RIK GARRETT – Interview

Als einen Veröffentlichungshöhepunkt des aktuellen Kalenderjahres kann man sicherlich die Zusammenarbeit zwischen LOCRIAN und MAMIFFER mit dem Titel “Bless Them That Curse You“ sehen. Diese Zusammenarbeit wirkt letztlich auch aufgrund ihrer Gestaltung. Die Fotos dafür schoss Rik Garrett. Der amerikanische Künstler porträtierte dabei auch die Mitwirkenden. Die Bilder wirken direkt und klar, fast meint man, hier einen Einblick in die Herzkammer der Kollaboration der beiden Kapellen erhalten zu haben. Über Steven Hess entstand der Kontakt, der schließlich in einem Ergebnis gipfelte, das fragen lässt, von welchen Sternen die Beteiligten einander zugefallen sind. Garrett`s Arbeiten zeigen Atmosphäre und sind gleichzeitig von einem besonderen Licht umgürtet. Der an magischen und okkulten Themen interessierte Fotograf verfügt über das besondere Auge. So gelingt es ihm, mehr als das jeweilige Objekt mit seiner Linse einzufangen. Sein Blick tastet in die Tiefen des Unbekannten und verbildlicht auch das über den Moment Hinausgehende. Er spielt mit Vertrautem und Unbekanntem, setzt beides so zusammen, dass seine Arbeiten wie “Fotos aus der Vergangenheit wirken, die zeigen, wie es in der Zukunft sein wird“. Zum konzentrierten Betrachter bricht sich dabei ein Flüsterton des Eingeweihten die Bahn. Das von Garrett Ersonnene sorgt für ein Realitätsflimmern und wirkt so auf eine ganz eigene Weise: magisch!

? Könntest du dich bitte kurz vorstellen und skizzieren, wann du das erste Mal mit dem Thema Fotografie in Berührung gekommen bist?

Ich heiße Rik Garrett und arbeite als Fotograf in Chicago. Meine Mutter war eine Fotografin. Ihre Dunkelkammer lag direkt neben meinem Zimmer. Als ich aufwuchs, war das Thema Fotografieren immer präsent. Im Alter von 14 Jahren versuchte ich mich selbst dem Thema zu nähern. Während der Schulzeit beschäftigte ich mich hin und wieder damit, aber erst im Alter von 20 Jahren beschloss ich, mich tiefgreifend damit auseinander zu setzen. Das ist jetzt 15 Jahre her.

? Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Ich lese sehr viel. Zunächst stelle ich Verbindungen zwischen den verschiedenen Aspekten her, später versuche ich dann neue Wege zu finden, um diese Verbindungen weiter auszubauen. Dabei arbeite ich mit unterschiedlichen Ansätzen, besonders Alchemie, Magie und Okkultismus spielen eine große Rolle. Verschiedene Theorien bezüglich des Lebens sind ebenfalls relevant für mich. Ich verwende mein Wissen über diverse Zweige okkultischer Studien, um das Artwork meines Lebens zu kreieren. Außerdem bin ich seit letztem Jahr verlobt, dieser Umstand hat meine Arbeit stark beeinflusst.

? Welches Equipment verwendest du?

Ich benutze eine Menge altes Equipment und Dinge, die ich selbst gebaut oder modifiziert habe. Die meisten Fotos der “Earth Magic“-Serie sind mit Hilfe einer fast 100 Jahre alten Kamera entstanden, die ich etwas umbauen musste, damit ich mit den Glasplattennegativen zurechtkam. Vor kurzem habe ich einen Kirlian-Apparat gebaut, der ursprünglich erfunden wurde, um die menschliche Aura zu fotografieren. Gerade beschäftige ich mich mit dem Wiederaufbau eines weiteren übernatürlichen Geräts: eine Kamera, die beispielsweise Fotos bis zu 1999.9 Jahren in die Vergangenheit oder Zukunft machen kann.

? Gegenwärtig lebst du in Chicago. Welche Auswirkungen hat das auf deine Arbeit?

In einer gewissen Weise hat das schon einen Einfluss auf mich. Ich bin im Staat Washington, umgeben von Wäldern, aufgewachsen. Ich sah das als eine Art Selbstverständlichkeit an. Seit ich nach Chicago gezogen bin, vermisse ich die Bäume. Ich denke, dass ein Teil der Inspiration für die “Earth Magic“-Serie aus dem Vorwand entstand, bewaldete Gebiete zu finden, um dort arbeiten zu können. Chicago besitzt eine enorme Geschichte bezüglich des Themas Okkultismus. Über die letzten Jahre hinweg habe ich mir eine Menge Wissen angeeignet, was meine Projekte sehr stark beeinflusst (hat). Bevor ich nach Chicago kam, war ich mir gar nicht wirklich darüber bewusst gewesen, aber jetzt, da ich es weiß, nehme ich es überall wahr.

? Du hast bereits angedeutet, was deine Arbeit beeinflusst. Gibt es grundlegende Ideen, die immer wieder in deinen Arbeiten auftauchen?

Ja, einige Ideen spielen immer wieder eine Rolle für mich und meine Arbeit – die Erforschung des Unbekannten und des schmalen Grades zwischen Fantasie und Wirklichkeit, sowie das Verwenden des direkten Mediums der Fotografie, um unsichtbare Dinge, wie Gedanken, menschliche Aura, menschlicher Geist, Liebe und Sehnsucht sichtbar zu machen.

? Welche Rolle spielen Rückblick und Erinnerung für dich als Künstler?

Ich beschäftige mich sehr viel mit Geschichte, obwohl dies wahrscheinlich häufig nicht der erste Eindruck ist, wenn man sich meine Arbeiten anschaut. Eine große Leidenschaft von mir ist es durch Archive oder Sammlungen zu gehen und mir alte Bücher anzuschauen. Ich nehme geschichtliche Informationen auf, filtere diese und lass daraus etwas Bedeutungsvolles für mich entstehen.

? Nach welchen Kriterien suchst du die Leute aus, die du fotografierst?

Glücklicherweise habe ich eine Verlobte, die sich bereit erklärt hat, Teil meiner Arbeit zu sein. Neben ihr neige ich dazu, Leute zu fotografieren, die ich kenne. Ich habe vor allem kein Interesse daran, professionelle Models zu fotografieren

? Das Thema “Verschmelzung” taucht immer wieder in deinen Arbeiten auf.  Eine deiner Serien trägt den Titel “Symbiosis“. Was fasziniert dich an diesem Thema?

Eine Menge! Letztlich ist “Symbiosis“ eine Serie über das Verliebtsein. Jedoch steckt viel Symbolisches darin – eine perfekte Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips und demzufolge auch des Tages und der Nacht, der Sonne und des Mondes (Alchemical Rebis). Hinzukommt Austin Osman Spare mit seiner Sigillenmagie sowie Brion Gysin`s und William S. Burroughs` Gedanken hinsichtlich dem Projekt “The Third Mind“ und der Cut Up-Technik. Aber wie gesagt, im Grunde geht es um Liebe – um das Verlangen mit jemandem zu verschmelzen und zu einem perfekten eigenständigen Wesen zu werden.

? Die Figuren in deiner “Symbiosis”-Serie wirken bei näherer Betrachtung manchmal hilflos und im jeweils anderen gefangen. Aus der Ferne agieren sie dagegen scheinbar liebevoll miteinander. Welche Intentionen werden deiner Meinung nach am besten in dieser Serie dargestellt?

Ich denke, dass alle Figuren liebevoll miteinander umgehen. Vielleicht funktionieren sie alle auf unterschiedliche Weise, aber ich sehe jedes als einzigartiges Wesen, welches perfekt an seine Umwelt angepasst ist.

? “Earth Magic” ist der Titel einer weiteren Serie, in der weibliche Figuren zu sehen sind, scheinbar eins mit ihrer Umgebung. Zugleich kann man ein gefährliches oder auch bedrohliches Szenario aus den Fotos herauslesen. Kannst du für unsere Leser, die Schritte des Prozesses von der Idee zur Umsetzung bis schließlich hin zur Präsentation darstellen?

Ich habe viel über Hexerei gelesen und habe dazu verschiedene Quellen herangezogen. Einige der früheren Bücher zum Thema “Hexenjagd“ betrachten diese Frauen als etwas “Fremdes“. Die Hexen wurden als wild und fürchterlich dargestellt, aber ich fand sie faszinierend. Sie waren im Kontakt mit der Natur, sie hatten die Kontrolle über ihr eigenes Dasein und sie lebten außerhalb der Gesellschaft. Ich fragte mich, welches dieser Bücher ein zutreffendes Bild der Hexen zeichnete und welches nicht. Was wäre, wenn sie eine besondere Gattung von Frauen waren, die abgeschnitten von der restlichen Welt lebten und ihre eigene Art der Zauberei betrieben? Dieser Idee wollte ich weiter nachgehen. Aus verschiedenen Gründen war dieses Projekt kein einfaches Unterfangen, aber ich neige dazu, Dinge zu tun, die mit Schwierigkeiten verbunden sind. Für den Prozess habe ich eine Kollodium-Nassplatte verwendet, was ein großes Gefühl für die Bilder voraussetzt. Ich hätte denselben Effekt mit einer digitalen Kamera erreichen können. Das Verfahren wäre viel leichter gewesen, aber die Fotos hätten meinem Verständnis nach grauenhaft ausgesehen. Außerdem gibt es etwas, was mir bei dem ganzen Prozess Freude bereitet hat. Ich mag es, ein Stück Glas in der Hand zu halten und zuzuschauen, wie sich das Foto darauf entwickelt. Es scheint der beste Weg gewesen zu sein, an einer Serie über Zauberei und Mysterien zu arbeiten.

? Weibliche Figuren nehmen einen großen Raum in deinen Arbeiten ein. Was siehst du in den Frauen, die du fotografiert hast?

In der “Earth Magic”-Serie sehe ich etwas, was ich nicht wirklich sein kann. Bereits als ich sehr jung war, faszinierten mich starke, feminine Frauen. Eigenschaften, die ich nicht erlangen kann, selbst wenn ich es wollte.

? Welche Rolle spielt für dich das “Gegensatzpaar“ Natur/ Kultur? Unterstützt du die Sichtweise, dass Kultur immer nur nach der Perfektion der Natur sucht?

Das ist schwierig zu beantworten, aber ich denke, dass ich ein fetischähnliches Verhältnis zur Natur habe, seit ich in der Stadt lebe. Oder vielleicht vermisse ich auch nur die Bäume aus meiner Kindheit und Jugend. Aber ich glaube, dass Kultur dann scheitert, wenn sie sich einerseits immer mehr von der Natur entfernt, nur um andererseits völlig idealisiert zu werden. Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht nicht besser als jeder andere.

? Deine Arbeiten können als “düster“ beschrieben werden. Würdest du dieser Beschreibung zustimmen und welchen Stellenwert besitzt ein Wort wie Atmosphäre in deinem Wirken?

Atmosphäre ist von großer Bedeutung. Ich lerne das jeden Tag mehr. Beispielsweise habe ich Bücher für “Symbiosis“ und “Earth Magic“ angefertigt und mir viele Gedanken darüber gemacht, welche Technik ich für das Binden der Bücher verwenden möchte. Es ist sehr wichtig, wie die Bilder “gelesen“ werden. Ich weiß nicht, ob ich den Begriff “düster“ zwangsläufig verwenden würde, aber ich denke, dass diese Sichtweise mit den Themen meiner Arbeiten zu tun hat. Ich habe absichtlich einen sanften Rosaton für den Einband bei “ Symbiosis“ gewählt, um das Wechselspiel zwischen dem Fleischlichen und der Romantik der Serie hervorzuheben. Meiner Meinung nach wäre es ein vollkommen anderes Buch geworden, wenn ich mich für einen dicken schwarzen Einband entschieden hätte. Ich wollte, dass der Betrachter ein romantisches Gefühl vermittelt bekommt und weniger ein morbides.

? Man könnte sagen, dass deine Arbeiten wie “Fotos aus der Vergangenheit wirken, die zeigen, wie es in der Zukunft sein wird“. Würdest du sagen, dass dies eine zutreffende Beschreibung ist?

Mit dieser Beschreibung kann ich mich gut identifizieren. Ich spiele oft mit der Idee erfundener Vergangenheits- oder Zukunftsszenarien, aber ich weiß nicht, ob meine Arbeiten das häufig widerspiegeln. Ich mag die Vorstellung der Zeitlosigkeit.

? Begreifst du dich als Teil einer Sub- oder Gegenkultur?

Ich pflege Beziehungen zu verschiedenen Sub- und Gegenkulturen, jedoch fühle ich mich nicht als ein wirklicher Bestandteil dessen.

? Auf deiner Webseite ist ein SUNN O))) T-Shirt abgebildet, das du während den Aufnahmen zur “Earth Magic“-Serie getragen hast. Welche Geschichte steckt dahinter?

Ich kaufte mir das T-Shirt bei einem SUNN O)))-Auftritt 2005 in Seattle. Ich war dort mit meinem Bruder und ein paar Freunden – wir sahen, wie ein Mann von einem Auto angefahren wurde, während wir nach einem Parkplatz suchten. Ich trug das Shirt einige Jahre lang bis es durch die nassen Chemie-Platten vollkommen verschmutzt war. Mittlerweile ist es voller Flecken und Löcher und hat sich meinem zerzausten Aussehen angepasst. Da ich die Fotos im Wald aufgenommen habe, musste ich eine “tragbare Dunkelkammer“ bei mir haben – in diesem Fall handelt es sich um einen modifizierten Karton. Deshalb sehe ich immer wie ein Obdachloser aus, wenn ich in die Wälder aufbreche.

? Welche Rolle spielt Musik für dich?

Ich höre vor allem Musik, wenn ich lese oder in der Dunkelkammer arbeite. Mir ist das Erzeugen einer bestimmten Stimmung wichtig.

? Du hast bereits mit verschiedenen Musikern gearbeitet, so zum Beispiel mit LOCRIAN oder MAMIFFER. Wie bist du mit ihnen in Kontakt gekommen?

Bevor ich mit der “Earth Magic“-Serie begann, versuchte ich meine Fähigkeiten für den Nassplatten-Prozess zu testen oder besser gesagt auszubauen, deshalb beschloss ich, einige Musiker aus der Gegend zu kontaktieren und sie zu fragen, ob ich als Übung Portraitfotos von ihnen aufnehmen könne. Ich schrieb Steven Hess, da ich das Cover für die Band SUM OF R gestaltet hatte. Außerdem nahm ich auch Kontakt mit LOCRIAN auf, da ich deren Musik sehr mag. Dann fand ich heraus, dass Steven Hess bei LOCRIAN eingestiegen war und sie in den Vorbereitungen für die Veröffentlichung “The Crystal World“ steckten – ein Album, welches auf dem Label Utech Records erscheinen sollte, das ebenfalls Alben von SUM OF R herausgebracht hatte. So kam eins zum anderen. Ich habe sie seitdem für verschiedene Projekte fotografiert. Sie fragten mich dann, ob ich Fotos für ihre Zusammenarbeit mit MAMIFFER machen könne.

? Welche Bands/ Künstler hörst du privat?

BURNING WITCH, Runhild Gammelsaeter, MENACE RUINE, Jerry Lee Lewis, THROBBING GRISTLE, DARKESTRAH, Bessie Smith, URAL UMBO, Frankie “Half Pint” Jaxon, LOCRIAN, SAINT VITUS, ASVA, UTARM, Wanda Jackson, XASTHUR – um nur einige zu nennen.

? Gibt es andere Medien (Literatur, Film), die einen Einfluss auf dich haben?

Auf jeden Fall! Wie ich bereits erwähnt habe, ist die “Earth Magic“-Serie direkt durch das Lesen von Büchern zum Thema “Hexenjagd“ beeinflusst worden. Werke, wie “Malleus Maleficarum“, “Compendium Maleficarum“ und neuere Abhandlungen über Hexerei haben dabei eine Rolle gespielt. Für die “Symbiosis“-Serie habe ich mich sehr mit Themen der Alchemie beschäftigt. Für andere Projekte habe ich mich durch das Lesen über Themen, wie paranormale Fotografie, metaphysische Kunst und Wissenschaft beeinflussen lassen.

? Im Januar dieses Jahres hattest du eine Ausstellung deiner Arbeiten in London. Welche Eindrücke konntest du dort gewinnen?

Ich wünschte ich hätte länger in London bleiben können. Den überwiegenden Teil der Zeit habe ich mich um meine Ausstellung gekümmert. Garry und Izaskun (Resistance Gallery) sind wundervolle Menschen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass sie mich eingeladen haben.

? Sind in naher Zukunft weitere Ausstellungen in Europa geplant?

Ich habe nichts geplant, aber wenn sich die Möglichkeit bietet, würde ich gern nach Europa kommen.

? An welchen Projekten arbeitest du im Moment?

Ich arbeite gerade an einem handgemachten Buch in meinem alchemistischen Zirkel, ein rotes Buch. Des Weiteren arbeite ich an einer Serie, die den Namen “Subtle Bodies“ trägt, die unterschiedliche historische Methoden verwendet, um die Kraft des menschlichen Lebens zu erfassen. Ich versuche damit auch verschiedene Aspekte meines Lebens zu erforschen. Außerdem habe ich noch einige andere Projekte, über die ich aber noch nichts Genaueres sagen möchte. Vielleicht werde ich meine “Earth Magic“-Serie mit weiteren Fotos ergänzen.

? Was bleibt noch zu sagen?

Vielen Dank für die Einladung zum Interview!

Danke an CVG für die Unterstützung!

(D.L., S.L.)

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