Laut Roberto Bolano zeigt jemand Klasse, wenn er oder sie souverän ist, vor allem dann, wenn es hart auf hart kommt. Wer dem EARTH-Mastermind Dylan Carlson schon länger Gehör schenkt, wird zwangsläufig auf dessen Vita gestoßen sein. Kaum ein Porträt zu Carlson verzichtet auf die Schlagwörter Flinte, Sucht und Vorbild für Mönchskutten tragende Doomer.
Darüber hinaus verkörpert Carlson wie kaum ein zweiter musikalischer Zeitgenosse, dass die Wunden, die das Leben schlägt, den Verletzten nicht immer zwangsläufig ausbluten lassen müssen. Rück- und Niederschläge scheinen auf dem Lebensweg des EARTH-Gitarristen stete Begleiter, so dass sie sich für ihn schon beinah wie Alltag anfühlen müssen. Kehrt man zu den Gedanken des Chilenen Bolano zurück, demonstriert sich Klasse auch im Umstand, dass man niemandem etwas schuldig bleibt und niemandem Rechenschaft ablegt. Ein Rechenschaft ablegender Dylan Carlson ist ebenso wenig vorstellbar, wie ein muslimischer Papst.
Vermutlich wären diverse Niederlagen und Rückschläge der Carlson`schen Biografie vermeidbar gewesen, hätte er sich stärker den Mechanismen ergeben. Dass er ein Seltener ist, beweist sich darin, dass er diesen Mechanismen skeptisch und ablehnend gegenüberstand und –steht. Betrachtet man dieser Tage die Promofotos, die EARTH zu ihrer aktuellen Veröffentlichung “Angels Of Darkness Demons Of Light II“ zeigen, fällt auf, dass die EARTH-Mitglieder deutlich gealtert sind. EARTH 2012 sind immer noch Lori Goldston, Karl Blau und Adrienne Davies. Und natürlich Dylan Carlson. Karl Blau taucht allerdings meist ab, wenn Fotos der Kapelle aufgenommen werden. Seinen Platz nimmt dann zumeist die Tourbassistin Angelina Baldoz ein.
“Angels Of Darkness Demons Of Light“ – die Zweite stammt aus denselben Sessions, in denen bereits der erste Teil aufgenommen wurde. Ort der Aufnahmen waren die Avast Studios in Carlsons Heimatstadt Seattle. Als Produzent fungierte Stuart Hallerman, der schon “Earth 2“ den Feinschliff verlieh.
War der erste Teil der Doppelfolge noch stark Riff lastig, treten EARTH auf dem zweiten Teil viel stärker als Ensemble auf. Den zweiten Schwerpunkt bildet die offenkundige Improvisationsfreude während der Aufnahmen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass der Hörer nach wie vor zwar einem zeitdehnenden Erzählverfahren beiwohnt, dieses aber gleichzeitig in der Wirkung einen tänzelnden Eindruck vermittelt. Besonders die Tatsache, dass Adrienne Davies` Schlagzeugspiel an das des BOHREN-Drummers Thorsten Benning erinnert, weiß zu überraschen. Fein taktet die Partnerin des EARTH-Frontmanns, sorgsam tupft sie ihre Drums an. Dennoch schielt der von ihr verantwortete Rhythmus nicht auf zählbare Harmonien. Der eben erwähnte Ensembleeindruck wird auch dadurch bestärkt, dass sich Davies und Carlson noch nie so eingespielt wie hier gezeigt haben. Dazu kommt, dass Karl Blaus Bassspiel deutlich präsenter ist, als beim ersten Teil der Doppelfolge.
Für den finalen Unterschied zeichnet sich indes Lori Goldston verantwortlich. Ihr Cello agiert viel stärker im Vordergrund und definiert so den fast schon melodischen, in jedem Fall aber fein ausbalancierten Charakter des aktuellen EARTH-Albums. Ihr lebendiges Spiel offenbart den kantablen Charakter ihres Instruments. Tief und weich streicht sie in den Grundklang der Band ein, so als antwortete sie auf deren Sounds. Das Ausbalancierte ist jedoch nie ästhetischer Selbstzweck. Vielmehr werden die Bass-Schlagzeug- und Gitarrenpassagen von Loris Cello auf die Flügel genommen. Dylans Gitarre scheint dabei speziell den Celloparts leise zu zuraunen, zu zuflüstern. Seinen Höhepunkt entfaltet dieses Wechselspiel sicher bei “A Multiplicity Of Doors“, jenem Stück, welches in wahrlich jedem Ton die Aussage zu tragen scheint: “Wir sind EARTH“, anstelle der früheren Aussage Dylans “Ich bin EARTH“.
Das hat eben genau diese selbstleuchtenden Klangwolken zum Ergebnis, die jedoch nie an der Oberfläche verdampfen. Vielmehr gehen sie als feiner Nebel auf den Hörer nieder und dringen in diesen ein, so tief, dass sie dort auf ein Netz der menschlichen Geometrie stoßen. Im Spiel selber wirkt es so, als suchten und erkennen sich die Bandmitglieder. Die Wundermomente der Platte leuchten immer dann hell auf, wenn die Wahrscheinlichkeiten und Routinen spürbar weggeräumt werden, hier wurzelt vermutlich auch der Eindruck, es mit einem Ensemble zu tun zu haben.
Die Covergestaltung wurde abermals in die bewährten Hände Stacey Rozicks gegeben. Legt man die Darstellungen des ersten und zweiten Teils nebeneinander, öffnet sich ein breiter Interpretationsspielraum. So ließe sich bei der ersten Darstellung ein Ringen mit dem Dämon vermuten. Der zweite Teil zeigt, dass der mit dem Dämon einst Ringende nun womöglich seinem Dämon folgt, ihnen voran Boten der Unterwelt. Allein die Wahl des Albumtitels deutet auf ein doppeltes Oxymoron hin, “Angels Of Darkness“ sowie “Demons Of Light“. Auffällig zudem ist, dass auf beiden Teilen 5 Stücke vertreten sind. Parallelitäten allerorts.
Abseits dieser Interpretationsidee lässt sich festhalten, dass EARTH stärker denn je in der Lage sind, sich zum Kern der Dinge zu spielen. Fast scheint es, als suchten EARTH nach dem Arvo Pärt`schen Klanginselchen in sich. In ihrem zu erneuter Meisterschaft getriebenen, zeitdehnenden Erzählverfahren offenbart sich eine dramaturgische Tiefe, fast ohne Gleichnis. Alles, was EARTH zu berühren scheinen, wird zu Erzählung. Speziell Dylan Carlson scheint auf vorliegendem Album nicht aus seinem Leben zu sprechen, sondern mit ihm. Die EARTH`sche Leidenschaft lässt sich darüber hinaus, an der Lust sich zu verlieren, ablesen. Carlson demonstriert ein Maß an Souveränität, das in den Momenten, in denen er sich selbst zurücknimmt, proportional anzuwachsen scheint.
Immer blitzt dabei die Metapher der Wunde auf. Ohne Wunden keine Tiefe, auch wenn hier die Postmodernen sofort hinter Barrikaden Stellung beziehen und ihre Heckenschützen zum Schießen anhalten. Das Leben als schwer heilende Wunde lässt sich aus Vita und Werk Dylan Carlsons – wenn man so will – herauslesen. Hier wird Schmerz aber nicht ausgestellt! Vielmehr schwingt er als Subtext mit, nicht sentimental, eher heillos. Bei all dem ist Carlson ein Widerstrebender geblieben, der sich nicht entmutigen ließ, ein Wollender, kein Gewollter, zu sein.
So zeigt sich, dass das Leben in Carlson ein Echo finden, wie nur in wenigen Künstlern. Furchen zieht nur, wer gewohnte Pfade verlässt. Das ist diesem Veröffentlichungshöhepunkt deutlich anzuhören (S.L.)
Format: CD/2LP |
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