. Bilder und Visionen zur Platte werden den Hörer somit bereits im Vorfeld an die Hand gelegt, was einer inneren Art der Bilderflut eher entgegenwirkt. So etwas kann man negativ auslegen, ich finde die Imagination dieser Reise, auch durch das sehr ästhetische Digipack mit seinen stilvoll abgestimmten Bildern, sehr wirkungsvoll, um den richtigen Einstieg zu finden.

Zu Hause in Leeds und Paris schafften beide Musiker für sich ein Fundament an Ideen, welches mit allerlei Instrumentarien wie elektrischer Gitarre, Harmonium, Glockenspiel, Dulcimer und massig analoger Gerätschaften die Basis legen sollte, welche zwei Monate später zur gemeinsamen Aufnahme in der St.Margaret of Antioch-Kirche führte. Diese wurde dann durch den in Drone- bzw. Ambient-Kreisen durch seine hochqualitativen Arbeiten bekannten Lawrence English gemastert. Beginnend mit dem noch hoffnungsvollen “Sleeping Land Pt. I“, das mit Strings und Gitarrenambient sowie geisterhaften Chorälen den euphorisch gestimmten Blick in noch unbekanntes Terrain zu Beginn der Reise vollzieht, gleitet das Album mit den folgenden “Mist“ und “Drawing Lines To The End Of The World“ mit Postrock-Ambient lastigen Soundszenarien voran, um alsbald mit verstörendem Piano und klagenden Cello-Klängen den Übergang in unsichere Gewässer zu lenken, siehe “Sea Of Bones“ oder das karge, minimalistische Kleinod “Le Passage Du Nord Ouest“, welches mit traurig schönen Gitarrenakkorden, melancholischen weltfremden Drones dieses genretypische Cinematic-Feeling erzeugen.

Blaue polare Eismeerlandschaften und das Gefühl von unbegrenzter Leere, Einsamkeit und Verlorenheit. Die Dramen solcher Protagonisten, welche mit viel Mut, Entschlossenheit und Abenteuerlust durch die Gewalt dieser unbändigen Natur zu tragischen Figuren wurden, wird sich wohl dem Normalsterblichen nie auch nur ansatzweise erschließen können, da diese Extreme im Umfeld menschenfeindlicher Kräfte in Zeiten des erst langsam beginnenden technischen Vormarsches ein hohes Maß an Idealismus voraussetzte. Mit “The Wreck Of Hope“ zieht der vorletzte Track wie Nebelschwaden am Ende der Welt an einem vorbei, macht die Augen schwer, die Sinne zu Blei – man sieht die Reisenden jenseits aller Hoffnung im Nebel driftend verschwinden. Kein Happy End. Simple Gitarrenloops, hypnotisch, akzentuiert von perlenden Pianospiel, statisches Fiepen, dem Flackern eines alten Projektors gleich, der immer dieselben Super 8- Bilder in Slowmotion wiederholt, die nur noch Schemen erkennen lassen…wie in einem Film, dessen unausweichliches Finale den Zuschauer den Atem stocken lässt. Der letzte Song “Sleeping Land Pt.II“ lässt dieses Stück majestätischen Ambients würdevoll zum Abschluss kommen.

Beide Musiker haben es trotz der Entfernung zueinander auf wundersame Weise geschafft, wie Brüder im Geiste ein Kleinod im Bereich Drone-Ambient zu hinterlassen, welches von seinem sehr scorelastigen Touch lebt. Harmonische und dissonante Elemente, analog zur inneren Gefühlswelt des imaginären Protagonisten, nehmen den Hörer mit auf diese 45minütige Reise durchs ewige Weiß – die im Wesentlichen von schwermütigen, atmosphärischen Stimmungen lebt, welche sich wie Ballast aufs Gemüt legen und eher was für nächtliche Kopfkinoreisen sind. Einsamkeit in Töne gegossen…wie einst die Großtaten eines Brian Eno. Ein lange nachhallendes Epos für Drone- und Ambient-Sympathisanten.

(R.Bärs)

Format: CD
Vertrieb: GIZEH/ROUGH TRADE
 

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