GERI X Interview

Geri X verfügt über eine vielschichtige und bewegte Vita. Die Bulgarin kam 2001 in die USA und lebt seitdem dort. Von klein auf  trug sie die Musik in sich. In den USA fand sie Mitstreiter, die sie darin unterstützten ihren Ideen, Form und Ausdruck zu geben. Mittlerweile blickt sie auf eine Reihe von Veröffentlichungen zurück. Die Musik von Geri X, die stilistisch irgendwo zwischen Folk und Americana eingeordnet werden kann, zeichnet Wegmarken  unterschiedlicher Felder nach. Diese Felder stehen ambivalent zueinander und bedingen sich dennoch gegenseitig: Schwermut und Hoffnung. So gelingt es ihr scheinbar leichtfüßig zwischen diesen Feldern hin und her zu springen. Dabei kann es passieren, dass sie beim Hörer etwas auslöst, was Nicholas Gomez Davila einmal als “… sich aus einer mittelmäßigen Gegenwart wegwünschen …” bezeichnet hat.

? Du stammst ursprünglich aus Bulgarien und lebst seit einigen Jahren in den USA. Kannst du unseren Lesern einen kurzen Abriss über deinen persönlichen Werdegang geben?

Ich lebe seit 2001 in den USA und werde bald wieder nach Europa zurückkehren. So wie ich mein Zuhause in Erinnerung habe, ist das Leben dort besser als hier. Natürlich gibt es hier mehr Möglichkeiten etwas zu machen oder sozial aufzusteigen, dennoch bin ich der Ansicht, dass die Menschen hier nicht wirklich wissen, wie sie ihr Leben richtig gestalten sollen. Ich freue mich darauf, nach Europa zu kommen und dort auch hoffentlich Konzerte zu spielen.

? Glaubst du, dass die Erfahrung in zwei Ländern zu leben auch deine Musik beeinflusst?

Auf jeden Fall! Einflüsse kommen überall her, nicht nur musikalische, sondern ich fühle mich durch alles in meiner Umgebung inspiriert. Ich höre jede Art von Musik und dieser musikalische Schmelztopf hat definitiv Auswirkungen auf meinen Schreibprozess. Zudem sauge ich wie ein Schwamm alles auf, was mich umgibt.

? Bist du damit einverstanden, deine Musik als Folk zu bezeichnen und wenn ja, wie sieht deine Definition von Folkmusik aus?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich weiß nicht, welche Musik ich mache. Ich weiß nicht, ob man es als Folk, Americana, Indie, Country, Rock etc bezeichnen kann. Leute hören unterschiedliche Dinge heraus. Ich wache nicht früh auf und sage mir, dass ich heute einen Rocksong schreiben werde. Es passiert sehr viel unterbewusst. Einige Songs sind langsam und eingängig, einige sind herzzerreißend und depressiv, andere wiederum sind nostalgisch und hoffnungslos. Ich zwinge mich nicht zum Songschreiben, sondern es ist eine Art Ventil für mich.

? Würdest du sagen, dass Folk eine urbane Weltsprache ist?

Folkmusik? Meiner Meinung nach ist Musik im Allgemeinen die universelle Weltsprache. Ich erinnere mich daran als ich in Bulgarien gelebt habe, zu Alben von PINK FLOYD und DEEP PURPLE mitgesungen zu haben, ohne auch nur ein Wort Englisch zu verstehen. Es kommt nur darauf, eine Verbindung zwischen einem selbst und der Musik herzustellen.

? Lass uns über deine Veröffentlichungen sprechen. Unser Eindruck ist, dass deine Stücke eine selten gehörte Ambivalenz zwischen Melancholie und Hoffnung abbilden. Kannst du mit dieser Zuschreibung etwas anfangen?

Ja. Die früheren Alben haben einen sehr depressiven Charakter. Unsere neuen Songs wirken weniger traurig. Ich befinde mich in einer guten Phase meines Lebens und ich habe gelernt, wie man sich nicht unterkriegen lässt.

? Viele deiner Stücke tragen eine gewisse Unmittelbarkeit in sich, das heißt, es fällt leicht, sich auf sie einzulassen. Ist Einlassungsbereitschaft etwas, was du von einem Hörer prinzipiell erwartest?

Ich möchte immer, dass sich die Hörer auf meine Songs einlassen. Ich hoffe, dass sie sich in meinen Songs fallen lassen können. Ungeachtet dessen, bin ich eine Geschichtenerzählerin. Ich brauche ein Publikum, was mir zuhört und mich versteht.

? Dein letztes Album “Anthems Of A Mended Heart” macht einen sehr durchkomponierten Eindruck. Was bedeutet es für dich, ein Album zu veröffentlichen, auch vor dem Hintergrund dessen, dass Musikhören sich scheinbar immer stärker in ein Anhäufen einzelner Stücke auf mp3-Playern transformiert?

Das letzte Album hat allein für die Konzeption viel Zeit verschlungen. Wir (meine Band und ich) sind uns darüber bewusst, dass es wahrscheinlich in 5 bis 10 Jahren keine CDs mehr geben wird. Niemand wird mehr in einen Laden gehen, um sich neue Platten zu kaufen. Alles wird über einige Knopfdrücke im Internet ablaufen. Künstler müssen mehr Aufmerksamkeit auf die Verpackung, auf das Artwork, Bonusmaterial etc legen, um Geld zu verdienen und damit auf Tournee gehen zu können.

? Einen sehr wirkmächtigen Eindruck hinterlässt das Stück “When I Die”. Denkst du häufig über dein eigenes Ableben nach bzw. hast du Vorstellungen/ Erwartungen für das “Danach”?

Den Song habe ich im Badzimmer meines Appartements in Wisconsin geschrieben. Der Winter in Wisconsin kann einen sehr depressiv machen und der einzige Ruhepol in der Appartementanlage ist für mich unser Badezimmer. Ich sinniere die gesamte Zeit über meinen Tod, damit meine ich nicht, dass ich an Selbstmord denke, sondern ich habe eher eine romantische Sicht auf den Tod. Ich weiß nicht genau, ob das Sinn ergibt, aber mir geht es darum, den romantischsten Weg zum Sterben zu finden. Was das Leben “Danach” betrifft, glaube ich, dass wir so lange auf die Erde zurückkehren, bis wir unsere vorgegebenen Aufgaben erfüllt haben.

? Welche Rolle spielen für dich deine Lyrics? Beabsichtigst du perspektivisch die Lyrics abzudrucken?

Für mich sind die Lyrics beziehungsweise die Story das Wichtigste in meiner Musik.  Eigentlich würde ich gern die Lyrics abdrucken, aber ich kann es mir finanziell leider nicht leisten. Ich hoffe, dass das in Zukunft anders wird. Hoffentlich nimmt uns jemand unter Vertrag und kann uns dabei unterstützen.

? Inwieweit haben deine Lyrics autobiografische Züge?

Jedem Song, den ich geschrieben habe, liegt ein persönliches Erlebnis zugrunde bzw. beinhaltet er metaphorische Elemente von Situationen, die ich durchlebt habe. Also zu 100 Prozent.

? Auf jeden deiner Alben befindet sich eine Coverversion. Ist das als eine Art roter Faden für deine Veröffentlichungen zu verstehen?

Die Cover wurden meistens von Fans gewünscht. Einigen Fans gefällt es, wie ich Songs, die ich mag, verändere und etwas Neues daraus entsteht. Ich bin froh sagen zu können, dass ich das aber nicht mehr tun werde.

? Nach welchen Kriterien hast du dir die Songs ausgesucht?

Ich covere Songs, die besser beschreiben können, was ich fühle, als ich das kann.

? Lass uns noch mal auf unsere Ausgangsfrage zurückkommen. Wie bereits erwähnt, lebst du in den USA. Exil kann zweierlei bedeuten. Einerseits schwingt im Exil immer die Flucht vor etwas mit. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit des selbst gewählten Exils, des Neuanfangs und der Suche. Kannst du mit dieser Definition etwas anfangen und wenn ja, trifft eine dieser beiden Facetten in gewisser Weise auf dich zu?

Ich bin schon immer eine Nomadin gewesen. Meine Familie zog zwischen Bulgarien und Frankreich hin und her. Dann lebten wir in verschiedenen Ländern in Europa. Dabei ging es nie darum vor etwas davonzulaufen, sondern es ging um Veränderung. Ich brauche immer Veränderungen. Ich kann mich nicht allzu lange an einem Ort aufhalten. Das werde ich wohl auch nie können.

? Wie stehst du in diesem Zusammenhang dem Begriff Heimat gegenüber?

Heimat ist für mich, wo mein Herz ist. Mein Herz ist in den USA, weil dort die Menschen leben, die ich am meisten liebe. Dennoch bin ich auch Bulgarin und würde mich nie als etwas anders bezeichnen.

? Existiert für dich eine Unterscheidung von Heimat und Zuhause?

Die Welt ist voller Unterschiede. Ich vermisse ein ruhiges Leben mit wahren Werten und wahrer Natur.

? Deine Musik veröffentlichst du im Eigenvertrieb. Ist es für dich prinzipiell eine Option auf einem Label zu veröffentlichen und wenn ja, welche Qualitäten müsste dieses Label haben?

Ja, leider muss ich mich zurzeit um alles alleine kümmern. In meinem Zimmer läuft alles ab: Aufnahmen, Artwork etc. Mittlerweile habe ich eine vollständige Band, dennoch mache ich den Großteil der Dinge (Organisation von Auftritten, Bestellungen etc) selbst. Greg (Bassist und mein Freund) und ich kümmern uns um den CD-Druck und das gesamte Merchandising. Ich hoffe, dass uns ein kleines Indie-Label unter Vertrag nimmt und uns Geld für die Aufnahme eines Albums zur Verfügung stellt, unsere CDs vertreibt und uns auf eine lange Tournee schickt. Mir geht es nicht darum, auf dem Cover des Rolling Stone Magazins zu sein oder auf MTV zu laufen. Ich möchte 10 Monate im Jahr auf Tournee sein und eine Hütte in den Bergen haben. Das ist alles.

? Könntest du dir vorstellen, ein Live-Album zu veröffentlichen und sind Live-Auftritte in Europa für dich in Blickweite?

Wir arbeiten gerade an einem Live-Album. Es handelt sich dabei um unseren Auftritt beim Sommerfestival in Milwaukee von diesem Jahr. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr nach Europa kommen können. Ich stecke meine gesamte Kraft in dieses Vorhaben. Ich hoffe, dass sich das eines Tages auszahlt.

? Wie sehen eure Zukunftspläne aus?

Wir werden im Januar mit den Sessions für unser 8. Album beginnen (der vorläufige Veröffentlichungstermin ist im März) und hoffentlich können wir im Mai 2009 touren.

? Abschließende Worte?

Wir können es kaum erwarten, in Europa aufzutreten. Vielen Dank für Euer Interesse an unserer Arbeit. Bis bald!

- D.L. & S.L. & M.G. -

 

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