GEMMA RAY – Island Fire (CD)

An einem romantisch ins Licht der Abendsonne getauchten Seeufer steht die Künstlerin im Bikini neben einer Gitarre spielenden Doppelgängerin ihrer selbst Kopf. Beide Verkörperungen wenden dem Betrachter den Rücken zu, ganz in der Anschauung einer idyllischen Inselstrand-Szenerie versunken. Ob dieses skurrile Covermotiv als augenzwinkernde Anspielung auf die Musik des aktuellen Albums zu verstehen ist? Wäre gut möglich, denn „Island Fire“ klingt tatsächlich wie ein kopfstehender, weltabgewandter Zwilling des 2010 erschienenen „Lights Out Zoltar!“, jener ironischen Sixties-Pop-Platte, die für GEMMA RAY den Durchbruch bedeutete. Nach dem Cover-Album „It´s A Shame About Gemma Ray“, das durch die schalkhafte Dekonstruktion musikalischer Vor- und Feindbilder überzeugen konnte, legt die mittlerweile in Berlin lebende Britin nun wieder eigenes Liedgut vor.

Eines wird sowohl musikalisch als auch optisch deutlich: GEMMA arbeitet an der konsequenten Besetzung einer von ihr selbst etablierten Nische zwischen Prog-Pop und Mainstream. Die bewusste Überfrachtung der Stücke mit Streichern, Bläsern und Glockenspiel sowie eine vorgeschobene Leichtigkeit, die zunächst den Eindruck entstehen lassen, es handle sich um „Lights Out Zoltar II“, täuschen geschickt über die Besonderheiten des Songwriting hinweg, die „Island Fire“ zum auf den zweiten Blick gar nicht so stromlinienförmigen, exotischen Nachfolger machen. Das neue Album lässt den Vorgänger im Rückblick fast schon wie ein Zugeständnis an Hörkonventionen erscheinen, das nötig war, um einen größeren Hörerkreis zu mobilisieren. Der ist nun konfrontiert mit Stücken, die sich fast immer dem üblichen Strophe-Refrain-Schema verweigern, was einige Kritiker der Künstlerin prompt als Unfähigkeit ankreiden wollen. Schön reingefallen! Denn ich glaube, es verhält sich ganz anders: GEMMA RAY goes back to the roots, so könnte der Untertitel von „Island Fire“ lauten, und wer ihr erstes Album „The Leader“ kennt, weiß auch, wo GEMMAs eigentliche musikalische Vorlieben liegen: In der flächigen Auffächerung verträumter Klänge, konterkariert durch verspielte Gesangsmelodien, die für den Pop-Appeal des Ganzen zuständig sind. Strophe und Refrain? Kann doch jeder! GEMMA bietet stattdessen Klanglandschaften, die zum Sich-Verlieren in üppigen Arrangements einladen, bevor „How Do I Get To Carnegie Hall?“, die erste der beiden SPARKS-Coverversionen, die das Album beschließen, uns wieder weckt, wenn die Sängerin uns die vergleichsweise nüchterne Antwort entgegenschleudert: „practice, man, practice!“

Mit „Island Fire“ ist es GEMMA RAY einmal mehr gelungen, Musik zu schreiben, die spartenübergreifend die Liebhaber verschiedener Stilrichtungen und Schwierigkeitsgrade der Popmusik begeistern wird. Irgendwie schafft sie es, das alles in einer einzigen bunten CD-Hülle unterzubringen, und manchmal sogar in einem einzigen Stück: Sixties-Songs, Prog und zeitgenössischer Singer-Songwriter-Pop. Vergleiche mit einschlägigen Künstlern verschiedener Dekaden wurden bereits an anderer Stelle bemüht und erübrigen sich letztlich: Das ist eben einfach GEMMA RAY!

(M.Reitzenstein)

Format: CD
Vertrieb: Bronzerat Records
 

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