THISQUIETARMY – Interview

“Es gibt Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge. Alles vermischt sich miteinander und der eigene Output ist das Ergebnis all dessen“. Eric Quach scheint nie still zu stehen. Seine Veröffentlichungen gleichen einem Fluss, rauschhaft und immer in Bewegung. Mit “Resurgence“ legte er im letzten Jahr sein Meisterstück ab. Seine Fertigkeiten zeigen sich dort auf ihrem Höhepunkt. Seinen Tracks ähnlich sind auch seine Antworten. Sie variieren in puncto Länge und Emotionalität, bündeln einmal das Essentielle, um andernfalls Kerngedanken und –ideen weit auszubreiten. Dabei sind sie immer tief, wild und ziehen stets eigene Kreise. Eric beherrscht die Klaviatur des guten Gesprächs spielend. Vom Schwärmerischen gleitet er ins Konkrete, vom Nachzeichnen schwingt er ins Schimpfen. Besonders diese Momente, in denen er die Selbstgewissheiten von Subkulturen kritisiert und deren Modi der Selbstdarstellung ironisch kommentiert, zeigen einen Schaffenden, der sich nicht im Mitschwingen erschöpft hat. Anders als bei früheren Veröffentlichungen ist “Resurgence“ auch “so etwas wie Hoffnung“ anzuhören. Dass die im kanadischen Montreal beheimatete “Ein-Mann-Armee“ deshalb ihre Entschlossenheit und Wirkung verloren hätte, können nicht einmal jene behaupten, die Quachs Arbeiten ablehnend gegenüberstehen. So präsentierte sich im Gespräch mit diesem Magazin ein Künstler, der wie nur wenige das lebt, was identisch-mit-sich-sein bedeutet. Und immer sucht er die Herausforderung. Entlang dieser schälen sich die Ideen von ihm ab, denn schließlich ist “… der eigene Output … Ergebnis all dessen.“

? Ende des letzten Jahres ist dein neues Album “Resurgence“ auf Denovali erschienen. Welche Herausforderungen gab es im Vorfeld der Aufnahmen und wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?

Die größte Herausforderung bestand darin Musik zu kreieren, die die Grenze eines Ein-Mann-Projektes im improvisierten Ambient/ Drone-Bereich weiter in Richtung der Kreativität innerhalb von Solo-Kompositionen verschiebt. Außerdem sollte es auch möglich sein, die Tracks live zu performen. Einige Ideen trug ich über Jahre in mir und einige der Tracks benötigten mehr als nur ein paar Aufnahmesessions, um sie fertigzustellen. Häufig ist 80% eines Tracks fertig, aber die fehlenden 20% können sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen. Das Hauptproblem war, dass es sehr ehrgeizige Songs waren, die ich meistens nicht beenden konnte, weil die Ergebnisse, die ich in meinem Kopf hatte, zu komplex waren, um sie umsetzen zu können – entweder hatte ich nicht die Fähigkeiten dazu oder mir fehlten die Geduld und die Kraft. Deshalb habe ich sie erst mal ruhen lassen und mich in der Zwischenzeit mit anderen Dingen beschäftigt. In einer gewissen Weise kann man Tracks auch als lebende Organismen begreifen, das heißt, wenn man ihnen Zeit und Raum lässt, entwickeln sie sich alleine weiter und man kann an einem bestimmten Punkt dann weiter an ihnen arbeiten. Dieser Prozess kann sich über einige Jahre hinziehen.

? “Resurgence“ erscheint in verschiedenen Formaten inklusive eines ansprechenden Artworks. Welche Beweggründe standen hinter dieser Vorgehensweise?

Anfangs schlug ich vor, ein Album zu machen, dessen Spieldauer auf eine CD und auf eine DLP passen würde. Als ich das Album abschließen wollte, gab es fertige Songs, die keinen Platz gefunden hatten. Jedoch wollte ich die übrig gebliebenen Songs nicht für eine EP oder mein nächstes Album verwenden, ich wollte das Kapitel abschließen und alles auf einmal veröffentlichen, damit ich einen wirklichen Neuanfang für ein neues Release starten kann. So entschied ich mich für die Veröffentlichung einer CD mit Bonus-CD (anstatt eines Doppel-Albums), trotzdem passten alle Songs auch nicht auf eine 2LP – im Idealfall hätte Denovali eine 3LP herausgebracht, aber das war im Vorfeld nicht abgesprochen gewesen, deshalb stellte ich die Trackliste um. Alle LPs haben einen Download-Code für die Tracks, die die CD-Version beinhaltet.

? “Resurgence“ ist deine erste Veröffentlichung auf Denovali. Wie bist du mit dem Label in Kontakt gekommen?

Ich hatte ihnen mehrmals im Herbst/ Winter 2010 gemailt, als das Album fast fertig war. Als sie dann endlich antworteten, meinten sie, dass sie meine Musik mögen würden und wir beschlossen zusammen zu arbeiten. Einige Monate später traf ich sie während meiner Europa-Tour in Bochum und wir konkretisierten unsere Vereinbarung. Ich bin mir nicht sicher, ob es mein Auftritt war, der sie letztendlich überzeugte, da die Bedingungen für ein Live-Spiel nicht gerade ideal waren, obwohl ich an diesem Abend trotzdem sehr viele Merchandising-Artikel verkauft habe (nur an meinem letzten Abend der Tour hatte ich noch mehr verkauft). Den Sommer habe ich dann damit verbracht, das Album zu beenden und das Konzept für das Artwork zu erstellen. James Plotkin hat das Mastering übernommen.

? Trotz der von dir genannten Schwierigkeiten klingt das Album sehr kohärent. Welche Erwartungen hattest du an das Album?

Ich war sehr zuversichtlich, als das Album endlich fertig war. Denovali war mit ihm zufrieden und sogar James Plotkin sagte mir, dass er gerne an ihm gearbeitet hätte. Während der Monate der CD/ Vinyl-Produktion und während der Zeit der Promotion für das Album wurde ich etwas nervös, weil ich nicht sicher war, was die Hörer davon halten würden. Meine drei Vorgängeralben (“Blackhaunter“, “Aftermath“, “Vessels“), die ich veröffentlichte (nach “Unconquered“ und vor “Resurgence“), waren sehr Ambient- und Drone-lastig und zudem sehr abstrakt und experimentell gehalten. Das trifft auch auf  meine Zusammenarbeiten mit Aidan Baker, Scott Cortez und YELLOW6 zu, die ebenfalls in dieser Zeit erschienen sind. “Resurgence“ ist viel strukturierter, dynamischer und direkter und scheint eine Verschmelzung diverser Stile und persönlicher Einflüsse zu sein. Man könnte sagen, dass es in gewisser Weise zwar zugänglicher ist, aber es ist gleichzeitig auch sehr experimentell, weil ich versucht habe, neue Wege zu beschreiten, indem ich Drone/ Doom, Shoegaze, Krautrock, Post Rock und Psychedelic miteinander vermischt habe. Je länger ich auf die Veröffentlichung wartete, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass es möglich wäre, dass die Leute verschiedene Meinungen über das Album haben werden. Ich dachte, dass die Leute es vielleicht zu sehr mit “Unconquered“ vergleichen würden, weil der Entstehungsprozess dieser Veröffentlichung ähnlich dem von “Resurgence“ war. Gleichzeitig war ich sehr stolz über das fertige Werk und bedauerte keine meiner Entscheidungen diesbezüglich.

? Wie du bereits erwähnt hast, hat James Plotkin das Mastering übernommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Ich hatte mit ihm bereits für mein Vorgängeralbum “Vessels“ (erschienen auf Aurora Borealis) gearbeitet, deshalb habe ich ihn kontaktiert und er hat sich sehr gefreut an dem neuen Album zu arbeiten. Ich kenne sein Projekt KHANATE, aber auch einige seiner Neben- und Soloprojekte, aber am meisten kenne ich ihn durch sein Mastering für andere Künstler, deren Musik ich mag und/ oder mit denen ich befreundet bin, wie zum Beispiel NADJA, MENACE RUINE, EMERALDS, SUNN O))), GROWING und EARTH.

? Was kannst du uns über das Artwork berichten?

Über Monate hinweg hatte ich versucht, meine eigene Kunst in das Artwork Design zu integrieren – so wie ich es bei “Unconquered“ gemacht habe. Ich habe die verschiedenen Illustrationen und Bilder immer wieder anderes angeordnet, um ein kohärentes Design für das Album zu kreieren. Trotzdem wirkte jedes Design zu düster und zu öde und repräsentierte die Musik nicht wirklich gut. Zur gleichen Zeit hing ich oft mit einer Künstlerin herum, die ich vor einigen Jahren getroffen hatte. Wir hatten immer mal wieder über eine Kollaboration gesprochen, aber bis dahin hatte ich nie das Gefühl, dass meine Musik zu ihren Illustrationen passen würde, bis ich “Resurgence“ abgeschlossen hatte. Ihre Illustrationen starrten mich an und begannen mit mir zu sprechen – die unterschiedliche Mischung aus Stilen und Farben und die unglaubliche Menge an Details in den Bildern passten perfekt zu der unterschiedlichen Mischung von Klängen und Strukturen auf dem Album. Das Artwork ergänzt nicht nur die Musik, sondern ich hatte das Gefühl, dass es dem gesamten Produkt einen größeren Einfluss als Ganzes gibt. Für mich ist ein Album so lange nicht abgeschlossen, bis die Musik mit einem perfekten Artwork verknüpft ist.

? 2008 ist dein Debütalbum “Unconquered“ erschienen – wenn du vergleichen müsstest, welche Parallelen oder Unterschiede siehst du zu “Resurgence“?

“Unconquered“ durchzieht eine Art “Ein-Mann-Armee führt Krieg“-Thematik: ich gegen die Welt, der Umgang mit Einsamkeit, was muss man tun, um zu überleben. Die mittleren Alben repräsentieren die verschiedenen Kämpfe dieser Schlacht – eine Menge Verwirrung, Drama, Angst, Anspannung, Extreme und Unwägbarkeiten. “Resurgence“ ist eine Art Rückkehr zum ursprünglichen Thema, nur mit mehr Entschlossenheit und Antrieb. Die Songs sind optimistischer und vielseitiger mit einem klareren Weg und einem besseren Gefühl für die Richtung. Man kann fühlen, dass es ein Schritt mit Entschlossenheit nach vorn ist. Alle Alben durchzieht so etwas wie Hoffnung. Hoffnung ist gefährlich, sie sollte aber auch nicht sterben. Wie bei allem muss man eine gewisse Balance finden.

? Auf dem Album “Unconquered“ gibt es einen Song namens “The Great Escapist“ feat. Meryem Yildiz. Ihre Vocals befinden sich auch “Gone To The Unseen“, einem Song auf deinem aktuellen Album. Welche Rolle nehmen Texte/ Gesang in der Musik THISQUIETARMYs ein?

“The Great Escapist“ und “Gone To The Unseen“ sind zwei Songs, die bereits seit einer langen Zeit zu 90% fertig waren und sie sind auch die Songs, die am längsten von mir nicht beendet worden sind. Wenn man meistens an instrumentalen Kompositionen in der musikalischen Karriere arbeitet, dann sind Texte oder Gesang wahrscheinlich die zwei letzten Dinge, mit denen man sich beschäftigt. Zugleich bin ich mit Pop Musik und Rocksongs aufgewachsen und Shoegaze/ Dream Pop und New Wave gehören zu meinen größten Einflüssen. In den zwei angesprochenen Fällen hat der Gesang den Songs den letzten Schliff gegeben. Im Kontext von THISQUIETARMY sind die Vocals wahrscheinlich das schwierigste für mich. Ich denke, dass es eine große Herausforderung wäre, ein ganzes Album mit Gesang aufzunehmen. Ich weiß, dass einige Leute dieser Idee nicht wirklich etwas abgewinnen könnten, aber es zu versuchen, wäre eine spannende Aufgabe.

? Kannst du uns deinen Arbeitsprozess kurz beschreiben? Wie findest du deine Ideen und wie setzt du sie um?

In der Regel ergeben sie sich aus einem Platzregen von puren Emotionen, die sich angesammelt haben, in den Momenten der Säuberung meistens in Form von Improvisationen. Wenn sie in irgendeiner Art aufgenommen worden sind, können sie irgendwann verwendet werden oder sie dienen als Skizzen, die später weiter ausgearbeitet werden. Es gibt immer verschiedene Stufen der Schöpfung, bis ich eine Vision davon habe, wie der Track letztendlich klingen soll. Aber im Wesentlichen ist es ein Prozess, der manchmal sehr einfach und manchmal sehr komplex sein kann. In beiden Fällen benötigen die Songs Zeit, um sich zu entwickeln.

? Welche Gefühle beschleichen dich, wenn du ein Stück dann endlich beendet hast?

Es fühlt sich an, als ob etwas, was in mir war nach außen gedrungen ist. Das ist befreiend und zufriedenstellend.

? Gibt es bestimmte Emotionen, die immer wieder in deinen Arbeiten auftreten?

Keine bestimmtes Gefühl, aber eine Vielzahl von immer wiederkehrenden – dem Hörer ist es überlassen, diese zu identifizieren.

? Wenn du beginnst einen Song zu spielen, vergisst du dann eine Zeit lang alles um dich herum?

Ja, aber vor allem, weil ich ihn nicht vergessen möchte und ihn so weit wie möglich entwickeln will.

? Ziehst du deine Inspirationen immer wieder aus denselben Quellen?

Ich denke, dass der Großteil meiner Inspiration aus mir selbst herauskommt. Meine Kreationen zeigen, wie ich bin und wie ich über die Aspekte des Lebens denke. Es ist nicht wichtig über welches Medium das passiert, ob nun durch Musik, Zeichnen oder Malerei – alles kommt vom selben Ort. Musikalisch kann ich mich zudem manchmal unbewusst von den Klängen inspirieren lassen, die ich gern höre.

? Sind Begriffe wie “Erfolg“ und “Scheitern“ für dich als Künstler relevant?

Nicht wirklich. Wenn ich in der Lage bin das umzusetzen, was ich kreieren möchte, dann ist es bereits ein Erfolg für mich. Scheitern wäre für mich, wenn ich es nicht schaffen würde, meine Arbeit zu vervollständigen.

? Suchst du die Welt nach Ungehörten ab?

Als Musikfan suche ich ständig nach neuen Sounds und Dingen, die mich begeistern, aber mittlerweile wird es immer schwieriger. Wenn es dann passiert, ist es spannend und überraschend.

? Du betreibst mit TQA dein eigenes Label. Was kannst du uns über das Label und dessen Veröffentlichungen berichten?

Zunächst habe ich das Label gegründet, um dort meine eigene Musik zu veröffentlichen. Nachdem ich ein kleines bisschen Erfolg mit dem Promoten meiner eigenen Musik hatte, entschloss ich mich Freunden zu helfen und ihnen eine Plattform zu geben. Das Label bringt streng limitierte handgefertigte Releases heraus, die den Bereichen Experimental, Ambient und Electronics zu zuordnen sind. Außerdem wollte ich ein besonderes Design und eine besonderer Art der Verpackung, um ein spezifisches Konzept zu haben, welches das Label einzigartig macht. In letzter Zeit ist jede Veröffentlichung sehr aufwendig und detailliert gestaltet. Eine Menge Arbeit und Sorgfalt ist in jedes Exemplar geflossen. Die aktuellen Veröffentlichungen bestehen aus einer formschönen Hülle, einem gedruckten Insert, geschnitten und gefaltet von Hand, dazu gibt es ein Set von Fotografien, um das Artwork und die Musik zu begleiten. Weitere Veröffentlichungen können auch vollkommen anders gestaltet sein, aber alles ist in einer bestimmten Weise handgefertigt und zu Hause produziert. Unsere letzte Veröffentlichung ist die des polnischen Komponisten Adrian Aniol und bald wird eine 3CD-Box mit Aidan Baker und mir erscheinen. Es handelt sich dabei um ein spezielles Release, das ein Dokument unserer Europa-Tournee des letzten Jahres ist. Beide Veröffentlichungen sind jeweils auf 100 Exemplare limitiert und werden schnell vergriffen sein.

? Wir haben das Gefühl, dass die “Home Recording“-Szene stetig anwächst und sich ausweitet. Siehst du das auch so und wenn ja, wie bewertest du diese Entwicklung?

Die Entwicklung der Technik und der Home Recording-Bewegung, der einfache Zugang zu Aufnahme-Software, Plug-Ins – ich denke, dass das großartig ist, da jeder die Möglichkeit haben sollte, etwas zu kreieren und sich selber auszudrücken. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder ein Künstler sein sollte, und dass es gute Gründe dafür gibt, jeden mit Musik zu überfluten und zu übersättigen. In einer idealen Welt sollten die talentiertesten und erfahrensten Komponisten aus der Masse herausstechen. Aber auch die Labels, die Medien und die Fans müssen die guten Sachen und die schlechten Sachen herauszufiltern, denn sie sind verantwortlich für das Wohl der Kunst und nicht diejenigen, die versuchen alles zu veröffentlichen, was sie aufgenommen haben.

? Aus unserem Blickwinkel scheinen Montreal, Toronto und Quebec Zentren richtungsweisender Musik zu sein. Kannst du dies bestätigen und wenn ja, siehst du dich als ein Bestandteil davon?

Diese Frage ist schwer aus der Innenperspektive zu beantworten. Es passieren viele Dinge innerhalb einer lokalen Szene, die ein Außenstehender nicht sieht. Von meiner Sicht aus und am Beispiel Montreals gibt es eine große Ansammlung von “Künstlern“ – im Grunde ist jeder daran interessiert Kunst oder Musik zu kreieren und die örtliche Szene besteht aus verschiedenen Kreisen von Leuten mit zahlreichen Projekten, die ständig Musik machen und permanent zu denselben Shows gehen. Diese Kreise kommen und gehen, entwickeln sich weiter, lösen sich auf und verändern die lokale Szene sehr schnell. Die Leute werden müde, wenn sie immer wieder dieselben Dinge sehen, deshalb müssen laufend neue Acts auftauchen. Aus der Sicht eines Künstlers steckt in all dem eine gewisse Hass-Liebe. Einerseits herrscht eine große kreative Energie in der Stadt, andererseits kann die Kunst dadurch auch billig und wenig authentisch wirken. Ich glaube, dass die meisten Künstler, die über Montreal hinaus bekannt sind, nicht unbedingt Teil einer dieser lokalen Kreise sein müssen, obwohl sie natürlich involviert sind und irgendwie dazu gehören. Beispielsweise gehe ich zu zwei oder drei lokalen Shows in der Woche, was bedeutet, dass ich als Künstler mich aktiv in der Szene bewege, aber ich nicht zwingend diese lokalen Shows spiele – oder zum Vergleich, ich trete nicht sehr oft auf und wenn, dann spiele ich Shows mit verschiedenen Billings und in verschiedenen Kontexten. In gewisser Weise stellt die lokale Szene Entertainment als soziales Event oder Stimulation für die Künstler bereit, die ihr Ding machen und es veröffentlichen. Aber ich denke, dass die Künstler die ernsthafter in Bezug auf ihre Kunst sind, sich von dieser Szene entfernt haben, da sie größere Ambitionen haben – nicht in Bezug auf Erfolg, sondern in Bezug auf ihre Souveränität. Sie legen mehr Wert auf ihre Kunst und suchen ihren eigenen künstlerischen Weg. Für Künstler, die außerhalb der Szene etwas Aufmerksamkeit erhalten, könnten die Aktivitäten der lokalen Szenerie (egal wie großartig und unterhaltsam sie sind) zeigen, wie man eben nicht als Künstler auftritt, und was es dagegen bedeutet, wenn man ernsthafter an die Dinge herangeht. Das Warten auf die richtigen Labels außerhalb ihrer Heimatstadt und die “Eroberung“ der restlichen Welt während Zuhause niemand einem wirklich Aufmerksamkeit schenkt, kann manchmal eine größere Wirkung haben – auf eine seltsame, aber vertretbare Art und Weise. Leute beginnen einen erst zu beachten, wenn sie Bezüge zur internationalen Ebene hören. Ich denke, es ist schwierig lokale Bands ernst zu nehmen, wenn die Stadt mit Künstlern überfüllt ist. Es gibt viele gehypte lokale Bands, die niemals außerhalb von Montreal gehört werden und sie sind vollkommen ahnungslos, warum das so ist. Aber das ist einfach so, weil sie sich von ihrem lokalen Erfolg täuschen lassen. In Wirklichkeit sind sie vielleicht nur so bekannt, weil viele ihrer Freunde zu ihren Auftritten kommen und sie unterstützen. Auch die lokale Presse macht den Fehler, sie mehr zu hypen, als sie es eigentlich sollte und sie als “neues Ding“ hochzuschreiben.

? Du hast bereits mit einigen Künstlern zusammengearbeitet. Mit welchen anderen Künstlern würdest du gern etwas gemeinsam aufnehmen?

LICHENS – ich würde gern, dass er  Vocal Drones auf einige meiner Drone Tracks beisteuert. Außerdem würde ich gern mehr experimentieren und neue musikalische Wege beschreiten, deshalb wer Interesse an meiner Musik hat und mich dabei unterstützen kann, ist willkommen. Ich bin gerade dabei mit einem Schlagzeuger einer Hardcore/ Sludge/ Metal-Band namens ALASKAN aus Ottawa etwas auszuprobieren und bis jetzt sind daraus einige interessante Dinge entstanden.

? Da wir gerade beim Thema Kollaborationen sind, aus welchen vergangenen Kollaborationen hast du am meisten gelernt?

Von jeder Kollaboration habe ich etwas anderes gelernt. Durch Scott Cortez habe ich gelernt, wie man ein Konzeptalbum plant bevor man es aufnimmt – das war ein sehr intellektueller Ansatz. Alle Regeln waren vorgegeben und wir mussten ihnen folgen und die Ergebnisse waren das, was sie waren – es gab kein Zurück mehr. Bei Aidan Baker und YELLOW6  ging es um spontane Improvisationen und das Reagieren auf die Kreativität des jeweils anderen. Die Kollaborationen mit Bands wie MONARCH und YEAR OF NO LIGHT waren ebenfalls sehr erhellend. Es war sehr inspirierend in diesen festen Einheiten zu arbeiten, auch wenn die Arbeiten getrennt aufgenommen worden sind, aber trotzdem musste ich sehr nah an ihren druckvollen Sound und an ihren Erwartungen an mich herankommen – das hat mir viele Möglichkeiten und Ideen für mein nächstes Album eröffnet.

? Welche Musik hörst du privat?

Ich mag Musik aus dem Drone/ Experimental-Bereich, Poporientiertes sowie dunkle und heavy Musik. In der Regel lege ich eine Pause von dem Stil meiner eigenen Musik ein und höre etwas vollkommen anderes. Zurzeit ist das folgendes: RINGO DEATHSTARR, MONARCH, BENOIT PIOULARD, DEATH IN JUNE, ELIKA, ENSORCELOR, THE HAXAN CLOAK, GRAILS, Klaus Schulze, THE SOFT MOON – diese Liste verändert sich allerdings ständig.

? Was muss denn ein Song haben, damit er dich berührt?

Ich bin mir nicht sicher, das hängt wahrscheinlich von meiner jeweiligen Stimmung ab. Ich höre gern Musik, die einen bekannten Old School-Sound besitzt, der aber verschiedene Einflüsse und Strukturen aufweist. Ich denke, es sollte eine Mischung aus Bekanntem und Neuem sein. Wenn es so klingt, wie schon so viel anderes geklungen hat, finde ich es eher langweilig. Und wenn es etwas ist, was sehr komplex ist und in Richtung Avantgarde geht und man sich eine Weile dafür Zeit nehmen muss, dann muss es mich im richtigen Moment erreichen.

? Gibt es Alben, die dich musikalisch besonders beeinflusst haben?

SLOWDIVE “Just For A Day“, “Souvlaki”, GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR “Slow Riot For The New Zero Kanada”, JOY DIVISION “Unknown Pleasures”, U2 “Achtung Baby”, PINK FLOYD “Wish You Were Here” – es gibt so viele weitere.

? Gibt es anderen Kunstformen, die ebenfalls einen Einfluss auf dich hatten?

Vielleicht nicht direkt – so sehr ich Literatur und Filme mag, kann ich keine spezielle Arbeit diesbezüglich nennen, die einen Einfluss auf mich hatte. Aber als Ganzes kann man sagen, dass alles was dunkel, schön, depressiv und aufklärerisch ist, in irgendeiner Art einen Effekt auf einen selbst hat und auch auf die Dinge, die ich kreiere. Man muss seinen Geist und seine Seele mit Kunst ernähren, aber zur selben Zeit passiert etwas im eigenen Leben – es gibt Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge. Alles vermischt sich miteinander und der eigene Output ist das Ergebnis all dessen.

? Im Frühjahr wirst du wieder in Europa auf Tour sein. Gibt es Orte, auf die du dich besonders freust?

Ich liebe es durch Europa zu touren – es ist in jeglicher Hinsicht das beste Gebiet, um auf Tour zu sein. Meine dritte Europa-Tour wird gemeinsam mit AUN im April/ Mai stattfinden. Wir werden vor allem in Deutschland und in Frankreich auftreten, aber wir werden auch in der Schweiz, in Österreich und in Dänemark vorbeischauen. Ich bin bis jetzt noch nicht in Österreich und Dänemark gewesen, deshalb freue ich mich darauf besonders. Zudem gibt es einige Shows in Deutschland, wie das Droneburg Festival in Hamburg und das Solar Drones Festival auf der MS Stubnitz in Bremen, auf die ich ebenfalls sehr gespannt bin. Außerdem freue ich mich sehr auf Berlin, weil ich dort immer meine besten Shows gespielt habe. Ich werde AUN zum Roadburn Festival in Tilburg begleiten, das sollte eine Menge Spaß bringen. Des Weiteren arbeite ich gerade daran, einige Auftritte im Baskenland zu buchen. Ich würde auch gern durch Skandinavien, Russland, Ukraine, Griechenland und den Balkan touren, vielleicht klappt das bei meiner nächsten Tour im Herbst, wenn ich noch mal nach Europa kommen werde, um am Denovali Swingfest teilzunehmen.

? Wenn du live auftrittst – geht es dir darum, die Songs von den Alben eins zu eins zu spielen, oder stellen sie eher nur einen Ausgangspunkt dar?

Einige Songs sind extra für Live-Zwecke geschrieben worden. Später wurden sie dann im Studio überarbeitet und aufgenommen. Es ist viel schwieriger Studio-Tracks live zu spielen, aber es ist möglich – obwohl die Arrangements häufig anders sind, aufgrund der Art und Weise meiner Performance und aufgrund der begrenzten Tools, die ich mit auf die Bühne bringen kann und aufgrund der Zwänge, die ich mir bei Auftritten auferlegt habe – nämlich keine im Vorfeld aufgenommenen Backing Tracks oder ähnliches zu verwenden. Ich spiele viel lieber ein improvisiertes Set. Es gibt sicherlich einige Aufnahmen, die teilweise oder vollständig aus Improvisationen hervorgegangen sind und live nicht reproduziert werden können. Dennoch improvisiere ich auch oft während meines Live-Sets. Es ist immer eine Frage der Balance.

? Viele Menschen freuen sich darüber, berühmt oder für etwas bekannt zu sein. Worüber freust du dich als Künstler?

Ich bin Künstler, um zu überleben. Ich muss etwas erschaffen, um am Leben zu bleiben und um einigen Dingen in meinem Leben zu entfliehen. Wenn meine Kunst bekannter wird, muss ich keinem gewöhnlichen Beruf nachgehen – dadurch wird das Mittel zum Zweck. Wenn ich bekannter werde, liegt das vor allem daran, dass ich sehr hart arbeite und je härter man arbeitet, desto mehr trifft einen auch das Glück. Die meisten Möglichkeiten ergeben sich, wenn man eine richtige Entscheidung getroffen hat – aber es passiert, wenn es passiert. Wenn dies nicht der Fall ist, muss man die eigene Kunst, die eigenen Ambitionen und die eigenen Vorhaben neu bewerten.

? Möchtest du noch etwas über deine musikalischen Pläne in nächster Zeit berichten?

Wie bereits erwähnt, werde ich gemeinsam mit AUN im April/ Mail auf Europa-Tour sein. Danach werden ich zurück nach Kanada kommen und versuchen eine kleine Kanada/ US-Tournee zu planen. Außerdem gibt es Verhandlungen über Auftritte in Südamerika im Spätsommer und über eine weitere Europa-Tour im Oktober. Im März wird Aurora Borealis “Vessels“ als Vinylformat und als digitales Format wiederveröffentlichen. Im selben Zeitraum wird die Kollaboration “Death Valley“ mit YELLOW6 als Doppel-CD wiederveröffentlicht. Hoffentlich wird im April das Split-/Kollaborations-Album mit YEAR OF NO LIGHT bei Destructure Records erscheinen und es gibt einige Pläne mit Denovali für weitere Re-Releases auf Vinyl und ein neues Album Ende des Jahres. Außerdem wird Oxide Tones ein neues Album meines Nebenprojekts PARALLEL LINES (Post Rock/ Shoegaze-Trio) herausbringen und ein neues Album von MAINS DE GIVRE (Drone/ Violine-Duo) soll ebenfalls erscheinen. Auf meinem Label TQA Records wird es auch einige neue Veröffentlichungen geben. Durch die handgefertigten Verpackungen nehmen diese Alben mehr Zeit in Anspruch. Vor kurzem habe ich Adrian Aniols Album “Arrhythmia OST“ veröffentlicht und es wird eine 3xCD der Euro-Tour 2011 von THISQUIETARMY/ Aidan Baker erscheinen. Später wird es noch eine Split mit Mitgliedern von LOVELIECRUSHING sowie eine Split zwischen TALVIHORROS und ECKA LIENA geben.

? Was bleibt noch zu sagen?

Ich danke Euch für das Interview!

Foto credit: 1 (AlBeRiCk), 2+3 (Christobal Marquez), 4+5 (Etienne Blythe), 6 (Christy Romanick), 7 (Owen Cherry)

Vielen Dank an CVG für die Unterstützung!

(D.L., S.L.)

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