V/A – Drone-Mind// Mind-Drone Volume 1: Ubeboet/ Halo Manash/ Jarl/ B°tong“ (LP)

Drone Records hat als Label Pionierarbeit im Bereich Drone/ Experimental/ Ambient geleistet und das schon zu einer Zeit, als sich die Kassettenszene der 80er Jahre gerade in die 90er gerettet hatte, nur um den Cdr-Fast-Tod zu sterben. Eine Zeit, in der Produktionsmittel und die Verfügbarkeit von Instrumenten und vor allen Dingen öffentliche Plattformen im Gegensatz zur heutigen Situation auf einem ganz anderen Level waren. Underground war damals nicht nur Etikett (wie so häufig derzeit), sondern Tatsache und bedeutete, dass nur kleinste Zirkel daran teilnehmen konnten, weil mit den zur Verfügung stehenden Mitteln mehr einfach nicht machbar war; besonders im Bereich der weit außerhalb des breiten Geschmacks liegenden Sparten-Genres.

Zu diesem Zeitpunkt hat Drone Records (quasi ein Nebenprodukt der musikalischen Aktivitäten des Labelbetreibers; zuerst bei Maeror Tri und dann bei dem Maeror Tri- Nachfolgeprojekt Troum) nicht nur einen Mailorder aufgebaut, der in Inhalt und Preisgestaltung auch heute noch eine Ausnahmestellung einnimmt, sondern auch eine Serie mit 7-Inches gestartet: Auflage zwischen 200 und 300 Stück, Coverartwork durch den jeweiligen Künstler. Bis zum Ende der Serie im Jahr 2010 sind so insgesamt 100 Releases erschienen, ein Teil davon sogar in der Zweitauflage (dann mit veränderten Coverartwork) und ein gar nicht so kleiner Teil der jeweiligen Erstauflagen mit wirklich abenteuerlichen Covergestaltungen in Idee, Material und Ausführung. Sammlerstücke, das Cover als Mehrwert, ja, aber immer mit einem musikalischen Inhalt, der irgendwo im Bereich Drone/ Experimental/ Ambient verortet ist und dabei einen jeweils eigenen Zugang zu dieser Thematik offenbart. Die 7-Inch als Plattform, um Neugierde zu wecken, um einen Künstler, eine Band, ein Projekt vorzustellen (entsprechend durfte jeder Künstler nur einmal an dieser Serie teilnehmen; egal, in wie vielen Projekten er möglicherweise steckte). Das Ende der Serie resultierte laut Drone Records insbesondere aus einem veränderten Hörerverhalten, das 7-Inches schlicht nicht mehr sonderlich nachfragt. Das 100. Release war dann sicherlich auch der angemessene Anlass, die Serie abzuschließen.

Obwohl Drone Records mit Substantia Innominata seit längerem auch eine 10-Inch Serie im Programm hat, die auch weiterhin Bestand hat, hat das Label nunmehr eine neue LP-Compilations Serie gestartet, die die Funktion der eingestellten 7-Inch Serie übernehmen soll, da die 10-Inch Serie in erster Linie bekannteren Künstlern zur Verfügung steht, die Plattform für neue und/ oder unbekannte Artists nach Ende der 7-Inch Serie demnach fehlte. Mit Blick auf die Varianz, die im bespielten Genre grundsätzlich steckt und mit dem Wissen um die Varianz, die dann auch tatsächlich innerhalb der bisherigen 7-Inch Serie zu entdecken war, ist dieses neue Format natürlich nicht ungefährlich, birgt es doch nun alle Gefahren, die von einer Compilation ausgehen: die Notwendigkeit, die Musik so zu kompilieren, dass eine zwingende Atmosphäre und Dynamik entsteht; als ein steter Fluss mit Brüchen nur da, wo sie Sinn machen.

Jetzt liegt die erste Veröffentlichung dieser neuen Serie vor und zunächst einmal die Entwarnung: es werden pro LP „nur“ vier Acts vorgestellt, die Zeit, die jedem Act zugestanden wird, entspricht also ungefähr der Zeit, die vorher auf den in sich abgeschlossenen 7-Inches zur Verfügung stand. Und auf dieser ersten Veröffentlichung der neuen Reihe bilden die vier Acts eine so homogene Kombination, dass sich die Frage, ob denn diese Art von 4-fach Split überhaupt funktioniert, überhaupt nicht mehr stellt: Ubeboet aus Spanien und Halo Manash aus Finnland teilen sich die erste Seite mit je zwei Beiträgen („Akasa“ und „Agone Revisited“ sowie „Hänesä Henget Eläwät“ und „Luiden Lukija“), deren Soundbasis stark auf Stimmen beruht und die so einen fast beschwörenden Ritualcharakter entwickeln. Wo Ubeboet seine Vocaldrones in osszilierende Umhüllungen webt, die eine gewisse Schärfe entwickeln, lässt Halo Manash seine in tiefe Bassfächen fallen, die teilweise an Gongs erinnern; der Wechsel von Ubeboet zu Halo Manash funktioniert damit fast wie der innerhalb eines Albums des gleichen Künstlers: die grundsätzliche Stimmung bleibt erhalten, die Dynamik dagegen und das Arrangement der Instrumentierung ändern sich – perfekt. Wechsel der Seite und Jarl aus Schweden, dessen bearbeitete Zither innerhalb des langen Stücks „Zero in Scream“ in einer gewissen Weise die Soundästhetik von Ubeboet erinnert: wellenartige Gespinste aus flirrenden Tönen, die jedoch im letzten Drittel einen leichten Twist mit einem unterlegten Pulsen erfahren. Und dann B°tong aus der Schweiz mit vier kurzen Stücken („Vam“, „Lam“, „Ram“ und „Pam“), die, besonders im Vergleich zur Ruhe der Ubeboet und Halo Manash Beiträge wesentlich fragmentierter, skelettierter und verschrobener wirken, im Gesamtlauf der Entwicklung der Compilation aber komplett Sinn ergeben (zumal das abschließende „Pam“ auch musikalisch irgendwie wie ein Schließen des Kreises dieser Platte wirkt).

Fazit: der Wechsel des Formats ist geglückt; wenn Drone Records die kommenden Beiträge dieser neuen/alten Serie ebenso gut kompiliert wie auf dieser Nummer 1 sind dann nicht nur weitere interessante Beiträge von Drone/ Ambient/ Experimental Acts zu erwarten, sondern sogar noch deren in einem Fluss hörbare Zusammenstellung; ein echter Mehrwert des neuen Formats. Und (siehe Beitrag von Jarl hier auf der Nummer 1): es sind jetzt auch längere Stücke möglich; etwas, das gerade beim Genre Drone entscheidende Vorteile hat. Natürlich sind die skurrilen Cover in Eigenbau jetzt Geschichte, dafür hat Drone Records für die neue Serie den Maler Pete Greening ins Boot geholt, der, so habe ich es zumindest verstanden, auch die Cover der zukünftigen Compilations gestalten wird. Und das ist ihm bei der in vier Vinylfarben erschienenen Nummer 1 schon mal sehr gut gelungen.

(N)

Format: LP
Vertrieb: DRONE RECORDS
 

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