Gent in Ostflandern, Heimat AMENRAs und somit auch die von Mathieu Vandekerckhove. Der AMENRA-Gitarrist ist ebenso wie seine Kollegen ein Vielbeschäftigter. Die belgische Ausnahmekapelle und ihr ganzheitlicher Ansatz wussten im letzten Jahr gemeinsam mit NEUROSIS live dergestalt zu überzeugen, dass der amerikanische “Headliner“ an jedem Abend Vollgas geben musste, wollte die Band nicht von Vandekerckhove und den Seinen in den Schatten gestellt werden. Wer NEUROSIS kennt, weiß, dass sie diese Form der Herausforderung suchen und lieben.
Dass Eindruck zum Ausdruck wird, ist ein Wesenszug kreativen Wirkens. Die Belgier indes verzahnen künstlerischen Ausdruck und das eigene Leben eng. Nicht umsonst wird bei keiner Veröffentlichung auch nur ein Aspekt dem Zufall überlassen. Gleiches gilt für alle Projekte der in Gent Beheimateten – gleiches gilt somit auch für SYNDROME. Es geht die Geschichte, dass Vandekerckhoves Projekt einem Zuhause Experimentieren entsprungen sei, vor ca. sieben Jahren. Mit “Now And Forever“ liegt die mittlerweile dritte Veröffentlichung vor, ein Track mit einer Spielzeit von 28 Minuten. Das Stück bildet den Wandel ab, der sich in SYNDROME eingeschrieben hat und setzt sich aus Ambient, Drone, Doom und ja – Folkelementen zusammen. Unterstützung erfährt der Belgier von Bandkollegen Colin H. van Eeckhout und Josh Graham. Letzterer sollte als NEUROSIS-Mitglied und A STORM OF LIGHT-Kopf keiner weiteren Vorstellung bedürfen.
“Now And Forever“ startet mit einer eindringlichen Akkordfolge, die sanft von einem Drum durchklopft wird. Der vormals erwähnte Wandel drückt sich immer wieder in einer hohen Verdichtung der einzelnen Sounds aus, schnappt Versätze beinahe beiläufig und schichtet diese sorgsam auf, bereitet so auf das Hervorbrechende und Anstürmende vor, besänftigt diese und überführt sie kurz darauf wieder in mindestens zweimalige, versetzte Wiederholungen desselben Motivs. Die Intervalle des Motivs ändern sich stetig und befördern so den rauschhaften Charakter. Ab Minute neun gesellen sich Vandekerckhoves Brummvocal hinzu, um schließlich durch Colins helle Gesangsparts abgelöst zu werden. Immer bleibt die Gitarre leitend und gleicht dabei aber auch einem Katalysator. Sie senkt nicht nur die Aktivierungsenergie, sie überführt auch Dunkles in Klingendes, Tönendes. Reaktant dabei ist das Niederringende des Alltags, dass in das Ergebnis namens “Now And Forever“ expediert wird. Im Vergleich zu AMENRAs Wirkweise des “Hervorbrechens“ steht bei SYNDROME eher das Aufbrechen im Vordergrund. Wo dort die Ausdehnung, das Treiben und das Herauskommen definiert werden, geht es hier eher um ein Öffnen, ein Aufschließen und Durchstoßen. Das Ein- und Aufweichen von Strukturen geschieht entlang des beschriebenen Wandels.
Dabei findet der Hörer AMENRAs die anderen Projekte der Mitglieder in die Wertvorstellungen der Hauptband gut verfugt. Nicht umsonst haben die Belgier mit der CHURCH OF RA eine Form der Herangehensweise gewählt, die in Glaubenssystemen wurzelt. Ernsthaftigkeit ist dabei das Credo, fernab von Dogmen und Hierarchien der Entstehungsgrundlage, sondern vielmehr Basis für eine bedingungslose Hingabe, die Ergebnisse erschließt wie das vorliegende. Dort, wo eine Deckungsgleichheit von Handlungen erzeugt wird, entsteht eine Überzeugungsgemeinschaft, eine, die gemeinsam einen Pfad beschreitet, der an den wenig begangenen Weg Robert Frosts erinnert. Das, was dabei betreten wird, ist gesäumt von einem Streben nach Ganzheitlichkeit in Bild und Ton. Das dort im Verborgenen Schlummernde wird Stück um Stück freigelegt, hoch ist der Aufwand für dieses Abringen, jetzt und für immer. (S.L.)
Format: CD |
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