„Gegenström“-Festival, 28.04.2012. DESI Nürnberg

Zwischen „Kunst“, Kunst und Bewegung. Ein Besuch auf dem Nürnberger GEGENSTRÖM-Festival. Ein irgendwie gelungener Abend voller Widersprüche.

In einer Zeit der an sich bereits hektischen Ruhe belohnt das ziellose Flanieren an einem warmen Nachmittag den aufmerksamen Beobachter. Gibt man sich die Mühe, die heimliche Dekoration der an vielen Ecken lauernden urbanen Tristesse bewusster wahrzunehmen, fällt der Blick nicht nur auf kleine Details gelegentlich sogar wirklich interessanter Street-Art-An- und Einfälle, sondern auch auf die unzähligen Plakate an Laternenpfosten, Litfaßsäulen und mit Moos beschlagenen Stromkästen. Der geübte Flaneur zieht Denkanstöße aus den kleinsten Details und beginnt sich zu fragen. Im Fall des Stromkastens könnte man sich über unsere auf Elektrizität basierende Kultur wundern oder aber, was zum Teufel denn GEGENSTRÖM sein soll. Eine kleine geometrische Figur auf einem verschwommen Bild, das an Standaufnahmen einer betagten VHS-Kassette erinnerte, bewarb das sogenannte „experimentelle Microfestival“, das am 28. April in der alteingesessenen Nürnberger Location DESI stattfinden sollte. Vielen Ortsansässigen ist die DESI primär für besonders übertrieben inszenierte „Weltoffenheit“ und als Bastion letztlich bürgerlicher Bionade-Revoluzzer bekannt. Eine fränkische Enklave für Hipster und solche, die es gern wären, eine Art Berliner Vorhofkolonie in der Bratwurst-Metropole. Es wäre indes gemein, die Tätigkeit des Vereins für ein paar billige Pointen in so negatives Licht zu rücken. Eine Institution lokaler Alternativkultur ist die DESI nämlich allemal. Neben Konzerten lokaler Newcomer reicht das Angebot von Flohmärkten über Discoabende hin zu Filmvorführungen und Vernissagen. Die DESI versteht sich dabei als Kommunikationszentrum und Plattform. Der Biergarten nebst Sandkasten ist einen Abstecher wert (www.desi-nbg.de).

In Zusammenarbeit mit Absolventen und Studierenden der Nürnberger Akademie für Bildende Künste setzte sich das Programm aus kleinen Installationen und Performances regionaler wie internationaler Künstler zusammen. Auf der Bühne: ENEMA SYRINGE, ICHIGAII, OY, PIN_TE_RAULT und ANTIFUN ARKESTRA. Die Auftritte wechselten sich zwischen einer kleinen Bühne im gemütlichen Biergarten und dem eigentlichen Konzertsaal innen ab. Einlass wurde ab 19 Uhr gewährt. Über den Abend versammelte sich eine im wahrsten Sinne des Wortes bunte Menge aus Kunstinteressierten, Studenten, Stammpublikum der DESI, Grufties und offensiven Feuilleton-Lesern. Die Installationen waren auf zwei weitere Räume verteilt, wollten jedoch keine dauerhaften Eindrücke hinterlassen. Kehrtwende. Draußen vor der Tür warteten keine grauen Gesellen, viel mehr verdächtiges Scheppern. Eine Frau rollte relativ unmotiviert ein mit Metall- und Bauabfällen befülltes Ölfass über den Hof. Die Sonne schien noch, es roch nach Soundcheck. Dieser vermeintliche Soundcheck entpuppte sich aber als die erste Performance und wurde mit verwundertem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Irgendwann wurde das arme Fass in Ruhe gelassen. Ende. Verhaltener Applaus. „Jetzt geht es innen weiter!“, teilte uns eine am Hauseingang auftauchende Dame mit. PIN_TE_RAULT erwarteten uns mit einer elektronisch untermalten FreeJazz-Performance. PIN_TE_RAULT, das sind Agnus Fältskog an der E-Gitarre und Kenneth Gangnes am Saxophon, die in ihren besseren Momenten wie die LEGENDARY PINK DOTS minus Gesang klangen. Neben Gangnes komplexen wie aufwühlenden Saxophon-Improvisationen wirkte die E-Gitarre größtenteils störend bis nervig und die Körpersprache Fältskogs bemüht jazzig-involviert. Dynamik? Fehlanzeige. Ebenso ratlos hinterließ uns die nächste im Garten stattfindende Performance aus dem Repertoire der Akademie-Studenten, die reduzierte Synthesizer-Sounds plus weibliche Vocals im Stil von CONSOLE boten, ohne eine auch nur annähernd vergleichbare Intensität zu erreichen. Ein kleines Glanzlicht war der Schlusstrack, welcher einen vielversprechenden Anfang in keinen Höhepunkt überführen konnte und das Publikum unbefriedigt hinterließ. Von diesem meditativen Zwischenspiel pendelte das Publikum zurück in den Saal, wo das aus München stammende Quintett ANTIFUN ARKESTRA mit einer brutalen wie amüsanten Noise-Show wachrüttelte. E-Gitarren, Synthesizer, Schrott und andere Klangerzeuger wurden gebührend malträtiert und selbst die Nasen des Publikums wurden bei dieser Wall of Sound nicht verschont. Einer der Irren rannte mit Febreeze-Raumspray bewaffnet durch den Raum und beglückte uns mit blütenfrischen Düften. Die Herren avancierten zu meinem ersten Höhepunkt des Abends. Die Reihenfolge der nächsten beiden Auftritte ist schwer zu rekonstruieren. OY bot eine stark an Ethno, Spoken Word und World Music angelehnte, im Vergleich zum restlichen Line-Up wohl musikalischste, song-basierte Darbietung. Lorbeeren hat sich QWQWI verdient. Eine drei- oder vierfach bemannte Electro-Arbeitsplatte mit Synthesizern, Drumcomputern und Sequencern wurde in der Mitte des Publikums aufgestellt. Was dann aus den Boxen dröhnte Klang nach einer Mischung aus IDM, HipHop-Beats und knarzendem Minimal-Techno. Im Mate-Dunst geriet die Menge in Bewegung und die Forderung nach einer Zugabe war mehr als berechtigt. Leider gab es nirgends Merchandise zu erwerben und so musste man mangels Verkaufsstand neue Verwendungsmöglichkeiten für das mitgebrachte Geld erschließen. Die Bar war eine Möglichkeit. Mit ENEMA SYRINGE kam letztlich der Höhepunkt des Abends auf die Bühne. Der Schwede Kai Parviainen sorgte mit einem auf klare Rhythmen und wuchtige Synthesizer-Modulationen reduzierten Industrial-Sound irgendwo zwischen PAN SONIC und SPK für ein intensives Hörerlebnis und brachte die mit derlei Sound eigentlich weniger vertraute Menge zum Schwitzen – auch wenn die stickige Luft natürlich auch ihren Teil dazu beitrug.

In der Rückschau hinterlässt das GEGENSTRÖM-Festival unterschiedliche Eindrücke. Zuerst ist es nicht nur schön, sondern auch wichtig, dass Spielarten experimenteller elektronischer Musik von abstrakt bis eingängig ein Forum jenseits der festgefahrenen Szeneplattformen geboten wird. Dass Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich neue Klangwelten zu erschließen – jenseits von Spielorten für selbstgefällige Rotweinvernichter oder verschwitzte Tanzpuristen. Gleichwohl wirkten einige Auftritte zu prätentiös, zu sehr in jener unheiligen Symbiose, diesem postmodernen Burgfrieden zwischen „Kunstkennern“ und „Kunstproduzenten“ verfangen. Wirkliche Substanz vermisste man hin und wieder. Ungeachtet dessen hoffe nicht nur ich auf eine Neuauflage 2013 und empfehle jedem in der Region ansässigen, sich dort blicken zu lassen. Augen auf beim nächsten Flanieren im ersten postapokalyptischen Frühling nach Maya-Kalender. Links zu den einzelnen Künstlern findet ihr auf der hübschen Website (www.gegenström.de).

(AnP)

 

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