WRECK AND REFERENCE – No Youth

Selten, sehr selten fühlt man sich von einer Veröffentlichung derart überrumpelt, vergleichbar mit dem Eindruck, als ob ein 40 Tonnen Güterzug gerade vorbeirauscht. So geschehen bei WRECK AND REFERENCEs Debüt “Black Cassette“ – ein Album, das brachiale Gewalt ohne Gitarren erzeugte und mit “electronic doom“ eine  Genrerichtung verstärkt hat. Entlang der vielen Eindrücke, die diese Veröffentlichung vermittelte, waren es vor allem die Automatismen, die konsequent abgestellt wurden und deshalb traf “Black Cassette“ auf offene Ohren. Doch dann wurde es etwas ruhiger um die Amerikaner.

Umso größer war dann die Freude als eine Email von Ignat eintraf, in der ein Download-Code für ihr neues Album “No Youth“ enthalten war. “No Youth“ wird bis auf Weiteres nur als digitale Veröffentlichung erscheinen, was sehr bedauerlich ist, da bereits die ersten Klänge darauf hinweisen, dass hier eine Steigerung zu dem Wunderwerk “Black Cassette“ möglich ist. Bei “Spectrum“ hat man das Gefühl, dass Jhonn Balance aus der Gruft singt, bevor stakatoartiges Schlagwerk und ein finsteres Growling den Track in eine vollkommen andere Richtung lenken und damit den Übergang zu “Nausea“ vorbereiten. Auch hier ist auffällig, dass für WRECK AND REFERENCE die Verbreiterung der stimmlichen Modulation ein wesentlicher Zugewinn für ihre gegenwärtige Arbeit ist. Das düstere Growling wird durch einen sanften Gesang abgelöst, aber bevor man sich als Hörer zu sicher ist, krachen brachiale Soundgewitter aus Schlagzeug und Electronics über einen herein. Überhaupt scheint Unberechenbarkeit weiterhin auf der Agenda der Amerikaner zu stehen, denn auch im Fortlauf der Platte werden diverse Stilistika verwendet: durch den Vocoder geschleuster Sprechgesang wird abgelöst von Growlings und melodischen Passagen, die mit Metalschleifchen verziert werden -  immer wieder kracht und donnert es und der Soundstrom der Kalifornier walzt alles platt. WRECK AND REFERENCE scheinen genau zu wissen, was sie tun. Es geht ihnen nicht um einen aufgewärmten Teil II von “Black Cassette“, sondern hier soll der eingeschlagene Weg verbreitert und ausgebaut werden. Die Hörer nehmen sie dabei an die Hand, um ihnen ihre musikalische Welt zu zeigen. Jener verbreiterte Weg lässt dabei ein Nebeneinandergehen zu, fördert es gar. Natürlich könnte man sagen, dass es eine gewisse Bereitschaft benötigt, sich auf dieses Album einzulassen. Nicht selten beschleicht die Rezensentin entlang des Durchlaufs das Gefühl, als ob sie in der Mitte eines Raumes stünde und der Sound, der sie umkreist eine Art Zustand befördert, in dem man sich befindet, wenn man trotz Übermüdung das Schlafdefizit überwinden will, weil man vollkommen gefangen von “No Youth“ ist – “Hör mit Schmerzen“ scheint die Devise – bis zur Erschöpfung.

Mit “No Youth“ ist Ignat und Felix ein Werk gelungen, was die Aufmerksamkeit des Hörers sowie eine tiefe Verbeugungen quasi einfordert. Bleibt zu hoffen, dass dieses Album nicht nur als digitaler Download auf der Bandcamp-Seite Beachtung findet, sondern – alsbald und irgendwo – auch als physischer Tonträger eine Heimat finden wird. (D.L.)

Vertrieb: EIGENVERTRIEB
 

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