Wiesbaden, Ende April am späten Abend. Im Eingangsbereich eines kleinen Clubs steht ein zerschlissenes Sofa. Darauf sitzt ein Mann, Mitte 40, rauchend. Er sitzt so entspannt und gelassen und wirkt beinah unbeteiligt, so dass eigentlich kaum jemand auf die Idee kommen könnte, dass dieser Mann Scott Kelly ist. Vielmehr wirkt er wie jemand, der schon oft auf diesem Sofa gesessen hat, um sich im Laufe des Abends die Bands, die hier spielen, anzusehen.
Vermutlich findet sich die Antwort auf die Frage, was das Faszinierende an NEUROSIS ist, genau in solchen kleinen Begebenheiten, in Momenten, die getragen sind von Gelassenheit und Unaufgeregtheit. Auf Theater zu verzichten und nicht sich oder die Show in dem Mittelpunkt zu stellen, sondern einzig und allein die Musik – hier klärt sich die gestellte Frage ein Stück weit auf, hier sprechen nicht wenige zwei entscheidende Worte aus: Ernsthaftigkeit und Souveränität. Doch Scott Kelly wird nicht nur seine Kompositionen an diesem Abend vorstellen. Vielmehr gilt diese kleine Clubtour quer durch Europa der Promotion einer ungewöhnlichen Veröffentlichung: “Songs Of Townes Van Zandt“.
In die neun Stücke teilen sich neben Scott Kelly, Steve Von Till und WINO gleichmäßig rein. Jeder der Beteiligten bietet drei Versionen des Mannes an, der immer noch als der am meisten unterschätzte Songwriter gilt. Am Neujahrstag 1997 starb Townes Van Zandt im Alter von 52 Jahren an einem Herzinfarkt. Der amerikanische Singer-Songwriter steht wie kein anderer für eine Poesie der Düsternis. Seine Songs und Lyrics kamen stets direkt aus dem eigenen Leben. Der “Texas Troubadour“ entstammte einer wohlhabenden Familie, die ihr Vermögen im Ölgeschäft gemacht hatte. Van Zandt übte sich nie im Rückgriff darauf, lebte die meiste Zeit seines Lebens in bitterer Armut, was er einmal wie folgt beschrieb: “Ich hatte jahrelang keine Adresse, nur einen Koffer und eine Gitarre.“
Hier deutet sich die rastlose Wanderschaft an, die seine Sesshaftigkeit stets verhinderte und einem zur Ruhe kommen im Weg stand. Das Unterwegssein – hier hat er Kerouac so verstanden, wie sonst nur wenige. Auch ihre Sprache war sich ähnlich, besonders dort, wo der Beatpoet Tragödien schilderte, verstieg er sich nie ins Weinerliche oder Mitleidheischende. So hielt es auch Townes Van Zandt. Und noch mehr verband sie. Am stärksten wohl die Flucht aus der bürgerlichen Familie, die auch immer mit einer Flucht in den Alkohol einherging. Kerouac starb mit 47 Jahren, beide also vor ihrer Zeit. Van Zandt hat die Ahnung eines frühen Scheidens aus dem Leben wohl immer gehabt, schließlich meinte er einmal: “Mein Leben wird zu Ende gehen, bevor meine Arbeit zu Ende ist.“
Während er in der Zeit von 1965-1997 vornehmlich durch Bars und kleine Clubs tingelte, sammelten sich in ihm die Eindrücke an, die er anschließend in seinen Lyrics ausdrückte. Besonders schmerzhaft muss dabei für ihn der Verlust seiner Kindheitserinnerungen gewesen sein, der sich nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt und einer damit einhergehenden Elektroschocktherapie einstellte. Da war der heute von einigen als Urvater des Country Bezeichnete gerade einmal 20 Jahre alt. Dass er zeitlebens unbemerkt blieb, entspricht nicht der ganzen Wahrheit, allerdings hatte er auch nie ein Gespür dafür, die für sein Fortkommen förderlichen Entscheidungen zu treffen. So lehnte er beispielsweise eine Zusammenarbeit mit Bob Dylan ab.
Seine Lyrics – besser seine Poesie – blieb stets klar, unverfälscht und direkt. Woher das Düstere seiner Musik käme, wurde er einmal gefragt und er entgegnete: “Alles was ich liebe, ist gestorben – und wenn nicht, wird es sterben. Das ist der Lauf der Dinge, aber es bricht dir das Herz.“ Seines brach endgültig am Neujahrstag 1997 entzwei. Die Verzweiflung, die zeitlebens sein stummer und niederringender Begleiter war, zelebrierte er nie, vielmehr lebte er sie und mit ihr, in den dunkelsten Stunden lebte sie ihn. Von den Tindersticks bis zu Nate Hall haben viele Musiker seinen Kompositionen den Respekt gezollt, der ihm zu Lebzeiten verwehrt war. Allein Townes Van Zandt-Coversongs füllen Plattenregale. Und doch ist ihm wohl nichts so nah gekommen, wie die vorliegende Arbeit Kellys, Von Tills und WINOs.
Vermutlich liegt die größte Herausforderung darin, der tief berührenden Einfachheit seiner Stücke gerecht zu werden. Der stellen sich die drei Musiker, indem sie ihren Vortrag nah den Ausgangsversionen auf Gitarre und Gesang beschränken. Scott Kelly weist im Booklet der Veröffentlichung darauf hin, dass er erstmals vor 13 Jahren mit der Musik des Texas Troubadour in Berührung kam. Neben der Tatsache, dass er von den Stücken vollkommen gefangen genommen wurde, eröffnete sich ihm so ein Weg, einer anderen Form des Songwritings nachzukommen. Für ihn ist es vor allem die “brutale Ehrlichkeit“ Townes Van Zandts das Hervorstechende, Herausragende. Von den auf “Songs Of Townes Van Zandt“ Beteiligten, kann Kelly wahrscheinlich am stärksten die Inhalte nachvollziehen, die sich um Verluste und Verzweiflung drehen, immer dann wenn der Schicksalpinsel das eigene Leben einschwärzt.
Kellys Begeisterung darüber, diese Einschwärzungen in solch poetische Bilder zu fassen, spricht aus jeder Zeile, später aus jeder Note. Dass der NEUROSIS-Sänger und Gitarrist unterstreicht, dass er sich geehrt fühlt, dem 1997 Verstorbenen Tribut zollen zu dürfen, ist weit mehr als nur eine Floskel. Vielmehr drückt sich darin auch die Erschütterung aus, die einen befällt, wenn man sich Van Zandt öffnet. Getragen ist sein Beitrag von der Hoffnung, dass sich über diese auf Neurot Recordings und My Proud Mountain erscheinende Veröffentlichung neue Hörer finden und von der dunklen Flamme der Begeisterung für die Arbeiten des amerikanischen Urvaters des Country (-folk) entzündet werden. Kelly kann auch in Bezug auf die beiden anderen Mitwirkenden als das zentrale Bindeglied gesehen werden. Mit Steve Von Till wirkt er bekanntermaßen seit Jahren bei NEUROSIS, immer auf der Suche – Musik in einer außersprachlichen, tief im Inneren verwurzelten Form zu finden, zu spielen und natürlich zu spüren. Mit WINO wirkt er bei SHRINEBUILDER.
Ähnlich wie sein Mitfrontmann und –gitarrist drückt Steve Von Till im Booklet aus, wie sehr er sich geehrt fühlt, hier seinen Teil beisteuern zu können und zu dürfen. Auch er trägt seit Jahren immer wieder Versionen der Texas Troubadour-Stücke live vor und für ihn hat sich in diesem Zusammenhang ebenso eine neue Sicht auf sein Songwriting ergeben. Schließlich fügt WINO an, dass er – obwohl er immer akustische Sachen gespielt hat – das erste Mal durch Scott und Steve mit den Arbeiten des großen Songwriter-Poeten in Berührung kam. Auch er drückt aus, wie stolz er auf das Projekt ist. Steve Von Till eröffnet den Reigen mit seiner Interpretation von “If I Needed You“. Sein zurückgenommener Gesang und die sparsame Instrumentierung fesseln den Hörer an den Moment des Vortrags. Von Tills Bewegtheit ist fast greifbar und findet sich als persönliche Widmung an sein Frau Niela auch unterstrichen.
Unterstützung von Jesse Baldwin (Lap Steel) erfährt Scott Kelly bei “St. John The Gambler“ und somit jenem Stück, das als einziges im Vorfeld als freier Download zur Verfügung gestellt wurde. Die Version auf dem Album und die Live-Version, die man auf seiner Clubtour erleben konnte, sind nahezu kongruent. Auch er begleitet sich auf der Gitarre, wobei sein bass-brummiger Gesang eine weitere Facette des Stückes auslotet. Die Lyrics zeugen von den Verletzungen ihres Autors auf den dornigen Pfaden seiner Wanderschaft. Kelly versteht es nicht nur meisterhaft, dies mit seinem Ausdruck vermengt vorzutragen, vielmehr scheint er das Stück während seines Vortrags zu leben.
Wer bereits hier von der Sorge befallen wird, nun könnten sich Längen dem famosen Auftakt anschließen, dem sei versichert, dass diese Befürchtung auf keinen Grund fällt. Im Gegenteil – denn mit “Black Crow Blues“ stellt in der Folge Von Till seinem wohl stärksten Beitrag zu dieser Veröffentlichung vor. Der kehlige Gesang und die getragene Atmosphäre verleihen seiner Interpretation eine lebendige Schwebung. Leise Akkorde zupfen den Rahmen und im Fortlauf des Stückes fällt auf, dass Townes Van Zandt nicht nur die Sicht auf das Songwriting verändert hat, sondern offenkundig auch auf den Vortrag selbst ausstrahlt.
Bei “Lungs“ findet man erneut einen tief im Vortrag versunkenen Scott Kelly. Das Düstere des Stückes erscheint nicht nur unter der Folie der Gegenwart als notwendige Farbe innerhalb eines Lichtüberschusses. In der Version des NEUROSIS-Mitglieds verliert sich keine Augenblickserkenntnis, vielmehr bricht sich hier die Bahn, was tief schlummerte. Besonders Kelly weiß, dass es nun einmal kein “Dolce far niente“ gibt. Die erste Seite dieser schier überlebensgroßen Veröffentlichung wird von WINO beschlossen. Er setzt den tiefen Organen der beiden NEUROSIS` Frontmänner seinen helleren Gesangsvortrag entgegen. Während diese hörbar in einen neuen Raum treten, bleibt WINO stärker bei seinem eigentlichen Vortrag. In der Abfolge streicht sich auch die individuelle Klasse der Schlagmuster der drei Gitarristen heraus. Dabei gelingt es WINO exemplarisch, die Orte der Townes Van Zandt`schen Biografien allenfalls als Kulissen seiner Songs wirken zu lassen.
Die B-Seite wird von vier Stücken ausgefüllt. Abermals eröffnet Von Till und bietet eine Version von “The Snake Song“. Großzügig und weit spannt er den Bogen, öffnet den Moment und befördert so die Immersion ins Stück. WINO schließt sich daran mit “Nothin`“ an. Seine Fassung trägt von allen Stücken das stärkste Kolorit der Entstehungszeit ins Jetzt. In “Tecumseh Valley“ erzählt Scott Kelly die bittere Geschichte der Bergarbeitertochter Caroline. Bevor er den Song live in Wiesbaden vortrug, berichtete er davon, dass er das Stück von mal zu mal besser verstünde, und als er es spielte, erschien er in einer Selbstversunkenheit, die ihn scheinbar an einem Ort aufhalten ließ, der nicht im Moment der Darbietung war. Kellys Routine im Umgang mit dem Stück ist deutlich hörbar, fast könnte man hier auf eine Eigenkomposition schließen, selbst dann, wenn die Fakten – wie hier – dies natürlich von vornherein ausschließen. Mit “A Song For“ beschließt WINO diese Arbeit dreier herausragender Musiker. Der Titel fügt sich wunderbar ins Ende, WINO wirkt dabei, als leihe er Townes Van Zandt seine Stimme und Gitarre für ein finales Lied.
Diese liebevoll aufgemachte Veröffentlichung erscheint in der Vinylversion auf dem jungen deutschen Label My Proud Mountain. Die CD-Version wird parallel auf Neurot Recordings herausgebracht. Tribute-Veröffentlichungen rangieren immer zwischen den Polen Nachspiel bis hin zum kolossalischen Experiment. Am stärksten wirken sie immer dann, wenn sie auf keinen der Pole zuschießen, sondern sich im Dazwischen bewegen. Von dort muss ein Weitergehen, ein Weiterklettern zu eigenen Aussichtspunkten möglich sein. Auf “Songs Of Townes Van Zandt“ wird eine facetten- und variantenreiche Sammlung an Interpretationen präsentiert, die zu einer neuen Form ausgeglüht ist. Scott Kelly, Steve Von Till und WINO stellen Townes Van Zandts Lyrics in den Raum, seine Melodien leuchten sie neu aus. Dabei vermeiden sie auf eine nicht für möglich gehaltene – und angenehme zurückhaltende – Art die Überbelichtung. Townes Van Zandt steht im Mittelpunkt. In dieser Zurücknahme zeigen sie ihre Verehrung für ihn und demonstrieren so nebenbei ihre Größe, ohne es bei Letzterem im Mindesten darauf angelegt zu haben.
Anton Corbijn hat einmal bemerkt, dass man in jedes Bild: “… auch immer etwas von sich selbst (steckt).“ Scott Kelly, Steve Von Till und WINO reduzieren dies aufs Wesentliche, ihre zurückgenommene Form betten sie in Townes Van Zandts Kompositionen ein und verleihen ihnen so neue Flügel. Schwer zu glauben, dass dieses Jahr noch etwas Beindruckenderes veröffentlicht wird, als “Songs Of Townes Van Zandt“. (S.L.)
Fotos:
Scott Kelly: dsl
Steve Von Till: www.neurotrecordings.com
Scott “Wino” Weinrich: www.facebook.com/ScottWeinrich
Format: LP/CD |
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