“Despite what you might have heard or presumed, my quest is to spread light and joy through the world”, so äußerte sich Michael Gira im Vorfeld des neuen SWANS-Albums ”The Seer”. Außerdem fügte er an, dass er Teile und Ideen eben jenes Albums über einen Zeitraum von 30 Jahren mit sich herumgetragen hat. Im Laufe der Zeit vervollständigten und verdichteten sich die Soundskizzen oder anders formuliert: Was lange gärt, wird schließlich gut. Um im Bild der Weinherstellung zu bleiben, mussten also diverse Hefestämme getestet und auf die Rebsorten abgestimmt werden.
Sich über einen Zeitraum von 30 Jahren die Begeisterung und die Freude am lebendigen Spiel zu erhalten, ist eigentlich eine Kunstform an sich. Egal wie man den Resultaten Giras gegenübersteht, jeder wird bestätigen, dass sie niemals Verschnitt waren. Das erhöht natürlich den Druck, ob nun während des Schreib-, des Kompositions-, des Aufnahme- oder Produktionsprozesses. Oder bei der ersten Live-Darbietung. Vermutlich kann ein solcher Druck dann Belastung sein, die Kräfte, die auf die Bezugsfläche pressen, engen ein. Vielleicht verschwanden die SWANS deshalb im Berg, aus dem sie erst 2010 mit “My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ wieder heraustraten. Natürlich bleiben Gründe für ein Schweigen, im Falle der Amerikaner ein immerhin 14 Jahre dauerndes, vielfältig. Manchmal schlummern die Ursachen für solcherlei in klaftertiefen Kratern, mitunter offenbaren sich bestimmte Gründe nie.
Zudem modifizieren sich Veranlassungen über die Zeit, lang Verborgenes steigt dann womöglich plötzlich empor, wirft alle Schatten ab und erstrahlt in neuem Licht. Oder hüllt sich in ein neues Gewand. Daneben könnte man wiederum einwenden, dass ein Schweigen immer auch Entwicklung in sich trägt. Als würde man einen Garten sich selbst überlassen und später schauen, welche Formen die Natur in ihm angelegt hat. Letztlich kann Schweigen aber auch eine Staumauer sein, hinter der sich Ideen und Impulse sammeln, Kraft und neuen Druck speichern und akkumulieren, bis zu dem Moment, in dem ein Ablass ansteht und entsperrt wird.
Wer mit dem Output der SWANS vertraut ist, weiß jedoch, dass es dort niemals um ein einfaches Druckablassen ging (und geht). Vielmehr wirkt in einen Beschreibungsversuch der Arbeiten der Amerikaner immer auch etwas hinein, was am Ende nicht nur Angestautes zeitigt. Da liegt die Analogie zur Weinherstellung viel näher. Wurden auf “My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ noch die Schwebeteilchen gesetzt, offenbart ”The Seer” die vollkommen verzückende Schüttung. Die Ideenreife des im August erscheinenden Albums zeigt sich gleich einem jahrelang gelagerten Burgunder, der sich nun voll entfaltet.
Wie so häufig in der Bandhistorie findet auch “The Seer“ Manifestation auf zwei CDs (bzw. drei Platten) – 11 Stücke mit ungefähr zwei Stunden Spielzeit. Allein die Liste derer, die den Noise-Rockern zur Seite standen, liest sich wie eine Auswahl des Allerfeinsten. So unterstützen zunächst Mimi Parker und Alan Sparhawk (LOW) Gira und seine “stellar men“ beim Eröffnungsstück “Lunacy“. In den kreiselnden Soundwirbel hinein singt das Ehepaar aus Minnesota gemeinsam mit Gira einen stetig anschwellenden Choral. Überhaupt scheint der 58jährige Amerikaner Gefallen an chorähnlichen Elementen gefunden zu haben, “Jim“, “Reeling The Liars In“ und “Little Mouth“ kündigten dies auf “My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ bereits an.
“Lunacy“ indes schwillt an und ab, ekstatisch befeuert oder sorgsam abgemildert, steuert das Stück immer wieder von wilden in ruhige Gewässer und vermittelt so bereits als Eröffnungsstück den sich anbahnenden Eindruck, dass der Hörer hier Zeuge von etwas Außergewöhnlichen sein wird. Auf “The Seer Returns“ gibt auch Jarboe ihren Einstand. Das konsequent getaktete Stück wirkt bisweilen wie die SWANS-Lesart eines MASSIVE ATTACK-Tracks. Jarboe flüstert aus dem Hintergrund ihren wimmelnden Sprechgesang, Caleb Mulkerin und Colleen Kinsella (BIG BLOOD) agieren an Akkordeon und Piano, während die Rhythmussektion um Christopher Pravdica am Bass und Phil Puleo am Schlagwerk Hypnotisches erster Ordnung hervorbringt.
Überhaupt zeigt sich Puleos Spiel derart taktgenau, dass ein Importverbot für “The Seer“ für die Schweiz anzudenken wäre. Die Präzision Puleos brächte wohl sämtliche Schweizer Uhrmacher in Verlegenheit und es nähme nicht Wunder, würde einige von ihnen daher ihren Dienst quittieren, da sich in ihnen die Erkenntnis breit machen würde, dem wahren Meister der Akkuratesse begegnet zu sein.
Natürlich bleiben die SWANS auf “The Seer“ bei sich. SWANS`sche Noiseriffs hört man auch aus hunderten von Akkordfolgen heraus. Neben Gira sorgen Norman Westerberg und Christoph Hahn an den Gitarren für den typischen Kreissägesound. Gleichzeitig verharren sie nie in diesem Modus; sá-um bleibt das Credo und drückt sich in vielerlei hintersinnigen Akkordfolgen aus, die mal tänzeln, mal umschmeicheln – oder auch nur rahmen. Die Eruption scheint dann ferner, doch nur, um urplötzlich herauszuplatzen, wie zum Beispiel auf “Avatar“. Bob Rutman streicht auf dem Titelstück “The Seer“ sein Steel Cello, Iain Graham holt aus seinem Dudelsack das komplette Volumen. Auf dem fast 20minütigen “A Piece Of The Sky“ steuert Jarboe erneut die backing vocals bei, unterstützt von Seth Olinsky, Miles Seaton und Dana Janssen (AKRON/FAMILY), dazu ergänzt Ben Frost die “fire sounds“ und gemeinsam mit den SWANS türmen sie einen Soundkoloss sondergleichen auf. Dabei erscheint das Sextett derart aufeinander abgestimmt, dass wohl selbst ein nebenan explodierendes Sprengstofflager sie nicht aus ihrem Spiel bringen würde.
Überhaupt wirkt “The Seer“ vor allem aufgrund seiner Bandbreite. Die prägenden SWANS´schen Stilistika wie Pulshammer-Bass, Mahlstrom-Gitarre und Wucht-Drum sind geblieben. Dazu ergänzen sich das Hymnische und die noch stärkere Kontrastierung innerhalb der Stücke. Gleich einem Spiel mit Licht und Schatten leuchten und dämmern die Akkordfolgen. Die Zäsuren werden großzügiger gesetzt und Rauschhaftes, Einsaugendes und Strudelförmiges heben den Hörer an. Die Wirkung euphorisiert dermaßen, dass man sich kneifen muss, um sicher zu gehen, dass hier nicht der Tagtraum seine Streiche spielt.
Bedenkt man zudem, dass die SWANS auf ihrem zweiten Album nach dem großen Schweigen eingespielt wie nie sind, mag man sich auch an das Statement Giras erinnern, dass die SWANS-Mitglieder (für ihn) “stellar men“ seien. Gleichzeitig platzt das Hochwertige, was sich im ehemaligen Assistenten von Hermann Nitsch angesammelt hat, nicht einfach heraus. Sorgsam gefiltert, erklimmen die Stücke eine Sphäre, in die nur wenige vordringen. Michael Gira weiß, dass ohne Filter nur ein Basisrauschen tönt. Zudem beschleicht der Eindruck, dass auf dem vorliegenden Wunderding ANGELS OF LIGHT-Impulse Aufnahme fanden. Immer wenn es an eine countryeske Spielart erinnert, meint man, dies Stück hätte jedem ANGELS OF LIGHT-Album zur Zierde gereicht.
Der Ideenschmied und Tausendkünstler webt mit seinen Lyrics an einem Bild, welches mit zunehmender Gestaltannahme den Autor aus dem Rahmen entfernt und einzig als Werk wirkt. Das Artefakt zeigt ein Motiv, es enthüllt, dass hier jemand den Riss im Weltengewebe ertastet hat und weiß, dass man von dort ins Nichts fällt. Dies drückt sich auch in seinen eingeschwärzten Geschichten aus, die als Mosaik eben jenes beschriebene Bild mit zusammensetzen. Der Young God Records-Labelbetreiber blickt mit “The Seer“ auch zurück. Es gesellen sich zu diesem Rückblick die SWANS´schen Reisegefährten. SWANS hören hieß und heißt immer (noch), dass sich manche Betrachtungen erst im Negativen offenbaren, in den Störungen, die das Leben hervorruft.
Dort, wo sich Geschichten auch nicht mehr zu einem tragischen Bild zusammensetzen lassen, haben sie ihre Form verloren. So löscht “The Seer“ fast beiläufig die Erinnerung an ein fast anderthalb Dekaden dauerndes Schweigen. Es zeigt, dass SWANS-Alben keine Zeit kennen. Das Sextett hat etwas ersonnen, das der Kraft eines überwölbenden Wolkengrolls gleicht. Dazu demonstrieren sie, was künstlerische Souveränität ist und ihre Autonomie schüttet als Nebenprodukt ein Gedächtnisbollwerk gegen die Zerfaserung der Gegenwart auf, gegen die grassierende Gefallsucht der Ich-Mönche und Kopisten.
Begriffe wie Hegung und Zähmung schicken sie ins Nirwana der vergessenen Worte und zeigen, dass schöpferisches Tun nicht erschöpft, sondern Raison D` Être ist. So findet sich Außergewöhnliches, so schöpft man aus tiefen Quellen, so gerät man außer sich – oder wie Michael Gira selbst sagt: “Our goal is the same: ecstasy!“. (S.L.)
Format: 2CD/3LP |
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