LUTZ DAMMBECK – Kunst und Macht (4 DVDs)

Anfang der 1980er Jahre begann der damals noch in der DDR lebende Medienkünstler und Filmemacher Lutz Dammbeck mit der Arbeit an seiner Mediencollage HERAKLES KONZEPT. Mit dieser Versuchsanordnung wollte er dem Verhältnis von Kunst und Macht in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts nachspüren und die ästhetischen Kontinuitäten freilegen, die zwischen den bildenden Künsten des Nationalsozialismus und des Staatssozialismus bestehen. Seine Feldforschungen mündeten zunächst im Experimentalfilm HERAKLES HÖHLE und wurden in der Folge zum Rohmaterial für vier Dokumentarfilme, die allesamt um das Verhältnis von Kunst, Macht, Weltanschauung und Moral kreisen.

Den Anfang macht der 1992 fertiggestellte Film ZEIT DER GÖTTER über den Bildhauer Arno Breker. Dammbeck geht der Frage nach, wie aus dem hochtalentierten Künster, der im Paris der zwanziger Jahre mit etlichen Vertretern der Avantgarde verkehrte der Lieblingsbildhauer von Adolf Hitler werden konnte. Hierzu interviewt er Freunde, Mitarbeiter und Zeitgenossen Brekers, darunter die Schriftsteller Roger Peyrefitte und Ernst Jünger, den Schauspieler Jean Marais, den Sammler Peter Ludwig sowie den ehemaligen Zehnkämpfer Gustav Stührk, der für Breker Modell stand. Als eine kleine Sensation des Films kann man das Gespräch mit dem öffentlichkeitsscheuen Dichter Rolf Schilling betrachten, der darüber berichtet, wie seine kurze Zusammenarbeit mit Breker zustande kam. Dammbeck deutet Breker als den herausragendsten Vertreter einer elitären Ästhetik, die in der Antike wurzelt und den Anspruch erhebt, der vor allem als Zersetzungsprozess erfahrenen Moderne Bilder einer wiedergewonnen Ganzheit entgegenzustellen. Wie viele junge Menschen seiner Generation war auch Breker in der Lebensreform- und Wandervogelbewegung aktiv, und Dammbeck verdeutlicht, wie sehr dessen Kunstauffassung in jenen bürgerlichen Protestbewegungen wurzelt. Aus eben diesem anti-modernistischem Umfeld entstammen auch die Protagonisten von Dammbecks zweitem Film DÜRERS ERBEN. Er zeichnet  hier die Geschichte der Leipziger Malerschule nach, die unter den Professoren Werner Tübke und Bernhard Heisig zur Keimzelle und Kaderschmiede des Sozialistischen Realismus in der DDR wurde. Selbst ein Opfer der restriktiven Kulturpolitik des SED-Regimes, betreibt Dammbeck hier gleichzeitig die Aufarbeitung seiner eigenen Biographie und rechnet mit der DDR ab.

Noch während der Arbeit an DÜRERS ERBEN stößt Dammbeck auf das Thema seines nächsten Projekts. Ein Freund schickt ihm ein anonymes antimodernistisches Manifest zu, das Bekennerschreiben zu einem Anschlag auf mehrere Gemälde des Wiener Malers Arnulf Rainer verschickt hatten. Bei der Spurensuche nach dem Verfasser des Pamphlets taucht Dammbeck ein in die FPÖ-nahe rechtskonservative Szene Wiens und trifft auf eine Gruppe junger Männer, die zwischen Techno und Ernst Jünger, zwischen Neofolk und völkischer Esoterik versuchen, eine Moderne von Rechts zu etablieren. Charismatische Zentralfigur dieses Zirkels ist der Maler Christian Böhm-Ermolli, ein ehemaliger Schüler Arnulf Rainers. Gestützt auf Indizien, erweckt Dammbeck den Eindruck, Böhm-Ermolli stecke hinter dem Anschlag auf die Werke seines ehemaligen Lehrers. Allerdings kann der so Beschuldigte sich nicht mehr zu dem Fall äußern: am 05. März 1996 setzt er seinem Leben in einem melodramatischen Akt durch einen Kopfschuss ein Ende.

In seinem bisher letzten Film DAS NETZ aus dem Jahr 2003 geht Dammbeck der Frage nach den Ursprüngen der heutigen Cyberkultur nach und zeigt auf, wie sie sich aus der Kybernetik und dem revolutionären Geist der Gegen- und Popkultur der 1960er Jahre entwickelt hat. Demnach gibt es eine direkte Entwicklungslinie, die von der Hippiebewegung mit ihren alternativen Gesllschaftsentwürfen zu den Anfängen des Internets führt. Bei seinen Recherchen stößt Dammbeck auf den ehemaligen Mathematikprofessor Ted Kaczynski, der zwischen 1976 und 1998 als sogenannter Unabomber insgesamt sechzehn Briefbomben an Fluggesellschaften und Universitäten verschickte, um so ein Zeichen gegen die seiner Ansicht nach zerstörerische Ausbreitung der industriellen Zivilisation zu setzen. Dammbeck beginnt einen Briefwechsel mit dem zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilten Kaczynski und publiziert später im Buch zum Film auch das vollständige Unabomber-Manifest in deutscher Sprache. Besonders auffällig sind die heftigen Reaktionen mancher Interviewpartner Dammbecks, sobald der Regisseur das Gespräch auf den Unabomber lenkt. Die Art, in der sie eine Auseinandersetzung mit Ted Kaczynski und seinen Theorien kategorisch ablehnen und ihn als geisteskrank diffamieren ist gleichbedeutend mit ihrer Unfähigkeit, die technologische Zivilisation überhaupt in Frage zu stellen. Oberflächlich betrachtet scheint DAS NETZ aus der Reihe der Dokumentarfilme von Lutz Dammbeck herauszufallen. Bei genauerer Betrachtung jedoch entdeckt man auch in Deutschland eine Tradition technikfeindlicher Zivilisationskritik, zu der Denker wie Martin Heidegger und Friedrich Georg Jünger ebenso zählen wie die Theoretiker der Lebensreform, womit der Bogen wieder geschlagen wäre zu Arno Breker, Werner Tübke und Bernhard Heisig.

Dammbeck nähert sich seinen Themen als Künstler, nicht als Wissenschaftler, sein Zugriff ist subjektiver Natur und wird häufig vom Zufall bestimmt. So gelingt es ihm, ungewohnte Zusammenhänge und Querverweise herzustellen, wodurch seinen Sujets neue Bedeutungshorizonte eröffnet werden. Diese besondere Herangehensweise schlägt sich auch in der Ästhetik der Filme nieder. Dammbeck kombiniert Interviews, Neudrehs und Autobiographisches mit historischem Filmmaterial und eigenen Materialcollagen zu einem höchst komplexen, mit zahlreichen Bedeutungsebenen aufgeladenen Ganzen, wobei immer noch genügend Freiräume bleiben, in denen sich die Reflexionen und Assoziationen des Betrachters entfalten können. Die Art und Weise, wie Dammbeck seine Materialcollagen und Rauminstallationen als Denkräume mit Werkstattcharakter in seine Filme einbringt erinnert an Hans-Jürgen Syberbergs Arbeiten über Hitler und Ludwig II. aus den 1970er Jahren.

Von verschiedenen Standorten aus vermisst Dammbeck in seinem Filmzyklus die Bruchstellen, die zwischen der Moderne und ihren Gegnern entstanden sind. Berührten ZEIT DER GÖTTER und DÜRERS ERBEN vor allem Fragen der Kunst, geht es in DAS NETZ schließlich generell um die Frage nach der Zivilisation. Ob jene Risse sich durch die zukünftige Vollendung des Projekts Moderne schließen lassen, ist mehr als fraglich: aufgrund ihrer Abhängigkeit von einer sämtliche Lebensgrundlagen nach und nach zerstörenden Technik birgt der Abschluss der Moderne das Risiko einer vollständigen Vernichtung aller Zivilisation in sich. Aus Rufern in der Wüste wie Ted Kaczynski wären dann Propheten geworden.

Zu jedem der Dokumentarfilme liefert die in der Arte Edition erschienene DVD-Box reichhaltiges Bonusmaterial sowie eine DVD-Rom mit Drehbüchern, Filmtagebüchern und anderem dokumentarischem Material aus Dammbecks Archiv.

(M. Boss)

www.absolutmedien.de

Format: 4 DVDs
Vertrieb: ABSOLUT MEDIEN
 

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