OM – Advaitic Songs: Eine Doppelbesprechung (CD/2LP)

Mit “God Is Good“ hatte ich OM ein wenig aus den Augen + Ohren verloren; ich glaube, weil ich irgendwo Snippets mit Zusatzinstrumenten gehört hatte und OM lieber puristisch “wollte“. Es sei vorausgeschickt, dass ich diese Vernachlässigung der “God Is Good“ unter dem Eindruck der “Advaitic Songs“ schnellstens wieder gut gemacht habe… …zurecht; übrigens. Denn: “Advaitic Songs“ bringt OM mit Macht zurück und das, obwohl die CD/2xLP auf 45-VÖ alles andere als puristisch Bass/ Gesang/ Schlagzeug ist. Und obwohl mit “State Of None-Return“ auch “nur“ ein Nackenbrecher an Bord ist. Oder in 7 Worten: auf den Punkt/ kompakt/ konzepttreu/ atmosphärisch/ packend.

“Addis“ beginnt mit einem Chant-Gesang von Gastmusikerin Kate Ramsey und setzt mit dieser faszinierenden Stimmung zwischen in sich ruhend und bevorstehendem Aufbruch gleich die Eckpunkte, die “Advaitic Songs“ bis zum Ende durchgehend bestimmen sollen; Bass und Schlagzeug bauen eine reduziert-federnde Grundlage und überlassen dem Gesang und den beiden Celli von Jackie Perez Gratz und Lucas Chen weitestgehend den Raum. Dazu vereinzelte Pianotöne und sogar mal so etwas wie eine Gitarre und: die Einführung von diesen kurzen Melodien, harmonisch meist absteigend, ganz einfach, aber mit umso mehr Suchtpotenzial; auch das ein Merkmal, das alle fünf “Advaitic Songs“ in unterschiedlicher Ausprägung besitzen.

“State Of Non-Return“, das “heavy“-Stück mit soundmäßig gedoppelten Bass (zwei verschiedene Distortions!), dem typischen Gesang von Al Cisneros und einem Emil Amos in Hochform. Plus dem Auslauf in eine streicherdominierte Coda mit Soundtrackcharakter. “Gethsemane“ bildet dann so etwas wie den Dreh- und Angelpunkt des Albums: auf einem gefilterten Bassloop basierend, hört sich dieses Stück zunächst an wie der Blick von der Klippe über eine Wüste, die dann unter der Führung von Al Cisneros entschlossen, aber angesichts ihrer Gefahren doch auch vorsichtig/ verhalten durchquert wird. Und auch “Gethsemane“ endet in einem arabisch klingenden Streichereinsatz, nachdem sich der Bass in ein treibendes, wie loopartig wiederholtes Motiv gefunden hat.

Was den Einsatz der Mittel betrifft ähnlich fokussiert, was das Arrangement betrifft reduzierter: “Sinai“, basierend auf einem statischen droneartigen Loop, durch  die Rhythmik und den drängenden Gesang aber dennoch fast treibend kontrastiert. “Haqq Al-Yaqin“ bündelt noch einmal alle Zutaten und setzt vollen Streichereinsatz blockartig gegen den freigestellten Gesang; das alles getrieben durch einen vollkommen reduzierten Rhythmus – am Ende dann fast wie ein ganzes Ensemble arabischer Musiker (und außer den bereits genannten sind das, verteilt über die gesamte Veröffentlichung: Robert Aiki Aubrey Lowe, Jory Fankuchen, Lorraine Rath und Homnath Upadhyaya)

Wie OM die “Advaitic Songs“ live bringen werden, wird sich noch zeigen; als Platte bilden sie eine homogene Geschichte mit Suchtcharakter, gerade wegen der Melodien, die so klingen, als ob jede neue die Motive der vorangegangenen einfach aufgreift und weiterentwickelt. Dazu die trotz der vielen Zutaten unglaublich offen klingende Produktion und (zumindest auf dem Vinyl) der Ultra-Low-End Sound. Schwer zu toppen, als Veröffentlichung, als Band / eigene Liga; definitiv. (N)

OM – Advaitic Songs (CD/2LP)

Nichtzweiheit. Einheit. OM – in personae Al Cisneros und Emil Amos holen aus zum großen Wurf. Thematisch bedienen sie sich dabei offenbar bei der Vendanta, einer Richtung der indischen Philosophie. Die Advaita Vendanta stellt ein monistisches System dar, welches auf einer Wesensidentität von individueller Seele und Weltseele beruht.

Zwei zu eins, eins aus zwei – dies bildet das Fundament der Säule, die “Advaitic Songs“ trägt. Die Grundstruktur des Albums bleibt die gleiche und dennoch ist so vieles neu. Geblieben ist die Cisneros`sche Basswucht. Erhalten blieb ebenso das Amos`sche Knalldrum. Die Verschmelzung beider garantiert unter regulären Umständen schon Verzückung. Auf “Advaitic Songs“ allerdings reichern der OM-Mastermind und sein auch bei den GRAILS und den HOLY SONS tätiger Schlagwerker dies in einem Maße an, das in Ekstase treibt, der Verzückung Heimstatt ist und den Durchlauf auf Endlosschleife stellt.

OM zu beschreiben, hieß immer Vergleiche heranzuziehen, die zumeist aus dem Drone-, Doom- und Stoner Rock- oder Sludge-Bereich kamen. In der OM´schen Gegenwart baut sich dies nun zu  einer Art orientalisch-asiatischem Drone-Doom aus. Zum Rhythmus pur nuschelt-murmelt Al seine Lyrics, nölig und leicht introvertiert. Für alles andere haben OM Gäste geladen. So startet “Addis“ mit einem Beschwörungsformelgesang, vorgetragen von Kate Ramsey. Hier zeigt sich, was Exposition bedeuten kann, vor allem im Hinblick auf die Kohärenz eines Albums.

Die darauffolgende Modulation führt ein Wesensmerkmal dieser Veröffentlichung in der Gestalt der Cellopassagen ein. Dafür verantwortlich zeichnet sich der nächste Gast, Jackie Perez Gratz, die durch ihr früheres Mitwirken bei AMBER ASYLUM und ihr gegenwärtiges bei GRAYCEON und GIANT SQUID bekannt sein dürfte. Besonders ihr weiches und harmonisches Spiel rundet das die Platte prägende Kontemplative ab und ermöglicht die Fokussierung auf das Eine. Dieses Eine definiert sich als Moment dehnendes Verweilen im Vortrag. Ewigkeit und Wimpernschlag verschmelzen. Diese Verschmelzung scheint derart vollkommen, dass in den Augenblicken, in denen nahöstliche Sounds in den OM´schen hineinatmen, man fast meint, hier hätte sich eine aus dem Jenseits kommende Schenkung des Bryn Jones vollzogen. Besonders auf “Sinai“  verfestigt sich dieser Eindruck.

Gleich wirkt in allen Stücken die Atmosphäre, ein dunstig-schwüles Miteinander, schlammig, heiß-feucht und wohlig. Ob da nun Lorraine Rath, die ebenfalls zu einem früheren Zeitpunkt Mitglied im stetig wechselnden Line-Up AMBER ASYLUMs war und heute ihre Beiträge bei WORM OUROBOROS veredelt, Flötensounds beisteuert, die den Pan wie einen Trillerpfeifenheini erscheinen lassen. Oder Jory Fankuchen wechselnd Bratsche und Violine streicht, als gäbe es kein Morgen. Homnath Upadhyaya trommelt auf der Tabla gleich einem Klopfen an die Himmelspforte, besonders hier verstärken sich die indischen Impulse. Das Klangspektrum von “Advaitic Songs“ sprengt nicht die Vorstellungswelt, es vereint vielmehr Erwartung und Überraschung. Aus zwei wird eins.

Langfädig und dicksträngig durchwoben, die Texte vor Metaphern nur so strotzend, walzt es gen Höhepunkt, dieses Monster von einem Album. Jener Gipfel, jene Krönung ist zweifelsohne “Haqq al-Yaqin“. Hier stimmen mit Ausnahme von Rob Lowe`s aka LICHENS Tamburin alle Instrumente in den Rausch ein. Als Mantra-Doom könnte dies benannt werden. Oder die Kirsche auf der Torte – nein – die Torte auf der Torte. Ein öffentliches Abspielen des Songs muss wohl dauerhaft untersagt bleiben, fordert es doch zum Veitstanz auf, Choreomania pur. Ekstatisch-halluzinogen zucken die fremdgetanzten Hörer da, Schaum vorm Mund am Ende der 11 Minuten in sich zusammensackend. Einen Eindruck der Live-Wirkung konnte man bei der OM-Tour im Frühjahr dieses Jahres gewinnen, als sie unterstützt durch LICHENS, diesem Tausendwirbler, einige Stücke bereits “uraufführten“.

Den Hörer erwartet auf “Advaitic Songs“ nun ein vollkommenes Bild, eine OM´sche Interpretation des west-östlichen Diwans, hier sind “Orient und Okzident … nicht mehr zu trennen“. Eine weitere Zweiheit findet auf “Advaitic Songs“ zur Einheit. OM bleiben OM, wissen um ihre Wurzeln und erfinden sich dennoch ein gutes Stück weit neu. Sucht man an dieser Stelle nach Vergleichsgrößen zu diesem Album fällt wohl der ein oder andere Gedanke auf EARTHs “Angels Of Darkness Demons Of Light II“. Dort strich Lori Goldston (erneut) ihr farbenprächtiges Spiel ein und gleichzeitig erklomm die Kapelle um Dylan Carlson eine weitere Ebene. Auf “Advaitic Songs“ indes findet sich ein Batzen Wucht, der alles, was bisher geschah in den Schatten stellt.

Das Ausnahmeensemble findet seine vollkommene Aufzählung, indem auf den Gestalter des Covers, David V. D’Andrea, hingewiesen wird. Eine – der christlich-mythologischen Darstellungen entlehnte – Heiligenfigur mit einer Schenkungsgeste ist da zu sehen. Westliche Illustration, fernöstlicher Bezug im Titel – ein Ganzes.

OM haben ein kolossalisches Experiment gewagt und alles gewonnen. Ein Album, welches dergestalt den inneren Wetterumschlag im Hörer befördert, hat es lange nicht gegeben. Nicht nur die Figur auf dem Cover, nicht nur die Stücke, nicht nur einzelne Passagen, sondern wirklich alles an dieser Veröffentlichung ist mit dem Glorienschein eines zukünftigen Ausgleichs versehen. Mehr als ein Seelentonikum. Kompositorische Einzelteile, die sich in eine Kohärenz der Beispielhaftigkeit verfugen. Eine musikalische Erfüllung, die die Möglichkeit liefert aus dem grauen Kontinuum auszusteigen. Eine geheimnisvolle Verschmelzung von Werden und Ewigkeit.

Impulsfülle. Überfülltes Versprechen. Magisch – wesensidentisch. (S.L.)

Format: CD/2LP
Vertrieb: DRAG CITY
Mailorder: Going Underground
 

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