Als im letzten Jahr THE MEN auf Sacred Bones “Leave Home“ veröffentlichten, bewies sich dreierlei. Zunächst zeigten Caleb Braaten und Taylor Brode, dass sie ein Händchen für aufregende junge Bands haben. Dazu demonstrierten Chris Hansell, Mark Perro, Rich Samis und Nick Chiercozzi, dass Lautes und Pulsbeschleunigendes oftmals aus Brooklyn kommt. Drittens wurde deutlich, dass unvermitteltes Drauf-Los-Spielen die Tanzwütigen weltweit zum Schunkeln, Wackeln, Wogen und Springen bringt.
“Leave Home“ war die zweite Veröffentlichung der Brooklyner und sorgte für ein mächtiges Echo. Die Nase im Fahrtwind bolzte das Album gen Horizont, kein Schlingern, keine Zwischenstopps – Ziel waren die angeranzten Clubs, deren Namen Synonyme für Schweiß und Bier sind. Angepunkt, noiserockig und Drive besessen schossen THE MEN durch die Lande. Nach Shows, bei denen sich die Amerikaner zuverlässig übers Limit verausgabten, hinterließen sie benommene Hörerschaften mit seelig-grinsenden Gesichtern und überdehnten Muskeln. Shows von Brooklyn-Bands, die eine der Abfahrten wie Gothic Punk, Shoegaze, Noise Rock oder No Wave genommen haben, sind immer laut. Immer intensiv. Immer schweißtreibend.
Kein Jahr später legen die vier Amerikaner mit “Open Your Heart“ bereits den Nachfolger und ihr somit drittes Album vor. Same procedure as last time? Nun, hört man die Eingangsstücke “Turn It Around“ und “Animal“ könnte die Frage bejaht werden. Doch bereits das country-lastige und balladeske (und sinnigerweise als “Country Song“ betitelte) dritte Stück zeigt, dass auf dem aktuellen Album Geschwindigkeit und Dynamik nicht mehr die einzigen Trümpfe sind, die THE MEN auf der Hand halten. Hier federt und schwingt ein zum Trackende auspendelndes Stück, welches sich als Dokument von hinzugewonnener Varianz und – ja auch von Souveränität ausweist.
Die sichere Nummer wird vermieden, was für den Hörer Sinn ergibt, denn schließlich kann kein Zuhause zweimal auf dieselbe Art verlassen werden. Auch der Folgesong “Oscillation“ öffnet – wie es der Plattentitel verspricht – das Herz, und immer stärker zeichnet sich ein Wechsel ab, der sich offenbar in den zurückliegenden Monaten in die Mannen um Mark Perro eingeschrieben hat, statt HÜSKER DÜ eher SONIC YOUTH, noch BUZZCOKS, aber versetzt mit einer ordentlichen Portion SLOWDIVE. Und VELVET UNDERGROUND. Deren Diskografie scheint THE MEN in den vergangenen Monaten stark bewegt zu haben, besonders “White Light/ White Heat“. Verzerrer sollen im Proberaum des Brooklyn-Quartetts schon immer in größeren Mengen vorhanden gewesen sein, für “Open Your Heart“ wurde der Vorrat hörbar erweitert, nachvollziehbar auf “Presence“. Am stärksten wurde die Referenzmaschine allerdings für “Candy“ angeworfen. Fast könnte man meinen, die STONES hätten hierfür eine Komposition Willie Nelsons rausgehauen.
Seinen stärksten Moment hat “Open Your Heart“ jedoch im gleichnamigen Titelstück. Das Rezept dafür stammt aus der “Leave Home“-Phase. Das Stück peitscht, donnert, rast und treibt dermaßen, dass das Hörerherz den davonfliegenden Akkorden folgen will und bereit scheint, aus der Brust zu springen. Ein Stück, das sich dem “darüber-Schreiben“ fast entzieht, da es auch beim zwanzigsten Durchlauf noch dergestalt packt und fesselt, dass die Rezensionsstifte eher als Drumklöppel fungieren.
Schlussendlich bleiben THE MEN auch bei ihrem dritten Album zu ihren Vorbildern herübergelehnt. Indes haben sich jedoch Varianz und Reife in die Mitte der in Brooklyn Heimischen geschlichen. Im Ergebnis zeitigt sich ein Album, das wächst und wächst und Caleb Braaten und Taylor Brode Recht gibt. (S.L.)
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