COLIN H VAN EECKHOUT (CHVE, AMENRA, KINGDOM, BLIND TO FAITH) – Interview

Kaum einer Band gelingt es, die Quellen ihres Ideenweihers derart abzuschöpfen wie AMENRA. Und ihre Quellen sind tief. Doch der Ausdruck der Belgier beschränkt sich nicht allein auf ihre gemeinsame Band. So brachte Mathieu Vandekerckhove dieser Tage die dritte Veröffentlichung seines Soloprojektes SYNDROME heraus. Sänger Colin H van Eeckhout (CHVE) indes schickte gemeinsam mit dem USX-Sänger und Gitarristen Nate Hall eine Split-Single ins Rennen und unterstreicht damit ebenso die eingangs aufgestellte Behauptung der Ideenvielfalt. Die 7“ zeigt sowohl ihn als auch Nate von einer folkigen Seite und gibt ferner auch einen Vorgeschmack auf anstehende Veröffentlichungen. Colin H van Eeckhout kann kaum in die Riege derer gestellt werden, die unter der Bezeichnung Frontmann firmieren, dazu ist er – wie seine Mitstreiter – viel zu sehr Teil eines Ganzen –  das ein Herausgreifen nur unter der Prämisse ermöglicht, dass eben das Ganze Schaden nimmt. Dem Publikum den Rücken zugewandt, agiert er, jedoch nicht, um eine Marotte zu kultivieren, vielmehr steht er so quasi in der ersten Reihe, ist Teil des Publikums. Darüber hinaus findet sich in ihm und den anderen Mitgliedern der CHURCH OF RA ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was es bedeutet, sich selbst und das eigene Schöpfen, Schaffen und Veröffentlichen ernst zu nehmen. Dieser Tage hält er sich gemeinsam mit seinen AMENRA-Mitmusikern im Studio für die Aufnahme zu “Mass V“ auf. Billy Anderson wurde als Mann für Sound und Regler verpflichtet. Zudem steht mit “Mass V“ ihr “Debüt“ auf Neurot Recordings an, jenem Label, welches wie kein anderes für eine tiefe künstlerische und persönliche Verbundenheit steht. Freundschaft und Bruderschaft sind die Vokabeln, die Colin für die Beschreibung der Zusammenarbeit mit Neurot Recordings selbst wählte. Zu diesen und anderen Fragen äußerte er sich nun wie folgt …

? Dieser Tage ist eine Split-7“ deines Soloprojektes CHVE mit Nate Hall auf Consouling Sounds erschienen. Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis und welche Reaktionen hast du bisher auf diese Veröffentlichung erhalten?

Nun – bisher waren die Reaktionen durchweg gut. Nachdem ich das Video zu “She Never Left“ ins Internet gestellt hatte, gab es eine Menge positive Rückmeldungen bezüglich CHVE. Nate und ich sprachen im Vorfeld über Solo-Akustik-Sachen, was darin mündete, dass wir beschlossen, eine Split-Veröffentlichung herauszubringen, für die wir jeweils einen Song verwenden wollten, den wir in den letzten Monaten aufgenommen hatten. Ich war mit Harlowe im Studio, wo wir verschiedene Songs aufnahmen, die ich während des letzten Jahres geschrieben hatte. Einige Songs davon schienen am besten ausschließlich mit meiner Stimme und meiner Gitarre zur Geltung zu kommen, und so entstanden einige Solosongs. Der Gedanke an eine Zusammenarbeit mit Nate hat mich sofort begeistert. Alles was er mit USX veröffentlicht hat, hat mich sehr beeindruckt und nur wenig hat in den letzten Jahren mein Interesse derart geweckt. Ich liebe das was sie machen. Aus künstlerischer Sicht bin ich sehr glücklich über die 7“. Mein guter Freund Jeroen Mylle hat mich während des gesamten Prozesses der Artworkgestaltung unterstützt. Er zeichnet sich für das Design und den Clip verantwortlich. Die gesamten Bilder der Split-Veröffentlichung sind in Bourgoyen Gent – fünf Minuten von meinem Haus entfernt, aufgenommen worden. Wir haben sozusagen unsere eigene Realität in eine universelle umgewandelt und somit der Kooperation mit Nate eine konkrete Form gegeben. Seine und meine Handschrift sollten erkennbar sein und das haben wir erreicht.

? Kannst du in diesem Zusammenhang kurz deine Arbeitsweise beschreiben? Wie finden Konzept und Idee zueinander und wie verwirklichst du sie?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Immer wieder bitten mich Leute, dass ich ihnen erkläre, wie ich arbeite, aber das ist nicht so einfach zu sagen. Ich beobachte und lerne. Ich merke mir etwas und erinnere mich. Ich betrachte die Welt immer mit dem Gedanken daran, etwas zu kreieren. Das Was ist dabei nicht wirklich von Bedeutung, aber das bis Wann und mit wem hingegen schon. Für CHVE zum Beispiel habe ich nach einem Gleichgesinnten gesucht und ihn in Jeroen Mylle gefunden. Ich begann aus einem inneren Gefühl heraus und habe versucht diesen emotionalen Impuls auf jemand anderen zu übertragen, um eine bestimmte Lebensgeschichte zu erzählen – meine eigene aus meiner Sicht, seine aus seiner Sicht. Es ist vor allem wichtig, sich darüber bewusst zu sein, was man der Welt mitteilen möchte und ob es das wert ist. Zuvorderst muss es wahr und echt sein. Ich verwirkliche niemals etwas allein, sondern wir bewerkstelligen es. Es geht darum, nach verwandten Seelen zu suchen und Kräfte miteinander zu verbinden. Das Graben in den eigenen Abgründen und das Zulassen – dass sich daraus etwas entwickelt – das steht im Zentrum. Mit dem Begriff “Konzept“ kann ich nichts anfangen und ich denke  auch nicht, dass er auf das, was ich mache, zutrifft, weil ich mir sicher bin, dass dadurch das Gesamte aus den Augen verloren wird. Meiner Meinung nach sind die meisten Konzeptalben banal und reine Brainstormsessions von Künstlern, die niemals einen wirklichen Grund für ihr Tun haben. An dem Tag, an dem du beginnst nach einem Konzept zu suchen, hast du bereits verloren.

? Hast du trotzdem so etwas wie einen bestimmten Sound im Ohr, bevor du mit dem Kompositionsprozess beginnst?

Ich denke, dass man mit Sicherheit sagen kann, dass wir niemals die fertige Musik hören, bevor sie geschrieben ist. Aber was wir wissen, ist – welcher Herzensstrang berührt werden soll. Das ist ein Prozess und keine Einzelaktion. Alle die involviert sind, müssen bereit sein, sich zu öffnen und sich dadurch einzubringen. Ab einem bestimmten Punkt liegt es dann nicht mehr in unseren Händen.

? Erfährst du während des Kompositionsprozesses auch etwas über dich selbst – und wenn ja – bist du an diesen Seiten deiner selbst interessiert?

Ja, auf jeden Fall. Musik komponieren, Texte schreiben und sogar die Beantwortung von Interviewfragen tragen dazu bei, darüber nachzudenken, wie und warum man etwas tut. Außerdem werden dadurch Dinge an die Oberfläche gespült, die tief im Inneren verborgen liegen – die vergessenen Dinge, die in deinen Träumen auftauchen – das macht den gesamten Kreationsprozess interessant für mich. Man beginnt über Dinge zu reflektieren. Ich möchte, soweit wie es möglich ist, wissen, wie ich ticke, beziehungsweise was mich im Inneren bewegt.

? Wenn du dir deine älteren Songs anhörst, gibt es da manchmal Rückblenden auf den damaligen Schöpfungs- oder Aufnahmeprozess?

Nicht wirklich in Bezug auf den Aufnahmeprozess, aber in Bezug auf den Schöpfungsprozesses und dabei besonders auf die Zeit, in der “die bestimmte Textzeile“ entstanden ist. Jedes kleine Detail, ob nun ein Wort oder eine Note, muss eine bestimmte Funktion besitzen. Bei Live-Auftritten muss man darin wieder eintauchen.

? Verfügt ihr dabei über bestimmte Strategien, um eure Kreativität zu steuern?

Wir nehmen uns die Zeit, die notwendig ist, um uns zu treffen – egal auf welcher Ebene.

? Alle Mitglieder bei AMENRA sind auch in verschiedenen anderen künstlerischen Bereichen tätig. Würdest du sagen, dass bestimmte Emotionen dennoch am besten durch Musik ausgedrückt werden können?

Meiner Meinung nach ist Musik das geeignetste Medium, um wahre und tiefempfundene Emotionen auszudrücken – besser als Bilder. Es geht um Sound und die um die Bedeutung von Worten. Alles wird zusammengehalten und ist trotzdem offen für persönliche Vorstellungen und Interpretationen. Man kann es zu seinem Eigenen machen. Trotzdem versuchen wir mit AMENRA alles zu erreichen – mit jedem zur Verfügung stehenden Medium.

? Welche zeitlichen Einschnitte waren prägend für AMENRA?

Als wir vier uns 1999 getroffen haben, hat unsere Reise begonnen. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Einschnitt und durch den späteren Tod meines Vaters hat das Ganze eine Ernsthaftigkeit bekommen.

? Wie würdest du vor diesem Hintergrund die Band mit deinen eigenen Worten beschreiben?

Ich würde die Band  als eine Ansammlung von Leuten beschreiben, die alles geben.

? Euer neues Album “Mass V“ wird erstmals auf Neurot Recordings erscheinen. Was kannst du uns zum Stand der Dinge sagen?

Wir werden nächste Woche ins Studio gehen, um “Mass V“ aufzunehmen. Billy Anderson wird am 19. April eintreffen und dann werden wir uns für neun Tage ins Studio einschließen. Wir haben den perfekten Ort im Herzen der belgischen Ardennen gefunden, genauer: in einer alten Kapelle. Dieser Monat wird wahrscheinlich der schwierigste für uns werden, weil wir uns wirklich fokussieren müssen und uns in diesen verwundbaren Zustand versetzen, deshalb haben wir auch diese Abgeschiedenheit gewählt. Ich denke, dass es unser langsamstes und härtestes Album werden wird, welches wir in den 13 Jahren unseres Bestehens hervorgebracht haben (werden).

? Was kannst du uns über die Zusammenarbeit mit Neurot Recordings berichten?

Neurot beschreibt sich selbst als eine Familie von Künstlern, die das Feuer der Inspiration spüren. Nur gleichgesinnte Künstler sind eingeladen, auf dem Label zu veröffentlichen – ich denke, das erklärt alles. Wir sehen unsere Zusammenarbeit mit Neurot als eine große Ehre. Freundschaft und Bruderschaft sind sehr wichtig für das was wir machen.

? Häufig ist es so, dass Alben bereits Wochen vor Erscheinen im Internet als illegaler Download zur Verfügung stehen. Welche Meinung hast du zur  (illegalen) Download-Kultur?

Ich denke, das hängt immer von meiner Stimmung ab. Es ehrt mich, wenn jemand ernsthaft an unserer Musik interessiert ist, sei es nun durch illegale Kanäle oder nicht. Meiner Meinung nach fordert es die Künstler heraus, mehr Beachtung auf den visuellen Aspekt eines Albums zu richten. Uns gibt es einen Anstoß etwas Besonderes mit dem physischen Tonträger anzubieten.

? Letztes Jahr haben wir euch auf eurer gemeinsamen Tour mit NEUROSIS und UFOMAMMUT in Leipzig gesehen. Wir haben sehr gute Erinnerungen an den Abend. Welche Meinung hast du generell zu Live-Auftritten?

Ich habe keinen Spaß während der Live-Auftritte und ich freue mich auch nie darauf. Jedoch fühle ich mich wie neugeboren, wenn die letzte Note verklungen ist. Zudem mag ich es unterwegs zu sein und verbringe gern Zeit mit meinen Brüdern der Church Of Ra.

? Hast du bestimmte Rituale, die du vor einer Show vollziehst?

Ich schneide mir die Haare bevor ich auf die Bühne gehe. Ich wasche mir mein Gesicht und meinen Nacken mit Wasser. Ich neige dazu mit mir selbst zu sprechen. Stereotype Bewegungen – warum? Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass ich das tun muss.

? Während der Auftritte stehst du die gesamte Zeit mit dem Rücken zum Publikum. Welche Intention steckt dahinter?

Es steckt keine bestimmte Absicht dahinter, aber wenn ich mich ausdrücke, möchte ich, dass das Ganze die Beachtung findet, die es meiner Meinung nach verdient. Ich kann mit der Idee, dass Sänger oder Frontmänner, die meiste Aufmerksamkeit während eines Konzertes erhalten, nichts anfangen, denn sie sind nur eine Schachfigur im gesamten Spiel. Ich verstehe mich selbst nicht als Entertainer, sondern ich werde immer einer derjenigen sein, die sich im Publikum befinden, trotz der Tatsache, dass ich auf der Bühne stehe.

? Glaubst du, dass eine bestimmte visuelle Ästhetik wichtig für eine Live-Show ist?

Ich denke, es ist sehr wichtig, alles zu versuchen, um das umzusetzen, was man möchte. Es muss aber eine Funktion haben. Visuals tendieren dazu, sich mit dem Sound zu vermischen, was es für uns einfacher macht, in das Geschehen einzutauchen. Sie transzendieren die Musik und machen alles zu einem vollständigen Ganzen.

? Was kannst du uns über eure Split-Veröffentlichung mit HESSIAN berichten? Möchtest du in diesem Zusammenhang auch Levy Seynaeve als neuen Bassisten bei AMENRA kurz vorstellen?

Levy ist schon seit einigen Jahren im Umfeld von AMENRA zu finden. Er war immer schon eng mit uns befreundet und spielte in verschiedenen Bands mit Freunden von uns. Als Maarten ausgestiegen ist, setzen wir uns zusammen und überlegten, wer ihn ersetzen könnte und wir wussten sofort, dass es Levy sein wird. Er spielt bei HESSIAN Gitarre und dadurch kam es auch zu der HESSIAN/ AMENRA-Veröffentlichung. Sie schrieben extra einen neuen Song für diese Split und ich habe einen Gastgesangsauftritt auf diesem Song. Das war das erste Mal, dass ich mit Levy auf musikalischer Ebene zusammengearbeitet habe. Diese Kooperation ist wahrscheinlich die fruchtbarste, die ich letztes Jahr gemacht habe.

? Welche Musik hörst du eigentlich privat und gibt es Künstler, die du unseren Lesern empfehlen möchtest?

Ich höre vor allem Musik, zu der ich eine Verbindung habe, oft von befreundeten Bands. Zudem habe ich zum Beispiel heute Townes Van Zandt und WOVENHAND gehört – wie auch immer, ich höre alles, was mich in irgendeiner Weise berührt.

? Möchtest du bestimmte Alben benennen, die dich in deiner musikalischen Entwicklung beeinflusst haben?

Ich denke TOOL “Undertow“, NEUROSIS “Through Silver In Blood“/ “Enemy Of The Sun“ und CROWBAR “Odd Fellows Rest“ waren sehr wichtig für uns sowie jede andere Band, die wir in den 90er Jahren gehört haben. Mich haben außerdem eine Menge Screamo-Bands beeinflusst – ich mag deren Intensität, deren reine Ehrlichkeit und das Herzblut, welches in dieser Musik steckt.

? Gibt es andere Medien (Literatur, Film etc), die euch beeinflusst haben?

Im Grunde genommen alles, das den Weg unserer bisherigen Existenz gekreuzt hat. Alles, was uns begegnet ist und unsere Aufmerksamkeit erlangt hat und bei dem wir versucht haben, eine Verbindung zu AMENRA zu finden. Wenn es eine Verbindung gab, haben wir uns gefragt, wie wir von diesem Punkt aus weiter arbeiten können. Literatur, Film, Kunst im Allgemeinen spielen eine Rolle. Schlicht und einfach die Welt um uns herum beeinflusst und inspiriert uns am meisten: Natur, Zeit, Familie, Freundschaft, Verlust, Freude – alles was uns bewegt.

? Abschließend gefragt, was ist und bleibt deine größte Inspiration?

Leben und schmerzhafte Momente. Höhen und Tiefen. Anfang und Ende. Abschiede.

? Zu guter Letzt: Was kannst du uns über eure Pläne für dieses Jahr berichten?

Wir schmieden niemals Pläne, sondern wir machen einfach das, von dem wir das Gefühl haben, es tun zu müssen. Wir schreiben Alben nur für uns – für unsere eigene Heilung. Konzerte geben wir, wenn wir ein inneres Bedürfnis danach haben.

Fotos: Stefaan Temmerman

Vielen Dank an CVG für die Unterstützung!

(D.L., S.L.)

 

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