IDES OF GEMINI – Constantinople (LP/CD)

Konstantinopel, einst Hauptstadt Byzanz` – heute Instanbul – ist ein Legendenhort. Nach der Eroberung durch Mehmet II. 1453 zerfiel der bis dahin vorwiegend christlich-orthodoxe Sozialkörper, bis heute steht dafür exemplarisch die Hagia Sophia, jene zentrale Kirche, die um Minarette ergänzt zu einer Moschee umgebaut wurde. Die ehemalige Hauptstadt des oströmischen Reiches verfügte u.a. über eine der wichtigsten Universitäten der Spätantike, namentlich die Magnaura-Hochschule. Dort lehrte der bekannte Grammatiker Stephanos von Byzanz. Neben dem Abfassen der berühmten Ethnika (Lexikon), wirkte er gleichsam als Autor und Schreiber diverser Wundererzählungen. Einige dieser drehten sich um Musen und Sirenen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu IDES OF GEMINI und deren langerwartetes Debüt-Album “Constantinople“.

Das hervorstechende Merkmal, das Unikate des amerikanischen Trios um J.Bennett, Kelly Johnston und Sera Timms ist natürlich in Timms` Gesangsdarbietung zu sehen. Sie verwendet, wie keine Zweite, gekonnt ihre Gesangsregister. Die Tonhöhen, die sie erreicht, sind bruchlos. Stetig steigert sie Intensität, ihr Vortrag wirkt ohne Grenzen und Einhegungen. Ihre Klangfarben weisen das Spektrum von taghell bis abgrundtief auf, mühelos erzeugt sie Lautstärke, fast meint man, sie könne live auf ein Mikrophon verzichten. Zudem kann ihre Modulation nur vor dem Horizont der absoluten Applauswürdigkeit beschrieben werden. Ihre stimmliche Intensität und ihr gesangliches Charisma finden allenfalls ein Gleichnis in Geneviève Beaulieu (MENACE RUINE, PRETERITE). Gleichsam entfacht sie zu ihrem wummernden Bassspiel einen Sog, der nur mit dem der Musen und Sirenen verglichen werden kann. Sie lockt scheinbar in tiefste Abgründe, ins schwärzeste Schwarz. Und ihre Mitstreiter stehen ihr darin in nichts nach. J.Bennetts Gitarrenspielt bohrt sich ins Innerste des Hörers, seine präzisen Akkordfolgen fräsen sich ihre Bahn und schaben – Span um Span – den Hörer ab. Vervollständigt wird diese Soundwucht vom pulsierenden Schlagzeug Kelly Johnstons. Ist J.Bennett Interessierten als Musikjournalist ein Begriff (Decible, Terrorizer etc), lebt die IDES OF GEMINI-Schlagzeugerin ihre vielschichtigen Facetten auch als Designerin und Künstlerin aus.

Mit “Constantinople“ werfen sie die Schlaglichter an. Neun Wunderwerke der vertonten Finsternis befinden sich darauf, wobei vier Stücke (“Martyrium“, “Slain In Spirit“, “The Vessel And The Stake“ sowie “Resurrectionists”) bereits auf der Vorab-EP ”The Disruption Writ” den Weg in die Öffentlichkeit fanden. Wurde dort als einziger Malus die (natürlich dem Format innewohnende) Kürze bekrittelt, verdeutlicht sich nun anhand der Spieldauer umso stärker, welch Wucht und Orkan das Trio zu entfesseln weiß. Dabei erlebt der Hörer eine Meisterschaft, die sich auch darin zeigt, dass drohender Abstieg und lockender Aufstieg in einem Gleichgewicht der Kräfte um ihn  herumtoben. “Constantinople“ umschließt, erhebt und facht an. Kellys Schlagwerk wirkt in weiten Passagen kampfeslustig und stürzt sich gemeinsam mit dem Wummerbass Timms` ins Getümmel, dazu addiert sich Bennetts ruppig-rauhes Gitarrenspiel. Timms` Gesangsbeiträge – wie eingangs beschrieben – entfachen den Rausch des Betörenden, Hypnotisierenden, Beklemmenden.

Gemastert wurde des Rezipienten liebstes Ungetüm von James “wer sonst“ Plotkin und es erscheint parallel als Vinylversion auf SIGE und in CD-Format auf Neurot Recordings. Es geht ja die Geschichte, dass sich Scott Kelly höchstpersönlich für die Verpflichtung des Trios stark gemacht hat. Dieses “Constantinople“ wird dauern, ganz gewiss. (S.L.)

Format: LP/CD
Vertrieb: SIGE/NEUROT
Mailorder: Going Underground
 

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