SWANS – We Rose From Your Bed With The Sun In Our Head (2CD)

Als vor zwei Jahren Michael Gira und die SWANS tatsächlich wieder aus dem Berg traten, rieben sich nicht wenige ungläubig die Augen. Als dann “My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky” veröffentlicht wurde, trauten viele ihren Ohren nicht. Schließlich gingen die SWANS wieder auf Tour und die Konzertbesucher konnten sich vergewissern, dass mit ihren Sinnesorganen alles in Ordnung war. Nun sind selbst die eindrucksvollsten Konzerterlebnisse der schleichenden Verflüchtigung anheim gegeben. Diese Verflüchtigung wird gelindert, besser noch gebremst, indem auf das altbewährte Format des Live-Albums zurückgegriffen wird.

So erschien im ersten Quartal des aktuellen Kalenderjahres “We Rose From Your Bed With The Sun In Our Head“ – ein SWANS-Konzertmitschnitt, der eingefasst in eine handgemachte Verpackung war und mit Originalzeichnungen Giras veredelt wurde. Da die Limitierung dieser Doppel-CD knapp bemessen war (1000 Stück), meldete Gira bereits nach einigen Stunden: SOLD OUT! Nun stöhnten nicht wenige Hörer aufgrund der kleinen Auflage auf, was wohl auch mit ein Grund dafür gewesen sein muss, die hier vorliegende veränderte Zweitveröffentlichung nachzuschieben. Die Veränderung schmeckt leider zunächst nach Lebertran, schließlich umfasst die Nachfolgeversion ganze sieben Stücke weniger.

Das vorliegende Live-Dokument indes bildet die SWANS als das ab, was mit ihnen wohl auf ewig verbunden werden wird; Intensität pur! Die Richtung erwählt, nach vorn getrieben – bis zur Erschöpfung spielen die  Mannen des mittlerweile 58jährigen Gira. Bräsige Routinen werden nicht nur vermieden, sie fanden am Eingang keinen Einlass. Die von den SWANS dargebotene Souveränität erscheint in einem Licht der Anstrengungslosigkeit, ihr Vortrag strotzt nur so vor Neugier und Spielfreude. Die für sie so charakteristischen Noise Riffs, die unnotierbaren Klänge laden selbst den Hörer der Konserve energetisch dermaßen auf, dass die innwohnende Freisetzung immer schon in den Momenten der Wahrnehmung stattfindet. Dazu bolzt ein Schlagzeug und wuchtet den Rhythmus in die Magengruppe.

Den Hörer verwandelt diese Urwucht in eine Rauschinsel, verbunden mit allen Hörern dieser SWANS`schen “Live-Aufzeichnung“. Der Rausch ist angelegt, dort – wo andere Kapellen der Improvisation frönen –  heißt die Direktive der amerikanischen Altmeister: Voran, voran! Intensiver, intensiver! Gira gibt, singt und brüllt den Takt vor, die anderen Schwäne folgen. So finden exemplarisch Donnerbass und das bleischwere Schlagwerk bei “Beautiful Child“ den Höhepunkt ihres eindrucksvollen Wechsel- und Zusammenwirkens. Die hypnotisch anschwellenden Riffs werden herausgesägt und dem Hörer direkt vor die Rübe gehauen. Direkt und rau, so kennt man die SWANS. Mitunter schnürt der erstickende Lärm dem Hörenden die Kehle zu, vielleicht findet sich dort der Rauschauslöser – eben in jenem dem Sound Ausgeliefertsein. Der Soundwall und Giras Stimme sind einander Folien und bisweilen wirkt dieses Live-Zeugnis, als hätten die Amerikaner ihr Line-Up um die Mannschaften von SONIC YOUTH und SUNN O))) erweitert.

Besonders wenn dieser Eindruck den Hörer anspringt, spant der Soundantrieb dieses Brettes auf ihn nieder. Diese Eindringlichkeit aus der Wiederholung und das Spiel Phil Puleos, der seine Felle nicht durchklopft, sondern vielmehr verdrischt, steigern das Rauschhafte ins Grenzenlose, Uferlose. Somit verschwindet das Hauptcharakteristikum der Insel, hier der Rauschinsel, und eine Verschmelzung mit dem Ozean an Eindrücken vollzieht sich um und mit dem Hörer. Erstaunlich bei der Songauswahl ist der geringe Anteil der Stücke von “My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“. Allerdings werden zum Beispiel “Jim“ und “Eden Prison“ so kunstvoll in das Set integriert, dass die biografischen und musikalischen Brüche in der Bandgeschichte wie langsam verblassenden Gerüchte erscheinen.

Darüber hinaus vermittelt dieses Live-Dokument einen Eindruck dessen, was es bedeutet Spur zu halten. Das Physische der SWANS`schen Live-Darbietung wird beinah spürbar, wirkt greifbar. Die Körperlichkeit war dabei immer schon ein Aspekt der Band. Wenn man so will, bildet(e) sie die zweite Phase, eben in der Manifestation des Verständnisses durch Körperlichkeit. Ihr ging Giras Seinsverständnis entlang seiner Instinktleistung voraus. Jedoch erst mit ANGELS OF LIGHT gelang Gira der transzendente Überstieg, der bis heute seine Vorstellungswelt zu möbilieren scheint. Seine schöpferische Grandezza hat sich indes weiter aus– und seinen Veröffentlichung aufgeprägt. Die während der Liveauftritte befeuerte Akkordschmelze verdeckt diese mitnichten, was die insgesamt neun Stücke dieses Doppel-Albums belegen. Dabei wirkt Michael Gira nicht weniger zornig, ja kriegerischer als früher. Er scheint vielmehr eine Form gefunden zu haben, die diese Empfindungen besser kanalisieren.

Die vorliegende zweite Version von “We Rose From Your Bed With The Sun In Our Head“ wird auch von der Illustration getragen. Dafür fanden die Bilder Heidi Yardleys Verwendung. Die Australierin transformiert “gefundene und selbstgeschaffene Bilder in scheinbar –  oder gerade noch –  Vertrautes“. Ihre komplexe Verquickung von Licht und Schatten führen den Betrachter tief in ihre Darstellungen, fast meint man, man folge Camus durch Südeuropa. Dabei wirkt ihr Malen gleich einer Erkundung ins Übernatürliche, wobei es nicht Wunde nähme, hörte man beim Betrachten ihrer Bilder urplötzlich Vic Chesnutts “Supernatural“.  Betrachtet man ihre Werktitel, die da lauten: “In The Eyes Of Nature“, “Our Love Lies“, “White Light From The Mouth…” oder  “Universal Emptiness” – fällt auf, dass sie einigen Song- oder Plattentiteln der SWANS gleichen.

Doch dies bildet nicht den Auftakt dafür, dass sich die SWANS in die Galerie verabschieden, ein Schwurbeln gen Ausstellung fällt aus, die Basis bleibt der Club. Dort demonstrieren die alten Männer, wie sich wahre Coolness, mit Erhabenheit versetzt, anhört. Die in vergleichbaren Fällen von anderen Kapellen dargebotene Gespreiztheit ist hier allenfalls Worthülse, weggeblasen vom Donnerbass. Da sind die Gesten so beiläufig und gleichzeitig so majestätisch unnahbar, dass lediglich Townes Van Zandt oder Johnny Cash als Vergleichsfolien taugen. Dieser Rahmen wird koloriert mit den dunklen Farben der Gira`schen Lyrics und den schimmernden der SWANS`schen Instrumentierung. Diese SWANS verschwinden wohl nicht mehr in den Berg. (S.L.)

Format: 2CD
Vertrieb: YOUNG GOD RECORDS
Mailorder: Going Underground
 

Stichworte:
, , , , , ,