CULTUS SABBATI – The Hagiography Of Baba Yaga (Kassette)

Die Heiligenlegende einer Hexe? Die Lebensdarstellung einer Menschenfresserin? Dies klingt nach der Umwertung aller Werte, hier meint man den großen Zertrümmerer singen zu hören. Was hat es also auf sich mit jener mystischen Schau, die CULTUS SABBATI in sechs Stücken auf ihrer neuen Veröffentlichung “The Hagiography of Baba Yaga“ abbilden? Nun, hier laufen parallel Stränge der Verrätselung. Neben dem auf ihrer Veröffentlichung angedeuteten “Hexentribut“ und den mitschwingenden Unerklärlichkeiten, haben auch CULTUS SABBATI selbst einen Vorhang der Tarnung übergeworfen. Drei Mitglieder stark soll die Combo sein, wobei keinerlei konkrete Bildbeweise existieren. Da schwirren lediglich verwaschene Aufnahmen eines Trios in den Kutten der Osterprozession umher. Verloren wirken sie auf diesen Abbildungen, irgendwie. Überzeichnet scheint dies zudem, je länger man es betrachtet. Daneben lässt sich auch eine gewisse ironische Grundnote entlang all jener offenkundigen Überspitzungen herauslesen.

Die Baba Jaga-Figur taucht zuvorderst in der Märchenliteratur Ost- und Südosteuropas auf. Baba – die Alte, Jaga führt in der polnischen Sprache auf Jadwiga zurück, was jedoch lediglich ein Name ist. Die alte Jadwiga also? Nun, dass der Name keine unmittelbare Bindung hat, beweist der Umstand, dass in verschiedenen Regionen auch von der Baba Roga gesprochen wird. Allen Darstellungen gleich ist jedoch, dass von einer unberechenbaren, gefährlichen Menschenverlockerin geraunt wird. Hier als Dienerin des Leibhaftigen, dort als jene, die den verirrten Wanderer ins Verderben lockt, ihn in den Wahn treibt. Gleichzeitig finden sich in den Beschreibungen der alten Waldfrau immer wieder Hinweise darauf, dass ihre Kraft und Macht örtlich gebunden sei. Symbolisch dafür steht das Hühnerbeinhaus. Letztlich stößt man auf Andeutungen, dass die Baba Jaga auch als Bekenntnisspalterin agiert habe, die sich um Gläubige (zuvorderst Christen) bemühte, um diese dazu verführen, vom Gottvertrauen abzufallen oder eben jene Frommen zu töten. So schließt sich ein Rahmen um Glauben (Osterprozessionskutten, fromme Gläubige) und dessen Widerseite (schwarz-Magisches, Verderbendes). In diesen eingepasst findet sich nun “The Hagiography of Baba Yaga“. Schaut man dabei auf die sechs auf dieser Veröffentlichung befindlichen Stücke, weicht sich die Trackanzahl beim Hören auf, verschwindet hinter dem Charakteristikum des Mediums Kassette. Zwischen den zischelnden Noiseflüstereien existieren keine Zäsuren. Den einzigen Einschnitt liefert das Ende der A-Seite. So verschmelzen auf jener “Never Turn Your Back To The Forest“ und “In My Shadow Widows Scream” zu einer dampfend-flüsternd-knarzigen Initiation.

Verrätselung bleibt auch hier der Hauptstrang, locken doch Synthie-Schwaden und Zirpel-Noiser in jenen Wald, in dem die Baba Jaga haust. Die Mahnung jenem Dunkelforst nicht den Rücken zuzuwenden, klingt wie ein Märchenauftakt. Der Hörer also in der Rolle des Irrenden, verlaufen im Gruselholz, kein Licht, nirgends? Dies leitet dem Gehör eine Wächterfunktion zu. Raschelt dort etwas im Strauche? Haucht da ein fieser Wind – oder stammt dies aus anderen Quellen? Ist man nicht allein? So öffnet sich die Gespinstatmosphäre der B-Seite, saugt ein, die Synthies werden schwerer, die Sounds ziehen viel Dunkelheit. Flackernd spucken Gruselfetzen ihre Drohungen aus – da plötzlich: Ist dies ein Haus? Eines auf Hühnerbeinen – traut man dem Verstand? Flüster! Wimmer! Wurzelknacken – da Gekicher? Ist der Windhauch am Ende der Atem der bösen Waldfrau? Feedbackschleifen spinnen sich um den Hörer, ein Bass bolzt die Gefahr herauf und Ohren schwellen an. Sinkt man ein? Widerstandslos? Zieht die Hütte auf Hühnerbeinen an, wie ein Magnet? Gejaule – welch gequälte Kreatur mag dies sein? Gänsehaut um Gänsehaut schiebt sich über den Rücken, gleich einem aufziehenden Herbstgewittersturm. Hast ohne Rast – verzerrtes Lachen – jetzt dauert es nicht mehr lang! Da, urplötzlich letzte Kraftreserven – Beine versagen nicht mehr – reißen weg von der Hütte! Durch das Dickicht – durch das Holz – wo führt ein Weg hier raus? Äste peitschen ins Gesicht, Dornen reißen Arme auf  - und die Beine? Tragen und tragen raus! Lichtung dort! Waldende. Stille. Geschafft!

Kurzum: Die drei amerikanischen Meister der Überzeichnung beweisen auf “The Hagiography of Baba Yaga“ Geschick und Fertigkeit, sie kreieren eine sich stetig verdichtende Atmosphäre. Dem Spannungsaufbau galt dabei besonderes Augenmerk. Gruseliges und Faszinierendes zugleich, immer wieder zitatschwanger, Querverweise zuhauf und eine feine Soundmischung – Werte werden natürlich nicht umgewertet, denn hier handelt es sich am Ende nur um eine Veröffentlichung – oder?

(S.L.)

Format: Kassette
Vertrieb: LAND OF DECAY
 

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