Das Reich der ”Melancholia” betritt der, der an der Außenwelt das Interesse verloren hat, den eine schwarz-gallige Verstimmtheit überwältigt und dessen Tun und Handeln von einer Antriebslosigkeit gleich einer bleiernden Schicht überzogen wird. Bescheinigt man einem Künstler, sein Opus sei von Melancholie durchzogen oder überwölbt, denkt sich eben jene Beschreibung des Eintritts ins Reich des Schwarz-Galligen mit und meint dennoch etwas darüber Hinausgehendes. Der Schöpfende bildet natürlich in diesem Verständnis eher nach, Melancholie findet sich so vielmehr als Stilmittel, um dem eigenen Ausdruck Anstrich zu geben.
Vielleicht finden sich in solcherlei Beschreibung auch die Hagener von THE BLUE ANGEL LOUNGE wieder. Gegründet von Nils Ottensmeyer und Dennis Melster, veröffentlichen sie seit 2009 im Jahresrhythmus. Nach zwei Alben und einem Live-Mitschnitt liegt aktuell eine EP vor: “Ewig“. Die Verwendung jenes Adjektivs, welches seinen Ursprung in religiösen Kontexten hat, wirkt in popkulturellen Zusammenhängen kontrastierend. Popkultur als Momentaufnahme, die immer das “Jetzt“ betrachtet, dort das auf die Unendlichkeit, die Ewigkeit, Zielende – hier sind Pole verbunden, die sich eigentlich antithetisch gegenüberstehen. Genau in diesem Gegensatz liegt der Schlüssel, der das Verständnis von THE BLUE ANGEL LOUNGE aufschließt – hier kann dem Charme des musikalischen Ausdrucks der Hagener nachgespürt werden.
So vereinen sie Einflüsse von THE VELVET UNDERGROUND und natürlich Nico – ferner von MY BLOODY VALENTINE, destillieren die Impulse heraus und vermengen sie mit einer großen Portion an eigenem Ideenvorrat. Dabei unterscheidet sich die vorliegende 4-Track-EP von den Vorgängerveröffentlichungen dahingehend, dass für “Ewig“ das Credo “weniger ist mehr“ im Zentrum des Kompositionsprozesses gestanden hat. Die Gitarren fanden reduzierter Verwendung. Somit treten die Shoegaze-Konnotationen zurück ins Glied. Gleichzeitig gelingt es dem Quintett eindrucksvoll, das “Weniger“ deutlicher erklingen zu lassen, hier wird dem jeweiligen Ton Raum gegeben, fast meint man, mitten im Stück zu sein, eingeschlossen in die getragene und schwarz-bittere Atmosphäre, welche diese EP definiert. Die reduzierten Arrangements richten die Aufmerksamkeit des Hörers auf das Songwriting, welches wiederum stärker auf das Stück zielt. Parallel bildet der gleichnamige Titeltrack den ersten in der Muttersprache des Quintetts vorgetragenen Song ab. Dabei wird ein Wechselspiel zwischen einem “Ich“ und einem “Du“ skizziert, das das jeweilige Gegenüber vergegenständlicht und von einer klagenden Orgel untermalt wird.
Das alles findet sich eingebettet in die bereits beschriebene melancholische Grundstimmung, die zugleich keine Ausfahrt “Hoffnung“ zu kennen scheint. So erspäht man keine Wegweiser gen Eutopia, lediglich ein steiniger Pfad nach Dystopia ist ausgewiesen. Betrachtet man das europäische Tagesgeschäft mit dem Metaphernsperrfeuer seiner Protagonisten und dem anhängenden Krisengeraune, so wirkt “Ewig“ wie eine Veröffentlichung, die den Blick auf das wirft, was da kommen mag. Eine mögliche Lesart! Dagegen steht jedoch eine Auslegung, die dem Charakter dieser EP letztlich wohl gerechter wird, denn mit “Ewig“ haben THE BLUE ANGEL LOUNGE ein Stück Musik vorgelegt, das dauern wird. (S.L.)
Format: LP |
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