OWWL – Dark Places (CD)

Nach dem selbst veröffentlichten Debüt „Tree Speaks To Stone; Stone Speaks To Water“ jetzt die CD auf dem Experimental-Label Utech; im typischen Utech-Artwork; leicht überformat papierumhüllt, Kunststofftasche mit einem Coverbild von Alexander Toulas (das durchaus schon einmal für die richtige Einstimmung sorgt). OWWL sind absolute Minimalisten, auch wenn ihr Sound paradoxerweise die gesamte zur Verfügung stehende Breite des Hörraums umfasst und keinerlei Raum mehr freilässt: ein altes, voll analoges Harmonium und eine Gitarre mit Effekten plus kleinem Verstärker. Und die Gitarre wird noch nicht einmal gespielt, dient „nur“ als Generator, schließt den Kreis, indem sie, direkt vor dem Verstärker aufgestellt, dessen Abstrahlung auffängt und wieder an die Effekte leitet. Über die Live-Manipulation der Effekte entstehen so Geräuschflächen, die sich mit den Drones des Harmoniums verweben; mit einer Intensität, die es schwermacht zu sagen, wer letztlich was erzeugt hat. Im ersten Höreindruck entsteht so eine überhohe schwarze Dronewand; durch den gegenüber dem Debüt entwickelten Sound noch intensiver und umfassender als dort. Keine Schlupflöcher, keine Türen in weitere Räume. Erst ganz allmählich schälen sich Details aus der Schwärze, sei es als noch schwärzere Bereiche, die wirklich alles Licht aufsaugen, sei es als unregelmäßige, leicht grauschwarz schimmernde Flecken vager Hoffnung. All diese Details bleiben auf einer Ebene der Unschärfe, die es schwierig macht, die Realität des ganzen einzuschätzen. Womöglich passiert ein Teil davon nur in der Einbildung, angestoßen durch die Konzentration auf oder, besser, die Öffnung hin zu den fünf dunklen Orten des Albums.

Interessant ist, dass OWWL tatsächlich fünf ganz konkrete Orte benennen; entsprechend ihrer Koordinaten sind dies ‪die Strada Izvor 2-4 in Bukarest, Rumänien (44° 25′ 39“ N, 26° 5′ 15“ E), La Higuera in Coquimbo, Chile (29° 15′ 0“ S  70° 44′ 0“ W), der Ort des Tunguska-Ereignisses, Russland (60° 53′ 9“ N  101° 53′ 40“ E), Cancún in Mexico (31° 18′ 55,1“ N  35° 21′ 13,5“ E) und Choris Onoma, Fanari 48062 in Griechenland (39° 14′ 8“ N  20° 28′ 55“ E). OWWL verweigern jede Angabe dazu, was sie veranlasst hat, diese fünf Orte heranzuziehen, welche Beziehung möglicherweise besteht, welche Inspiration der jeweilige Ort aufgrund welcher Thematik hervorgerufen hat. Herauszufinden war allein, dass 60° 53′ 9“ N  101° 53′ 40“ E das (vermutete) Epizentrum des Tunguska Ereignisses von 1908 in Russland und damit sicherlich ein solcher „dunkler“ Ort ist. Bis heute hat die Wissenschaft und Forschung doch nicht herausfinden können, was damals wirklich passiert ist. Und es ist nicht unwahrscheinlich zu vermuten, dass OWWL womöglich auch für die anderen vier Orte vergleichbare Hintergründe nennen könnte.

Ebenfalls interessant ist, wie wenig elektrisch bzw. elektronisch OWWL. klingen: liegt es an dem (als solches nicht unbedingt zu identifizierendes) Harmonium, der Aufnahme (in beiderseitigem Live-Zusammenspiel) oder der (als solche nicht hörbaren) Produktion. Die Drones und Flächen haben in ihrer Soundästethik stets etwas Archaisches an sich, etwas, das auch schon das Debüt bestimmt hatte und hier (zum Glück) weiterhin Gültigkeit hat und OWWL tatsächlich absetzt: eine Veröffentlichung, die weit über das hinausgeht, was sie beim ersten Lauf verrät (oder verraten will). Definitiv eine eigene Idee zum Thema Drone.

(N)

Format: CD
Vertrieb: UTECH RECORDS
 

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