SONS OF NOEL & ADRIAN – Knots (CD)

Eines steht mal fest: Noel und Adrian müssen ziemlich fein- und freigeistige Väter gewesen sein, denn sie haben immerhin Söhne gezeugt, die der Experimental- und Psychedelic-Folk-Hörerschaft neun ansprechende musikalische Knoten zu knüpfen wussten. Der Titel des Albums, „Knots“, verweist wohl auf die verschlungenen Strukturen der Stücke, die oft mit einer einsam gezupften Gitarre beginnen, um scheinbar bald im Gewitter eines halben Orchesters (Streicher, Schlagzeug, Klavier) den Faden zu verlieren. Nur, um dem staunenden Hörer vorzuführen, wie sich das Knäuel am Ende schließlich doch noch zum kunstvollen Seemannsknoten schlingt.

Mit SONS OF NOEL & ADRIAN ist eine Band am Werk, der es nicht um den perfekten Drei-Minuten-Song geht, sondern um den Entwurf des großen Gesamtkunstwerks. Die Musiker schaffen sich ihre eigene Welt aus weltabgewandter Innenschau und harmonisch dröhnenden Klangkaskaden. Für Anhänger der modernen Zivilisation haben die Bandmitglieder prophylaktisch mal gleich am magischen Eingangsportal zu ihrem Sounduniversum ein Schild angebracht: Wir müssen draußen bleiben. Da kommt nämlich nur rein, wer sich – ganz unzeitgemäß – Zeit nimmt, kopfüber in die Kompositionen einzutauchen. Dazu ist man aber auch herzlich eingeladen, denn selten hat eine experimentelle Folkband uns das so schmackhaft gemacht; schon winkt uns der enigmatische Sänger näher an den Eingang heran, um uns vertrauensvoll an der Hand zu führen. Seine Stimme, die ab und zu an einen gewissen EDDIE VEDDER erinnert, scheint allen Schmerz der Mühseligen und Beladenen auf den schwermütig vibrierenden Bändern zu tragen. Dann, ein Stück hinter den Pforten des Portals, wartet jedoch schon die nächste Bekanntschaft, diesmal eine Backgroundsängerin mit glockenklarer Sopranstimme, die zur dunklen Intonation des männlichen Gesangs einen angenehmen Kontrast setzt. Weiter geht die Reise, geführt vom enigmatischen Priester und seiner engelhaften Muse, bis wir schließlich den Platz mit dem Orchester erreichen, aufgereiht vor einer mächtigen wall of sound, die auf wunderbare Weise Naturgewalten wie Donner und Wasserfluten beschwört. Erhabenheit, Überwältigung – wie auch immer man es nennen mag; das Strophe-Refrain-Prinzip hilft uns dagegen jedenfalls so wenig wie ein Gummischwimmreifen angesichts eines Wasserfalls, denn was SONS OF NOEL & ADRIAN machen, ist einfach mächtiger als jeder Plätscherfolk. File under Orchesterwerke, baby!

Als Referenzen dürfen DEAD CAN DANCE, aber auch EDDIE VEDDERs Solowerke und die Erhabenheit MIDLAKEs gelten; immerhin Vergleiche, die sich sehen lassen können und die die Messlatte recht hoch anlegen. Der orchestrale Ansatz legt Vergleiche zu Bands wie ARCADE FIRE nahe. Bei einem derart ambitionierten Ansatz ist es verwunderlich, dass jeder der neun Knoten ordentlich festgezurrt ist und sich unter den Strängen nicht ein einziges Seemannsgarn befindet: Wie lange man auch knibbeln mag, um ein loses Ende zu finden und das Tauwerk aufzudröseln – mit „Knots“ haben SONS OF NOEL & ADRIAN in einem wahrlich fesselnden Werk zusammengefügt, was zusammengehört. Mit Sicherheit eine der interessantesten Folk-Veröffentlichungen der letzten Monate.

(M.Reitzenstein)

Format: CD
Vertrieb: BROKEN SOUND
 

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