ANTLERS MULM Interview 2007

Was sind Gesprächsanlässe? Gibt es Fixpunkte, welche sich systematisch nachzeichnen lassen, wenn sich die Frage nach einem Interview stellt? Bei ANTLERS MULM lässt sich diese Frage leicht beantworten. Das aktuelle Album “Of Withered Sparks“ setzt nicht nur den eingeschlagenen Weg des Leipziger Einmannprojektes der Werktreue fort. Werktreue hier verstanden als Motivtreue- dem Motiv des Tastens und Suchens. Und so findet sich auf der neuen Veröffentlichung eine fast greifbare Gestaltung, die sich nicht in ihrer Ambivalenz von Innehalten und Weitergehen erschöpft, sondern fast magisch diese scheinbaren Gegenpole zu einem intensiven Klangfaden verwebt. Jene Gestaltung ist es letztlich, die diese scheinbare Trennwand zwischen Hörerlebnis und Hörereignis aufhebt. Der Zusammenfluss beider mündet in einem subtilen Ergebnis, welches eine Ahnung von der Tiefe des Möglichen vermittelt. Zu seinem neuen Album und zu vielen anderen Fragen äußerte sich HANS JOHM wie folgt …

? Starten wir mit einer schwierigen Frage. Nicht wenige behaupten, dass immer eine enge Verbindung zwischen einem kreativ-künstlerischen Prozess und dem jeweiligen Ort existiert, an dem er stattfindet. Bemerkst du in Bezug auf deine Arbeiten eine Verbindung zu deinem Wohn- und Arbeitsort Leipzig und wenn ja, in welchen Facetten spiegelt sich dies in deiner Arbeit wider?

Die Frage nach dem Ort würde ich der nach den Menschen unterordnen. Einige der mir nächsten und teuersten Mitmenschen, Freunde, leben hier – eine gewisse Ballung sozusagen. Es gibt hier Bücher, Wald und den Deutschlandfunk. Nur das Meer ist fern. Meine Situation hier in Leipzig scheint mir letztlich eine behütete. Es gibt hier Reste einer gewissen provinziellen Wärme. Diese Dinge können jederzeit einen guten Anfang bedeuten.

? Existieren in der Person HANS JOHM Orte, welche sich dir erst im Suchen nach künstlerischem Ausdruck auftun, Orte in dir, von denen du zuvor nichts wusstest?

Es besteht desöfteren die Möglichkeit, von sich überrascht zu sein: im Falle der Konfrontation, der Herausforderung, des sich Einlassens und des Selbstvergessens. Eine “Suche nach dem künstlerischen Ausdruck“ ist aber nicht die meine. Damit ist sicher die Form der Darbietung, der Aufbereitung auf welchem schöpferischen Gebiet auch immer, gemeint. Das “Wie“ entsteht während der eigentlichen, ernsthaften Suche nach dem “Was“ zwangsläufig. Die Art der Darbietung ist sehr wichtig, aber zweitrangig.

? Deine neue Veröffentlichung “Of Withered Sparks“ erscheint erstmals nicht auf deinem Label SONDERÜBERTRAGUNG, sondern wird von der LOKI FOUNDATION veröffentlicht. Welche Gründe gab es dafür und wie kam der Kontakt zu LOKi zustande?

In mancher Hinsicht ist das Leben bekanntlich ein Spiel. Und hin und wieder trifft man sich mit anderen Menschen und spielt. Am liebsten mit Freunden. Zur Zerstreuung, um über Dinge zu verhandeln, die auch alles andere als ein Spiel sein können oder schlicht um die Triebe in andere Bahnen zu lenken. Spielen ist Kultiviertheit, bedeutet Kultur. Ich bin beinahe versucht zu sagen: Spielen ist alles andere als ein Spiel …beinahe.

? Würdest du dich mit der Behauptung einverstanden erklären, dass thematisch die “Suche“ auf diesem Album eine Rolle spielt?

Wie auch auf den beiden Anderen zuvor.

? Was ist der Kern dieser Suche?

Zwei sehr alte Fragen, die nach dem Glauben an eine Sache und – vor allem Anderen – die nach dem Schöpfer. Der mannigfaltig Tragische, Gefallene und Strebende ist hier inbegriffen. Wir, die Teilhabenden der westlichen “ersten“ Welt, genießen die Freiheit uns den schirmenden Armen einer religiösen Doktrin anzuvertrauen oder als Atheisten auf Erden zu wandeln. Viele Zeitgenossen wählen sich eine für sie “passend“ scheinende Gottfigur oder Geisterriege aus dem weltweiten “Angebot“. Das mag ein Weg sein. Man sollte all diese Entscheidungen hin und wieder hinterfragen, um sie neu und vielleicht anders treffen zu können. Die reine Suche als End- und Ausgangspunkt… ich wäre gespannt, was ich, um zwanzig Jahre gealtert, auf diese Frage hin antworten würde .

? Muss dabei das Finden zwangsläufig an erster Stelle stehen?

Keineswegs.

? Kannst du den Eindruck bestätigen, dass du auf deinem aktuellen Werk in dem Maße als Person zurücktrittst, indem du als Künstler hervortrittst?

Es gelingt mir nicht, diese beiden Aspekte als voneinander losgelöst wahrzunehmen. Oder, um mit den Worten einer prominenten Persönlichkeit zu sprechen: “Ich bin, der ich bin.“ Man möge mir die Anmaßung in zweierlei Hinsicht verzeihen.

? Würdest du in diesem Zusammenhang davon sprechen, dass sich ANTLERS MULM 2007 stärker Song orientiert gibt?

Einen Zusammenhang zwischen dieser und der vorherigen Frage sehe ich nicht. Die Stücke enden früher, verglichen mit den Titeln auf “Reverse“. Ein Trauerspiel also.

? Lagen die Songs bezüglich ihrer Entstehungszeit auf einer Zeitleiste?

Ja. Die Ausnahme bildet “Sunflowers“, das schon im Mai letzten Jahres entstand. Im Januar ’07 war dann “Wreckers“ der zündende Funke für das neue Album. Ende Juli war alles getan.

? Wie wichtig ist es für dich, dass ein Album in Bezug auf seine Zusammensetzung und der Anordnung der Stücke durchkomponiert ist, bzw. das Album ein “richtiges“ Album ist und nicht nur eine Compilation diverser Songs?

Ein wichtiger Aspekt. Einige Stücke einer Arbeitsphase fallen immer raus und scharren draußen weiter. Auch hier ist wieder die enge Verflechtung von Inhaltlichem und Formalem. Zwei Beispiele: “Hollow Heart“, das es glücklicherweise auf “Of Withered Sparks“ geschafft hat, büßte fast sein gesamtes Rhythmusgerüst ein, um auf dem Album funktionieren zu können. Dagegen war zum Beispiel das demselben Zeitraum entstammende “People In Reserve“ inhaltlichunmöglich zu integrieren.

? Hat sich der Raum, der für das Schreiben der Texte nötig ist, verschoben?

Die Arbeitsweise beim Text- und Stückschreiben ist über die Jahre recht konstant geblieben. Es gibt keinen Instrumentaltitel auf dem neuen Album – somit haben die Texte wohl mehr Boden.

? Wie stark identifizierst du dich mit all deinen musikalischen Ergebnissen? Gibt es Favoriten?

Wie stark identifizierst ihr euch mit den Dingen, die ihr denkt und sagt? Mein größter Verlust, das neue Album betreffend,  ist “End Of Words“, darüber hinaus sind da “Twilight, Fate And Tears In Eye“ und “These Growing Nights“.

? Gibt es für dich ein Lieblingsstück auf dem neuen Album?

End Of Words“.

? Ein herausragendes Stück auf dem Album ist sicherlich auch “Filth In Several Styles“. Es hat eine sehr wavige Atmosphäre. Spielen persönliche Hörvorlieben bei der Entstehung von neuen Stücken eine Rolle?

Auch.

? Welche Einflüsse waren bei der Schöpfung deines neuen Albums prägend? Gibt es diesbezüglich konstante Einflüsse?

Sehr hartnäckig. Eine gewisse Mitverantwortung für den Sound von “Of Withered Sparks“ liegt bei einigen frühen Factory-Bands und angrenzenden Wave-Acts. Manchester, Leeds ´81/´82/´83. Die Konstante ist sicher WARP. Aber bitte nicht missverstehen; ich meine die Einflüsse auf den Klang des Albums, nicht den Klang des Albums selbst. Die wesentlichen Inspirationen für das neue Album flimmerten und flackerten aus geliebten Büchern.

? Eine für ANTLERS MULM charakteristische Komponente scheint folgende zu sein. In dem Moment, in dem eine Melodie ansetzt, bricht ein Beat ein. Welche strukturierende Funktion ordnest du den Beats zu?

Beats haben eigentlich immer Aufforderungscharakter. Sicher auch bei ANTLERS MULM. Strukturierende Funktion: alle Dinge suchen ihren Platz…und manchmal finden sie ihn auch.

? Deine Sounds haben etwas sehr subtiles. Gleichzeitig erzeugen sie eine Stimmung des sich Wohlfühlens im Alleinsein – speziell in den frühen Morgenstunden eines heran brechenden Tages. Lässt dieser Eindruck Rückschlüsse auf deinen Schaffensprozess bzw. dein Arbeitsverhalten zu?

Es ist bekannt, dass Stimmungslagen und Assoziationen mittels Klang erzeugt oder bedient werden können. Wenn ihr aber auf gezielt angelegten Subtext im Klangbereich anspielt, so muss ich das verneinen. Die frühen Morgenstunden…geht dieser Eindruck eurerseits vielleicht auf “4AM“ zurück?

? Spielen Glaube und Vertrauen für dich sowie für deine Arbeiten eine Rolle?

Der Glaube ist das zentrale Thema.

? Kannst du dies bitte konkretisieren?

Glaube im Sinne des gerichteten Seins.

? Deine Arbeiten sind reich an Querverweisen zur Natur. Am deutlichsten tritt dies auf deinem aktuellen Album unserer Ansicht nach bei “Sunflowers“ hervor. Steht dahinter ein gewisser Skeptizismus gegenüber der sich scheinbar selbst überholenden, rasenden  Postmoderne?

Der Skeptizismus ist da, wie bei eigentlich jedem Mitteleuropäer im angenommenen Gespräch unter vier Augen. Es gibt natürlich auch einen kalten, seelisch verrohten Abschaum, für den nicht einmal dieser kleinste gemeinsame Nenner gilt (zwischen diesen Buchstaben hervor quillt Verachtung und vielleicht schon Hass  – weiter bin ich hier jedoch noch nicht). “Sunflowers“ bedient sich des Bildes der Blume, dem Lichtgeschöpf. Das Stück spricht von der Einseitigkeit in der Betrachtung, von vorgefertigten Lebensentwürfen und der Unfähigkeit mit Leid und Abseitigem umgehen zu können.

? Spielt die Metapher des Unterholzes für dich eine Rolle in deiner Arbeit?

Am ehesten noch das selbst durchstakste, weniger die Metapher.

? Als Maler, deiner eigentlichen Profession, arbeitest du mit gedeckten Farben. Unserer Ansicht nach bilden deine Veröffentlichungen dies musikalisch ab. Kannst du diesem Vergleich etwas abgewinnen und wenn ja, glaubst du, dass ein Bild Musik besser beschreiben kann, als ein Bericht oder eine Rezension?

Das gewählte Wort vermag einem Bild durchaus gerecht zu werden. Musik kann Bild und Wort begleiten und unterstützen, nicht jedoch ein Bild treffend beschreiben, oder eine von dem Bild ausgehende Stimmung eindeutig benennen. Die Assoziationen zu Klängen sind von Mensch zu Mensch verschieden, sind mannigfaltig.

? Die Bilder bzw. die Songs, die aus dir herausdrängen – überraschen sie dich mitunter, wenn du sie dann bewusst betrachtest bzw. ihnen zuhörst?

Bilder und Stücke materialisieren sich durch die Arbeit daran (obwohl man sich bei der Musik, der ätherischsten aller Künste, um den Anteil der Materie streiten kann). Somit wird man mit deren “Äußerlichkeit“ über die Dauer einer Wegstrecke vertraut. Das dem Kunstwerk Innewohnende, das Wesen hat die Wurzel in seinem Schöpfer, und so ist ein Maß an Vertrautheit von vorn herein gegeben.

? Gibt es für dich einen konkreten Zeitpunkt, an dem für dich selbst klar ist, in welche Richtung ein nachfolgendes Album gehen soll?

Eine Gewissheit ist da, wenn sich ein paar voneinander verschiedene Stücke geschart haben, denen eine gemeinsame Idee zugrunde liegt.

? Wie gehst du in diesem Zusammenhang mit neuen Ideen um? Darf “Verschwendung“ diesbezüglich eine Rolle spielen?

Es muss vieles getestet und probiert werden, Stücke müssen verschiedene Stadien durchlaufen. Vieles wird verworfen und Manches verschoben. Einige wenige Dinge passieren auch einfach und stimmen. Das ist der Prozess. Mit “Verschwendung“ zielt ihr aber vielleicht auf etwas Anderes ab. In dem Fall könnte ich wohl nichts beitragen.

? Die Frage zielt auf eventuell vorhandene Strategien deinerseits, Ideen welche es wert sind verfolgt zu werden, zu konservieren. Beispielsweise, wenn sie einen überraschen.

Zettel und Stift. Die mächtigsten Instrumente überhaupt. Noch vor dem Rundfunk. Sowohl ein Textfragment als auch eine anvisierte Liedstruktur sind so direkt und komplikationslos festzuhalten. Die Anlage eines Fundaments hat begonnen. Es bildet sich ein Kreis an Gedanken, an Postulaten. Der weitet und verengt sich, ein Atmen. Im besten Fall geht von diesem Kreis ein Ton aus – ein gefundenes Fenster. Das bedeutet Abstimmung, wiederum Suche, den Versuch des Eingliederns von scheinbar Abwegigem. Immer wieder. Text, Sound, Struktur.

? ILLJA TROJANOW hat einmal gesagt, dass Reisen auch etwas Wagen bedeutet, dass Unsicherheiten zugelassen werden. Erkennst du hier Parallelen zum Arbeiten an neuen Stücken?

Leben an sich bedeutet Unsicherheit und Ausgesetztsein. Verzeiht das Pathos.

? Wie bereits angesprochen, wird dein neues Album auf LOKI FOUNDATION erscheinen. Was bedeutet dies für dein Label SONDERÜBERTRAGUNG?

Eine ANTLERS MULM-Veröffentlichung weniger.

? Existiert für dich eine markante Linie zwischen ANTLERS MULM und SONDERÜBERTRAGUNG?

Eine ganz klare. Mit der Arbeit an SUE trage ich eine Mitverantwortung für andere Menschen, konkret für deren schöpferische Arbeit, deren Aufbereitung und Verbreitung. ANTLERS MULM hingegen bedeutet Bedingungslosigkeit. Da wird nicht nach rechts oder links geschaut.

? Wie würdest du dein Label allgemein charakterisieren? Wird Vinyl in Zukunft noch eine Rolle spielen?

Label: Autoritär geführtes Durcheinander. Vinyl: Das ist durchaus denkbar.

? Was bedeutet dir dein Label persönlich?

Eine Spielart von Identifikation, Heimat.

? Würdest du in diesem Zusammenhang den Eindruck bestätigen, dass aufgrund der vielfältigen Angebote der Lebenswelt und dem permanenten Drang sich entscheiden zu müssen, es heute schwieriger ist, Identifikationen zu finden beziehungsweise zu stiften?

Das Angebot ist groß, vielfach Verlockendes blüht am Weg. Wenn einer Unrast ob der Tiefen spürt, greift er sicher zum Lot.

? Spielt dabei die Vokabel Authentizität eine Rolle?

Vielleicht. Etwas oder gar jemanden als authentisch oder nicht betiteln zu können, würde Überblick voraussetzen.

? Mittlerweile hast du mit ANTLERS MULM diverse Live-Auftritte absolviert. Welches Fazit ziehst du bis hier hin?

Noch keiner war perfekt.

? Gibt es Aspekte, die du in Zukunft beim Live-Spiel stärker betonen möchtest?

Das Spiel mit der Zeit. Sehr schwer umzusetzen.

? Würdest du sagen, dass der Alltag sich dadurch kennzeichnet, dass die Zeit mit dem Menschen spielt? Liegt hier vielleicht auch die Ursache, warum das Spiel mit der Zeit so schwierig ist?

In der westlichen Welt spielen Menschen mit Menschen. Ein Netz von Abhängigkeiten. Die Zeit ist hier ein (wichtiger) Teil des Regelwerks. Was das Spiel mit der Zeit im konkreten Fall der Live Performance sicher erschwert, sind vorgefasste Erwartungen sowie eine gesellschaftlich geförderte bzw. bedingte Unruhe.

? Was bedeutet es dir “live on stage“ zu sein?

Die verschiedenen Potentiale der einzelnen Stücke bzw. ihrer Versionen treten überdeutlich zu Tage. Das lässt wertvolle Rückschlüsse zu, die für kommende Arbeiten von großem Nutzen sein können. Das Zusammenspiel von Bild, Musik, Stimme und Anwesenden eröffnet eine andere Ebene jenseits des konservierten Klangwertes.

? Käme eine Tour für dich prinzipiell in Frage?

Ja.

? Was erwartest du noch von diesem Jahr?

Es ist mir in keinem Punkt verpflichtet.

? Abschließende Worte …

Ich hoffe, wir sind nicht alle aufrecht gehende Hunde.

(D.L., S.L.)

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