THE EYE OF TIME – Interview

Folgt man dem alten Röckener, so entspringen Vielheit und Vielfalt aus “dem Widerstreit der Gegensätze“. Wenn Gegensätzliches aufeinander prallt, ist die Bündelung dieses Aufpralls eine Fertigkeit, die große Meisterschaft verrät. Dieser Meisterschaft verdächtig hat sich der Franzose Marc Euvrie mit seinem Projekt THE EYE OF TIME gemacht, wobei “die Verdächtigung“ einer Untertreibung gleichkommt, überführt sein aktuelles Album ihn doch als großen Meister. Das mit “The Eye Of Time“ betitelte  -  und eigentlich aus drei unterschiedlichen Veröffentlichungen bestehende – Werk entstand über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dabei wurden  Elemente des Ambient, des Drum N` Bass, des Post Rock und diverse Electronica aus ihren ursprünglichen Formen herausgebrochen, abgeschliffen, neu zusammengesetzt und anschließend verfugt. Ergebnis ist ein Mosaik des Prächtigen. Seine Pracht gewinnt sich auch durch den offenkundigen Ansatz seines Erschaffers, selten zu Vereinbarendes in eine eigene Form mit ganzheitlicher Wirkung zu bringen. Wenn eine Veröffentlichung die Resultate unterschiedlicher Zeiträume miteinander verbindet, dabei nie auf das Eklektische schielt und sich das Ergebnis derart organisch anhört, anfühlt und anschaut, dann ist wohl von einem großen Wurf zu sprechen. Zu eben jenem hat Marc Euvrie mit THE EYE OF TIME angesetzt. Wenn diese Fülle, Vielheit und Vielfalt in Einheit und Einklang nicht Grund genug für ein Gespräch sind, dann …

? Vielleicht bist du für einige Leser unseres Magazins noch ein Unbekannter. Kannst du deshalb einen kurzen Überblick über deine musikalische Entwicklung geben?

Als Teenager habe ich viel elektronische Musik gehört und so eine Vorstellung davon erhalten, Musik zu kreieren, die kraftvoller klingt, als wenn man sie nur mit Klavier und Gitarre spielt. Ich komponierte zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen Instrumenten und hatte auch schon Banderfahrungen gesammelt. Dann kaufte ich mir meinen ersten Computer und ein kleines 4-Spur-Gerät. Mein erster Versuch war ein analoges Sample. Ich zeichnete ein Stück klassischer Musik mit dem Mikrofon meines Sound Systems auf, schnitt es aus und fügte die Kopie wieder ein. Das war harte Arbeit, deshalb war ich froh als ich Hardware-Elemente fand, die diesen Prozess einfacher machten.

? Wie bist du mit Musik in Kontakt gekommen und was bedeutet dir Musik im Allgemeinen?

Meine Mutter ist Pianistin. Sie lehrte mich zu spielen und Musik zu verstehen, seit ich sieben Jahre alt war. Später habe ich selbst gespielt und verschiedene Instrumente ausprobiert: Klavier, klassische Gitarre, E-Gitarre und Cello. Musik bietet mir die Möglichkeit meine Emotionen auszudrücken, da ich in meinem alltäglichen Leben nicht viel über meine Gedanken spreche oder über meine Gefühle gegenüber den Menschen, die ich liebe. Musik ist der einzige Weg für mich über meine inneren Kämpfe, meine Gedanken über die Welt und über meine Erfahrungen im Leben zu reden.

? Welche Begriffe treffen auf die Musik THE EYE OF TIMEs deiner Meinung nach am ehesten zu?

Dunkel, depressiv, Ambient, Electronic, Landscapes – eine Reise durch die menschliche Gattung mit ihrer Geschichte und durch das Universum.

? Gab es zu Beginn von THE EYE OF TIME eine künstlerische Vision und wenn ja hat sich diese im Laufe der Entwicklung des Projektes verändert?

Wie ich bereits erwähnt habe, komponiere ich Musik seit ich ein Teenager war, aber immer nur auf einem Instrument, sei es Klavier, Gitarre oder Cello. Durch diese Limitierung konnte ich nicht wirklich umsetzen, was ich tief in mir drin hörte. Später entdeckte ich, dass mir durch die Arbeit mit Samples ganz neue Wege offen standen, denn ich konnte jegliche Form klassischer Musik, in die Musik transformieren, die ich wirklich kreieren wollte. An THE EYE OF TIME arbeitete ich immer dann, wenn ich Zuhause war und nicht auf Tournee mit meinen anderen Bands. Je mehr ich mit meinen anderen Bands beschäftigt war, desto weniger Zeit hatte ich für THE EYE OF TIME. Das Projekt diente dazu, meine Frustration, über die Tatsache nicht live spielen zu können, zu verkleinern. Mittlerweile versuche ich einen Song zu kreieren, der ganz nah an das herankommt, was ich in meinem Kopf höre. Ich suche nach dem perfekten Song, der in mir ein bestimmtes Gefühl hervorruft. Ich arbeite mehr mit Emotionen und weniger mit Noten.

? Gerade ist dein Album “The Eye Of Time“ bei Denovali erschienen. Es besteht aus drei Teilen: “After Us“, “Jail“ und “Lily On The Valley“. Zudem ist jedem Track auf dem Album ein Foto gewidmet. Was kannst du uns über das Konzept dieser Veröffentlichung berichten?

Es handelt sich dabei um verschiedene Konzepte und Alben, die ich während der letzten zehn Jahre kreiert habe, jedoch wurden alle Stücke neu abgemischt und gemastert. “After Us“ habe ich 2005 als CDR in Siebdruck-Cover selber veröffentlicht. Die Idee jedem Song ein Bild zu widmen, war von Beginn an vorhanden. Später hatte ich ein Projekt namens LILY ON THE VALLEY – was ich aber schnell beendete, dennoch speicherte ich die zwei dort entstandenen Drum N´ Bass-Tracks ab. Danach komponierte ich die Tracks für “Jail“. Es ist das einzige Album, bei dem ich “richtige“ Instrumente hinzugefügt habe. Aufgenommen wurde es 2008. Zudem gibt es noch einen Bonus-Track mit dem Titel “Monster Usually Wear Uniforms“. Das ist einer meiner besten Songs. Ich hatte ihn irgendwie für viele Jahre verloren, jedoch entdeckte ich ihn vor einigen Monaten auf einer externen Festplatte, von der ich annahm, dass sie kaputt sei. Es handelte sich dabei um eine alte Version des Songs, verschiedene Teile fehlten, aber ich konnte den Song wieder in seine letztgültige Version bringen.

? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Album für dich persönlich?

Ich bin sehr stolz auf das Album. Es ist so, als ob das erste Mal in meinem Leben Menschen hören, was ich sage.

? Wie bist du mit Denovali in Kontakt gekommen?

Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Veröffentlichungsmöglichkeit meines Albums “Jail“. Ich kannte die Leute von Denovali bereits durch eine Veröffentlichung meiner Band KARYSUN, die sie sehr mochten. Ich schickte ihnen einige Songs (“After Us“ und verschiedene andere Arbeiten) und sie waren von der Musik sehr angetan. So ist eins zum anderen gekommen.

? Du hast deine Arbeitsweise bereits mehrmals angedeutet. Könntest du uns einen kurzen Einblick in deinen Kompositionsprozess geben? Wie finden sich Ideen und Konzepte und wie setzt du diese um?

Das hängt immer davon ab – einige Songs sind sehr schnell entstanden, andere wiederum haben mich eine Woche nicht schlafen lassen. Wenn ich einmal an einem Song sitze, kann ich nicht aufhören und später an ihm weiterarbeiten. Ich muss ihn fertigstellen, es ist so, als würde sonst die Welt aufhören sich zu drehen. Manchmal habe ich Glück und finde alles schnell, so wie ich es haben möchte. Mitunter gestaltet es sich aber schwierig, genau das umzusetzen, was ich mir vorstelle.

? Was beeinflusst deinen Arbeitsprozess am stärksten?

In der Regel beginne ich an einem Song zu arbeiten, weil ich über etwas nachdenke oder mir etwas passiert ist, was mich traurig gemacht hat.

? Aus deiner Musik hört man eine Vielzahl verschiedener Stile und Klänge heraus. Möchtest du uns etwas über dein Equipment verraten?

Das bleibt mein Geheimnis.

? Wie erhältst du die Impressionen, die sich auf deinen Veröffentlichungen wiederfinden?

Die Welt in der wir leben, ist ein Drecksloch, aber wir werden zur Blindheit erzogen. Dadurch können wir alles konsumieren, was wir sollen – trotz der Tatsache, dass wir wissen, dass durch unser Verhalten Menschen sterben und die Erde zerstört wird.

? Lass uns noch mal auf das Artwork und das 30seitige Booklet zu sprechen kommen. Wie zufrieden bist du mit der Covergestaltung und welche Intention steckte hinter der Idee zu jedem Song ein entsprechendes Bild zu gestalten?

Die Bilder sollen den Leuten helfen zu verstehen, was ich mit jedem Song ausdrücken möchte. Ich arbeite zwar nicht mit Lyrics, dennoch habe ich eine Menge in Bezug auf die Menschheit und das Universum zu sagen. Das jeweilige Artwork ist sorgfältig gewählt worden, damit es das Gefühl, welches ich mit jedem Song transportieren möchte, unterstützen kann. Emotionen sind für mich stärker als Worte, deshalb denke ich, dass die Musik in der Kombination mit den Bildern mehr ausdrückt, als das Worte tun könnten. Ich bin sehr zufrieden mit Thomas Hacks Arbeit, der vor einer großen Herausforderung stand.

? Gibt es eine Art Botschaft, die du über dieses Album vermitteln möchtest?

Ich versuche so weit wie möglich von einem philosophischen Standpunkt aus, über die Menschheit zu sprechen. Ich versuche die Menschheit und die Zeit ihrer Existenz, mit der Erde und dem Universum in Beziehung zu setzen. Dadurch habe ich eine bessere Sicht auf die Dinge und kann kritischer bei der Frage sein, welche Art von Spezies wir sind. Deshalb trägt das Projekt auch den Namen THE EYE OF TIME. Wenn wir für einen Tag in die Vergangenheit und Zukunft des gesamten Universums schauen könnten, dann würden wir sehen, dass die Menschheit nur ein kleiner unbedeutender Teil davon ist. Wir sind zu stolz dazu, um zu erkennen, dass wir nicht der Mittelpunkt von all dem sind. Millionen von Jahren gab es die Erde auch ohne uns und Millionen von Dingen passieren im Universum, von denen wir niemals etwas erfahren werden. Aber das Wichtigste für die Menschen ist heutzutage Geld anzuhäufen, um immer mehr “künstliche Objekte“ zu konsumieren. Die Realität des Universums und des Lebens ist groß und es ist unmöglich, sie vollkommen zu verstehen. Wir sollten unser Leben damit verbringen, uns an den Dingen zu erfreuen, die uns umgeben, da unser Leben nur eine Mikro-Sekunde im Universum ist.

? Im Booklet findet sich folgendes Zitat: “Man hat den Menschen seiner Möglichkeiten zu Abenteuer und Experimente beraubt, welche ihm die Existenz geben soll. Wir lassen die Menschheit verdunkeln und erlöschen, denn wir gehen keine Risiken ein.” In westlichen Gesellschaften scheint es nur noch Schlachten des Rückzugs zu geben. Der Status Quo erscheint als das einzig Mögliche. Fühlst du etwas von dieser allgemeinen Depression auch in deiner Umgebung?

Sicherheit und Schutz sind die wichtigsten Begriffe heutzutage. So arbeiten auch Diktaturen. Wir können unsere Staaten Demokratien nennen, aber das ändert nichts daran, was sie wirklich sind. Wenn man tausend Jahre einen Hund als Katze bezeichnet, dann wird man irgendwann eine Katze sehen, obwohl es sich dabei eigentlich um einen Hund handelt. Wir geben unsere Humanität für Komfort und Schutz auf. Doch je mehr man Angst vor dem Tod hat, desto weniger lebt man wirklich. Wir wollen nichts Neues ausprobieren, weil wir Angst vor Veränderungen haben. Unsere sogenannten Demokraten sagen uns, dass wir das perfekte System erreicht haben und am Ziel der Menschheit angekommen sind. Anarchismus (und ich rede hier von einem wirklichen System und von keiner Teenagervorstellung) ist für mich der nächste Schritt – wir brauchen keine Staaten.

? Kommen wir noch mal auf Musik zu sprechen. Welche Musik hörst du zurzeit und welche Künstler möchtest du unseren Lesern empfehlen?

Wenn ich Zuhause bin, höre ich meistens: EFTERKLANG, SIGUR ROS, DO MAY SAY THINK, PROMISE AND THE MONSTER, GODSPEED YOU BLACK EMPEROR!, A SILVER MOUNT ZION. Aus dem Underground-Bereich möchte ich vor allem YEAR OF NO LIGHT, PG LOST, STRONG AS TEN, SLEEPING IN GETHSEMANE, I HAD PLANS und ADORNO empfehlen.

? Gibt es Künstler, mit denen du gern eine Kollaboration eingehen würdest?

Es gibt eine Vielzahl an Künstlern, mit denen ich gern arbeiten würde. Spontan fallen mir da Matt Elliott, Yann Tiersen, Scott Kelly, PJ Harvey, Björk, Beth Gibbons und Michael Nyman ein.

? Gibt es darüber hinaus noch andere Einflüsse beispielsweise aus den Bereichen Film und Literatur?

Meine Lieblingsbücher sind “1984“, “La Nuit Des Temps“ und “Lord Of The Rings“ und meine Lieblingsfilme sind “Koyaanisqatsi“, “Cildren Of Men“, “Johnny Got His Gun“ sowie “2001: A Space Odyssey“.

? Wirst du demnächst Live-Auftritte in Deutschland haben?

Hoffentlich. Ich denke so gegen Ende 2012, aber ich weiß es noch nicht genau.

? An welchen Orten würdest du am liebsten auftreten?

Da gibt es so viele – am liebsten an Orten, die keine klassischen Musikklubs sind: Denkmäler, Kirchen, Theater, Industriefabriken und in der Natur.

? Wie setzt du live deine Stücke um? Welchen Raum nehmen Improvisationen ein?

Ich spiele einige Songs von “Jail“ und “After Us“ und einen bisher unveröffentlichten Song. Während des Spiels gibt es feste Parts, aber auch Spielraum für Improvisationen. Die Songs unterschieden sich von den Versionen auf den Alben, aber sie sind immer noch erkennbar.

? Du bist zudem in ein Projekt namens KARYSUN involviert. Was kannst du uns darüber berichten und sind neue Veröffentlichungen geplant?

Es handelt sich dabei um eine 2-Mann-Crust/ Metal-Band. Die Musik ist sehr heavy. Ich spiele Gitarre, die an drei Verstärkern angeschlossen ist und singe. KARYSUN ist eine Mischung aus TRAGEDY und NEUROSIS. Wir arbeiten an neuen Songs, aber wir wissen noch nicht, wann wir ein neues Album aufnehmen werden. Ende Februar werden wir durch Spanien touren.

? Welche weiteren Pläne hast du für THE EYE OF TIME?

Das weiß ich noch nicht genau. Ich überlege gerade für eine Woche durch Deutschland/ Europa zu touren und ich arbeite bereits an neuen Songs, aber zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nichts bestätigen.

? Was bleibt noch zu sagen?

Ich danke Euch für Euer Interesse.

(D.L., S.L.)

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