RIVULETS Interview

“Wer mein Schweigen nicht annimmt, dem habe ich nichts zu sagen.“ Dieses WOLFGANG BÄCHLER-Zitat trifft in gewisser Hinsicht auf NATHAN AMUNDSON aka RIVULETS zu. Denn wer Schweigen durch Ruhe ersetzt, kommt dem Kern der RIVULETS´schen Folkmusik sehr nah. So stellt seine Musik einen Fluchtpunkt vor allen Definitions- und Steuerungsbemühungen dar und bildet so sein Verweilen-Können ab. Seine Veröffentlichungen ermöglichen eine Rückkehr zu sich selbst und entsprechend ihrer Spieldauer ein Verweilen dort. Einmal mehr wird deutlich, dass es nicht um maximale Provokation, sondern um die maximale Steigerung von Intensität gehen muss, wenn ein bleibender Eindruck hinterlassen werden soll. “You Are My Home“ heißt seine aktuelle Veröffentlichung und vielleicht kann diese für so manchen zu einem Zuhause werden. Das Bildmaterial stammt von LAURENT ORSEAU.

? Wie bist du zum ersten Mal mit Musik in Kontakt gekommen?

Nun, zunächst nahm ich als Kind Klavierunterricht. Mit 14 begann ich Gitarre zu spielen. Während meiner Jugend war ich in verschiedenen Bands aktiv, jedoch haben wir nichts aufgenommen, beziehungsweise veröffentlicht. Es waren typische Garagenbands. Ende der 90er wollte ich mehr Kontrolle über meine Musik erhalten, was schließlich dazu führte, dass ich RIVULETS ins Leben rief.

? War RIVULETS somit schon von Beginn an als Soloprojekt geplant?

Im Grunde ist RIVULETS ein Soloprojekt. Es stoßen zwar immer wieder Leute hinzu, die über eine längere Zeitspanne als Teil der Band zu sehen sind, aber eigentlich bin ich RIVULETS allein.

? Kannst du dich noch daran erinnern, als du dein erstes Album veröffentlicht hast?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich das erste Exemplar des Albums erhielt. Ich legte mich auf den Fußboden meines Wohnzimmers und hörte es mir immer wieder an. Es war sehr aufregend auf dem Cover alle Songs zu sehen. Sie hatten  sich die gesamte Zeit vorher in meinem Kopf befunden und waren nun in physischer Form für jeden erhältlich.

? Bei der Veröffentlichung deines aktuellen Albums “You Are My Home“ schien es zunächst einige Probleme zu geben, bevor es schließlich von IMPORTANT RECORDS herausgebracht wurde. Möchtest du dazu kurz etwas sagen und warum hast du dich  für IMPORTANT RECORDS entschieden?

Das ist eine lange und uninteressante Musikbuisness-Geschichte. Die kurze Version ist, dass es Ärger mit der Veröffentlichung des Albums gab. Deshalb habe ich es an einige Freunde geschickt, um zu sehen, ob mir jemand helfen kann. JAMIE von XIU XIU war einer dieser Leute. Er gab es IMPORTANT. Sie mochten das Album und beschlossen es zu veröffentlichen. Sie sind wundervoll. Ich hatte Glück. IMPORTANT ist ein großartiges Label und ihre Diskografie spricht für sich selbst.

? Hast du ein bestimmtes Konzept im Hinterkopf, wenn du Songs für ein Album schreibst?

Ja, das habe ich. Ich wollte noch nie ein Album aufnehmen, welches nur eine Ansammlung von Songs ist. Für mich ist es wichtig, dass ich einen Faden habe, an dem sich alles weitere entspinnt. Danach wähle ich die Songs aus, die am besten zu einem Thema passen und arbeite von da aus weiter.

? Gibt es Leute, denen du die Songs während der Aufnahmen vorspielst und auf deren Urteil du Wert legst?

Nein, eigentlich nicht. Ich meine, im Studio sind immer Leute, deren Meinungen mir wichtig sind, seien es die Techniker oder Musiker, welche an den Songs beteiligt sind. Aber während des Schreibens bin ich auf mich zurückgeworfen. An guten Tagen gelange ich in ein Stadium, in dem ich nicht ich selbst bin und die Ideen aus mir herausströmen. Die ganzen Dinge (Aufnahmen, Arrangements), die später kommen, sind dabei sekundär. Wenn der Song einmal da ist, ergibt sich alles andere von allein.

? Wie bewertest du persönlich deine bisherigen Aufnahmen?

Ich sehe sie als Dokumente. Sie sind nur Versionen von Songs, zusammengestellt mit anderen Versionen von Songs, die wiederum alle einem Thema untergeordnet sind. Kein Song ist endgültig. Alle sind nur Momentaufnahmen eines bestimmten Tages oder einer bestimmten Stunde.

? Du weißt, dass viele Journalisten dazu neigen, Musik zu kategorisieren. RIVULETS ist u.a. dem Begriff “organic shoegaze project“ zugeordnet worden. Kannst du so etwas nachvollziehen?

Ich habe wirklich keine Ahnung, was das bedeuten soll, jedoch können Leute meine Musik bezeichnen wie sie wollen.

? Würdest du sagen, dass man deine Musik als eine Art Gegenstück zur Rockmusik verstehen kann, welche ja sehr maskulin ausgerichtet ist?

Nein, das beabsichtige ich nicht. Wenn Leute meine Musik aber so verstehen, dann ist das in Ordnung. Ich habe kein Problem mit Machomusik und liebe LED ZEP, BLACK SABBATH und die frühen SWANS. Wenn es aber so abläuft, wie es beispielsweise beim New York Hardcore der Fall ist, dann kann ich damit überhaupt nichts anfangen. Aber Draufgängertum in Kombination mit großartigen Songs oder Performances, das heißt, wenn eine tiefere Bedeutung existiert, dann finde ich es gut.

? In diesem Zusammenhang stellt sich für uns die Frage, ob du manchmal das Bedürfnis hast, richtig laute Musik zu spielen?

Natürlich. Habt ihr die letzte Tour gesehen? Auf Tour trete ich lieber jeden Abend  mit einer Rock- oder Metalband auf, als dass ich noch einmal mit einer niedlichen Indieband spiele, die Laptops auf der Bühne verwendet. 

? Du hast bereits mit  Künstlern wie zum Beispiel JESSICA BAILIFF, LOW und JARBOE zusammen gearbeitet. Welche Rolle spielt Freundschaft in diesem Zusammenhang für dich?

Freundschaft ist sehr wichtig. Diese Künstler sind meine Freunde und ich mag es mit ihnen gemeinsam Musik zu machen, wann immer das möglich ist. Zudem bin ich ein großer Fan von allen Künstlern, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, ansonsten würde ich nicht mit ihnen arbeiten.

? Gibt es bestimmte Künstler, mit denen du gern in Zukunft zusammen arbeiten möchtest?

Ja, aber es macht mehr Spaß, wenn Leute auf mich zukommen, vor allem wenn es dabei um unerwartete Dinge geht, wie zum Beispiel das Schreiben eines Songs für eine Ausstellung in einer Galerie.

? Welche Musik hörst du privat? Gibt es Tonträger, die du empfehlen möchtest?

Heute habe ich WINDY & CARL´s “The Dream House/ Dedication To Flea“ gehört, letzte Nacht war es “Victorialand“ von COCTEAU TWINS. In letzter Zeit habe ich sehr häufig eine Dame namens CAMILLE  und ihr Album “Le Fil“ gehört. Auf unserer letzten Tour haben wir das Album mindestens einmal am Tag durchlaufen lassen.

? Welche Elemente muss ein Song haben damit er dir gefällt?

Melodie. Harmonie ist auch nett, aber definitiv Melodie.

? Vor kurzem bist du auf Europa-Tour gewesen. Wie ist die Tour verlaufen?

Wir touren mehrmals im Jahr für jeweils einen Monat. Es ist aufreibend, anstrengend, manchmal ist es befriedigend. Es ist ein ständiger Wechsel von Beeilen und Warten. Während einer Tour dreht sich für mich immer alles nur um die Show. Manchmal passieren lustige Dinge am Rande, aber alles was nicht direkt mit der Show zu tun hat, hat mit der Vorbereitung für die Show zu tun. Man kann es wirklich nicht als Urlaub sehen. Wenn alles gut läuft, hat man die Zeit alte Freunde zu treffen oder vielleicht neue kennen zu lernen. Das ist dann immer sehr nett.

? Wie viele Leute unterstützen dich bei deinen Auftritten?

Das ist immer davon abhängig, welchen Sound ich hören möchte und welche Tour ich präsentieren will. Manchmal trete ich allein auf, manchmal mit einem Musiker, manchmal mit zwei Musikern. Außerdem ist es davon abhängig, mit wem ich zusammen auftreten möchte und ob diese Musiker Zeit haben.

? Wie bereitest du dich auf deine Auftritte vor?

Mir hilft es sehr, wenn ich vor und nach dem Auftritt allein bin. Das ist eigentlich alles. Es ist wichtig sich zu sammeln und sich auf das zu fokussieren, was man tun wird.

? Hast du noch bestimmte Erwartungen an dieses Jahr?

Ich weiß nicht. Ich habe keine Erwartungen. Damit kann ich nichts anfangen.

(D.L., S.L., M.G.)

 

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