Die Verpuppung – jene Häutung der Raupe stellt die Vorstufe der Metamorphose hin zum Schmetterling dar. Der Wandel von der Raupe zum Falter bildet die Organe um, eine Alternanz, die das kriechende Insekt in ein flugfähiges verwandelt. Es schwingt sich vom Boden in die Lüfte. THE ELEMENTAL CHRYSALIS steht für ein urwüchsiges Übergangsstadium, für ein bewegungsloses Verharren.
Letzteres kann mitnichten für die musikalischen Ergebnisse der gleichnamigen amerikanischen Kapelle gelten. Ihre Mitglieder – Chet W. Scott (BLOOD OF THE BLACK OWL, RUHR HUNTER) und James Woodhead (AT THE HEAD OF THE WOOD) kollaborieren und musizieren seit geraumer Zeit. Auf der bereits 2007 erschienenen Doppel-CD “The Dark Path To Spiritual Expansion“ steht das Musizieren im Vordergrund. Scott und Woodhead finden auf ihrer spirituellen Reise im jeweils anderen einen Resonanzraum vor, der in sämtlichen subkulturellen Kontexten wohl einzigartig ist. Versunken in Grundfragen der spirituellen Theorie und Praxis, bildet der Animismus für beide einen zentralen Punkt ihres künstlerischen Wirkens. So spannt “The Dark Path To Spiritual Expansion“ den Bogen vom Doom Metal zum dunklem Ambient Folk. Basis für alle Stücke bilden die Sounds und Akkorde diverser Saiteninstrumente, vornehmlich die der Gitarre. Spur um Spur schichten Woodhead und Scott übereinander, hier erinnert es an HARVESTMAN, dort funkelt Scotts früheres Projekt RUHR HUNTER durch. Immer jedoch finden sich die Klänge des Waldes, ob Baumkronenrauschen oder Vogelgezwitscher – “The Dark Path To Spiritual Expansion“ führt tief hinein in den Tann. Urwüchsig scheinen die Stücke des Albums, gleich einer alten Melodei, die den Fangorn beschwört. Die beiden Amerikaner schaffen eine Atmosphäre des Zauberhaften – erhaben, bedächtig, melancholisch-einsam und mittendrin. Je länger der Durchlauf vorantönt, desto stärker wird der Hörer von einer Ahnung beschlichen, dass hier Tiefes und Schlummerndes geweckt und gerufen wurden.
Doch niemals fällt der Gedanke an Zucht oder an weltliche und somit soziale Themen. “The Dark Path To Spiritual Expansion“ führt soweit ins Gehölz, dass Vokabeln wie Fortschritt, Kultur und Ratio einen fremden Klang annehmen, sich dem hier vorfindbaren Rahmen entziehen. So umschließt der Tann den Hörer vollends, der auf einer Lichtung stehend ein Raunen vernimmt. An diese Waldstelle trat kein Eichendorff – und selbst der alte Röckener halluzinierte sich nie so absolut in den Forst, der für Woodhead und Scott niemals als das “Draußen“ erscheint. Beide CDs dieser Veröffentlichung finden zueinander, ineinander. Je vier Stücke sammeln sich auf ihnen, die mal mahnen, mal bezaubern, dann wieder bannen und bekräftigen. So kann das zweite Album THE ELEMENTAL CHRYSALIS` für die einen gleich einem Seelentonikum wirken, für andere ist es der Soundtrack zu einer inneren Landkarte. Dort, wo etwas Altes, der Sprache nicht Zugängliches “gerufen“ wird, dort wo Beschreibung und Hegung fehlen, finden sich zwei im Moment verlorene Wachposten, deren Silhouetten zum Horizont gehören. Um dort zurecht zu kommen, braucht es Handwerk. Dies beherrschen Chet und James vortrefflich. Wenn ein Ergebnis derart verzückt wie “The Dark Path To Spiritual Expansion“, dann sind zwei eine künstlerische Symbiose eingegangen. Jedoch sind die Ergebnisse frei von Redundanzen und Rückkopplungen. Da finden sich keine Gedankenstaus, da wird der Hörer nicht in eine immer gleiche Sauce getunkt. Vielmehr wirken Woodhead und Scott wie zwei Ideenschmiede, die einen Glanz um sich geworfen haben, der jedoch niemals den jeweils anderen verschattet.
Im Moment, in dem die Akkorde auf “The Dark Path To Spiritual Expansion“ verklingen, breitet ein Falter seine Flügel aus – und erhebt sich mit der ersten Brise gen Waldkrone… (S.L.)
Format: 2CD |
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