“The first time I heard Nate Hall´s voice I knew I was hearing something that would haunt me forever.” Dies meint Scott Kelly zu Nate Hall, dessen erstes Soloalbum “A Great River“ dieser Tage als Co-Release von Neurot und My Proud Mountain erscheint. Hall`s Band USX gilt seit längerem als eines der besten Pferde im Neurotstall. Wer allerdings nun mit einer Doom/ Psychedelic-Platte gerechnet hat, wird überrascht sein. “A Great River“ zeigt Hall als Troubadour, als Storyteller, als Singer und Songwriter. Steve Von Till und Scott Kelly, so geht die Geschichte, haben Hall dazu ermutigt, aus sich herauszukommen, um seine Ideen in Songs zu gießen und diese schließlich aufzunehmen. Dass das, was in Hall angesammelt war, unbedingt herauswollte, zeigt sich auch in der Tatsache, dass seine erste Soloveröffentlichung an nur einem Abend im März 2011 aufgenommen wurde. Ort dafür waren die Fahrenheit Studios in Johnston City (Tennessee).
Fallen Begriffe wie “great river“ und “Tennessee“ spült der Gedankenstrom gen Mississippi, respektive zur “great river road“ oder zu Mark Twain. Ob dies tatsächlich leitend für den USX-Sänger und Gitarristen war, sei dahingestellt. Vielmehr kann konstatiert werden, dass die 36 Minuten, die sich auf 10 Stücke aufteilen, viel zu schnell vergehen. Eine hohe Fließgeschwindigkeit also? Ein einfaches Bejahen oder Verneinen würde dieser Veröffentlichung mitnichten gerecht, dazu hat sich das Credo des Wechsels, der Abwechslung, tief in die einzelnen Stücke eingeschrieben. Karges und Zerberstendes, Folk und Effektfeuer, Fließtönendes und Verästeltes – nie drängt sich der Eindruck auf, dass ein Plätschern oder Hinfortströmen “A Great River“ definiert. Vielmehr zeigt Hall seine Vorstellung eines mal rauschenden, mal flutenden, mal quellenden, mal rieselnden Stroms, der sich bisweilen in Nebenarme verästelt, doch nur um dem großen Fluss noch mehr und noch frischeres Wasser zuzuführen.
Hall`s Folk drückt sich in Geradlinigkeit aus, die jedoch nie stur auf eine Kanalisierung setzt, sondern sich einer natürlichen Fließrichtung anheim gibt, immer das Weltmeer als Endpunkt. Sein Gesang begleitet den Folkstrom wie in fluviales Sediment eingeschlossene Sehnsuchtskiesel. Überhaupt verbinden sich Fluss und Sehnsucht oft zu einem Begriffspaar, welches nicht selten auch die tiefen und inneren Ströme im Hörer in Bewegung setzt. In Flussnähe synchronisiert sich innerer Strom und äußerer Fluss, eine tiefe Ahnung greift dann um sich: aus dem Wasser – in das Wasser. Hall verleibt sich natürlich die große amerikanische Folktradition ein, sie liegt seinem “A Great River“ zugrunde, gleich einer Gewässersohle. In diesem Flussbett schlummern die Erinnerungen, die Hall`s Wasserlauf wieder in den nimmer endenden Kreislauf spült, die Americana-Sedimente tragen diese Reminiszenzen am deutlichsten.
Wenn das Townes Van Zandt-Cover “Kathleen“ ertönt, scheint der USX-Frontmann in seiner Version tief versunken, während vor düsteren Himmeln das Konterfei des “Texas Troubadour“ aufzieht. Wenn das Banjo ertönt, schwimmt Mark Twain`s Tom Sawyer auf einem Floß vorbei, während Huck Finn angelt. Immer, immer drängt es den Hörer ans nächstgelegene Ufer, um diese Fließ- und Flussbilder zu bestaunen, sich mit ihnen in Einklang zu bringen, zu synchronisieren. Nie mäandert “A Great River“, immer fließt Eigenes und Neues ein – ebenerdige Bifurkationen – jedoch nur, um final wieder zusammenzuströmen. Hall´s souveräne Geste, die an Johnny Cash oder D.E. Edwards erinnert, bildet Schichtfluten, die seinen “great river“ aufklaren und in der Sonne funkeln lassen.
Hall dichtet singend, spielend. Der Hörer kann sich dem Mitgerissenwerden nur dann entziehen, wenn er kurz vorher dem Holländer-Michel sein Herz verpfändet hat. Allen anderen bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem Strom anzuvertrauen, oder wie der eingangs zitierte Scott Kelly so treffend sagt: “The river doesn`t ever stop. It is a continuous bringer of whatever it touches …“ (S.L.)
Format: CD/LP |
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