Gänzlich Unerbittliches liefern GATES mit “Eintraum“. Sie treten diesmal auf der kleinen Bühne der Tape-Veröffentlichung des LOCRIAN Labels Land Of Decay auf. Der Titel “Eintraum“ stellt eine interessante Wortschöpfung dar. Handelt es sich dabei um den einen Traum? Der finale Traum, bevor man von Charon über den Fluss Styx in Hades Reich geleitet wird? Oder kommt “Eintraum“ von in etwas hineinträumen? In einen Sehnsuchtsmoment einsinken? Herabsinken? Eintauchen? Welche auftretende Vorstellung – welcher sehnliche Wunsch steht dahinter? Träumt der Hörer oder wird er Zeuge des Traumes von Bryan W Bray, des Kanadiers, der auf Handmade Birds letztes Jahr mit “They Hide In The Shadows“ seinen Durchbruch feierte. Auch dort versteckten sich die Dinge vor der kalten Kralle des Logozentrismus.
Dass Träume abseits des Lärmenden schlummern, kann für “Eintraum“ nicht bestätigt werden. Die drei zwischen 9 und 11 Minuten langen Stücke peitschen den Traum in einen Noise-Furor, scheinbar unzählige Gitarrenspuren türmen eine Lärmmauer auf – vielleicht steckt der Traum dahinter? Der Opener “Glimpse Of Overlapping Dimensions“ verrät schon im Titel, dass das Übereinanderlagern und –schichten hier im Mittelpunkt steht. Der Blick der darauf geworfen wird, ist kein flüchtiger. Im Stück steckt im Vergleich zu den beiden anderen auf dieser Tape-Veröffentlichung auch das dronelastige Hinübergetragen werden, hinüber in die Arme des Hypnos. Dort wird der Zeuge von “Eintraum“ mit einer aufplatzenden Noisewucht konfrontiert. Hier starten Rausch und Taumel. Der Gang beginnt. “Forest Passageway, Hallway To The Void“ führt durch einen Dunkelwald, dort scheint nur Einlass, kein Pfad führt heraus. Musikalisch findet dies seine Manifestation in den eingangs beschriebenen Wechsel von Fläche und Lärm. Als würde sich die Konzentration erhöhen, die es bedarf, um gegen alle Widerstände aus dem Dunkelwald heraus zu gelangen, schraubt sich ein Noisewirbel, ergänzt von einem fauchenden Zischen, empor. Nun ist der, der den Dunkelwald betrat, vollkommen umfangen. So fällt er vom Rausch und Taumel in Strudel und Abgrund. Die Düsternis schiebt aus allen Richtungen auf ihn zu und die ersonnene Hoffnung auf Ausweg fällt in klaftertiefe Krater. Selbst die Boten sind betroffen. Der Umherlaufende, im Dunkelwald Gefangene irrt nun nicht mehr durch die Welt des eigenen Traumes. Vielmehr steckt der Träumende fest im Traum eines anderen. Eben noch durch den Wald hetzend, plötzlich Beobachter eines neuen Szenarios, jetzt in Meeresnähe. Bei “Birds Plunging Through The Wall Of Ocean“ wird aus dem (alp-)träumenden Protagonisten ein Zuschauer. Dort erblickt er das Wüten des Wassers, dort verschluckt die See kreischende und schreiende Vögel. Schließlich beruhigt sich das Meer – und der Hörer wacht auf.
Bryan W Bray`s GATES befinden sich im vierten Jahr ihres Bestehens. Zu sehen und vor allem zu hören, wie sich entlang seiner aus vielen Böden keimenden Improvisationsfreude eine beachtliche Kompositionsfertigkeit entwickelt hat, zeigt, dass auf den Kanadier auch in Zukunft zu achten sein wird. Seine Veröffentlichung, die sich um die großen Fragen von Spannung, Einsamkeit und Traurigkeit drehen, finden mit “Eintraum“ ihr vorläufiges Meisterstück. Seine vibrierenden Muster aus tiefen Drones und halligen Rauschen, sowie der GATES`sche Noisewirbel beflügeln die Aussicht, dass das Genre noch nicht auserzählt ist. Wirklich unerbittliches Zeug. Großartig. (S.L.)
Format: TAPE |
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