Vielerlei Assoziationen verbinden sich mit dem Begriff “Drone”. Zum Einen umfasst der Begriff diverse Spielarten beinahe schon Stilistika – von LA MONTE YOUNG zu Aidan Baker, von TROUM über EARTH zu FEAR FALLS BURNING. Und schon an dieser Stelle kann widersprochen und beklagt werden, dieses oder jenes sei keine Drone-Musik. Zum Anderen kann es einem passieren, dass wenn man den Begriff “Drone” fallen lässt, sofort die Blickrichtung gen Drone Records geht und Menschen plötzlich tief versunken die Veröffentlichungsliste des Bremer Labels um Stefan Knappe hoch und runter beten. Wenigen Labels ist es gelungen über Jahre hinweg, entlang eines festen Format-Konzepts, eine Subkultur derart zu prägen und zu bereichern. Nicht wenige Künstler unternahmen beziehungsweise unternehmen via Drone Records erste “Gehversuche”. Ist nach 15 Jahren Zeit Bilanz zu ziehen? Vielleicht. Letztlich ist es wahrscheinlich nicht übertrieben, Drone Records als ein Label zu bezeichnen, welches “Musik aus dem Kern der innersten Archive” (H. Krausser) hervorbringt.
? Im AufAbwegen 35 sagst du, dass das “in der Kleinstadt hocken” Antrieb für deine Beschäftigung mit Musik gewesen sei. Lässt sich Ähnliches für die Gründung von Drone Records sagen?
Ich glaube das mit der “in der Kleinstadt hocken” hat Glitsch (2nd TROUM member) gesagt. Für die Bandgründung (SCREAMING CORPSES) damals in Leer (“in Aurich isses traurig, in Leer noch viel mehr”) war das sicher auch ein wichtiger Einflussfaktor. Für meine generelle Beschäftigung mit Musik ist die kleinstädtische Umgebung aber weniger wichtig gewesen, die Wurzeln für die Musikbegeisterung liegen viel tiefer, davon bin ich überzeugt. Von daher sehe ich das für die Gründung von Drone Records aus heutiger Sicht als nicht unbedingt maßgeblich an (wenn auch als begünstigender Faktor, klar!).
? Wie bist du seinerzeit an die Labelgründung herangegangen?
So um 1992 war ich in der damals florierenden Tape-Szene sehr aktiv, und animiert durch viele gute Beispiele (z.B. ZNS Tapes von Andreaz Vogel/ MØHR, oder DRAHTFUNK von Klaus Jochim/ TELEPHERIQUE) wollte ich auch ein Tape-Label gründen. Vorbereitungen dafür gab es schon, es sollte zunächst ARCANA heißen. Gleichzeitig reifte bei uns in der Band (MAEROR TRI) die Idee heran, eine erste Vinyl-Single selbst herauszugeben. Erst als diese dann erschienen war, entstand der konkrete Wunsch, weitere Singles von anderen Projekten zu veröffentlichen. Zunächst dachte ich dabei an die deutsche Szene, aber das weitete sich schnell aus. Der Begriff “Drone” war damals übrigens weitgehend unbekannt, das kann man sich heutzutage kaum noch vorstellen. Atmosphärische experimentelle (und zumeist dunkle) Musik wurde meist “Ambient Industrial” genannt. Wenn man von “Drone” sprach, meinte man damit normalerweise tatsächlich die Minimal-Musiken der 60er (z.B. LA MONTE YOUNG, TONY CONRAD, TERRY RILEY) oder die originären traditionellen Wurzeln als “Bordun-Ton” in den verschiedenen Musikkulturen (z.B. Dudelsack, Drehleier, Sitar, Didgeridoo bis hin zu Obertongesängen). Diese Wurzeln waren uns aber zu der Zeit total unbekannt. Aber schon damals fanden wir, dass unsere Musik einfach “droned”, ein Begriff der auch lautmalerisch so wunderbar passt. Jedenfalls kam es so zu der Idee das Label “Drone Records” zu nennen. Dann ergab das eine das andere, Flyer machen und verschicken, Mailorder und Plattenläden finden, die die Single vertreiben etc.
? Spielten bezüglich der Gründungsidee Weggefährten eine Rolle?
Wie schon gerade genannt, wir waren damals mit MAEROR TRI in der Tape-Szene aktiv, ich schrieb Reviews (eine “Tape-Ecke” für das legendäre Aachener Magazin BIERFRONT), und eine längere Serie für das EB/METRONOM über die Tape-Szene Deutschlands (Tapelabel-Szene Überblick). Da gab es mannigfaltige Anregungen aus der “Szene” von verschiedensten Leuten, der “do-it-yourself”-Gedanke, die Unkommerzialität, die handgemachten Covers, der Fokus auf Kommunikation und Netzwerk und nicht aufs “Business”. Wen man sicherlich auf jeden Fall nennen muss, ist FRANS DE WAARD, der damals mit KORM PLASTICS, KAPOTTE MUZIEK und mit seinem Newsletter VITAL WEEKLY aktiv war. Er hat uns von Anfang an sehr unterstützt und war ein Vorbild. Man muss sich auch vorstellen, dass damals alles über Briefe und Telefon ging, es gab ja noch kein Email! Und fast noch keine CDs! Fast jeden Tag bekam man einen Haufen Briefe und Sendungen mit neuen Tapes, das war wie jeden Tag Weihnachten. Das klingt heute, nach nur 15 Jahren, total antiquiert, und zeigt wie sehr uns das Internet inzwischen beherrscht und auch das Bewusstsein verändert (Ted Kaczynski mit seinem “Unabomber-Manifest” hat das zum Beispiel sehr früh erkannt). Auf jeden Fall kann man sagen, dass die Hauptideen für das Labelkonzept definitiv aus der unabhängigen Tape-Szene kamen.
? Hast du konkrete Erinnerungen daran, wie es war die Nr. 1 (MAEROR TRI) in den Händen zu halten?
Ehrlich gesagt nicht mehr sehr konkrete – ein Freudenschrei. Es war die erste Veröffentlichung fürs Label und die erste Vinyl-Veröffentlichung für MAEROR TRI und es war damals nicht unbedingt klar, ob es nicht vielleicht auch die letzte sein würde. Aber wir waren natürlich sehr euphorisiert, als die Singles ankamen. Die mussten dann einzeln nummeriert und eingepackt werden in die handgemachten Cover, die wir in mühevoller Kleinarbeit produziert hatten. Das alles gehörte immer zu dem Prozess des Veröffentlichens dazu.
? Hattest du später bei anderen Veröffentlichungen ähnliche Gedanken/ Empfindungen?
Empfindungen von Freude und Stolz zu klassifizieren, finde ich schwierig – über jede einzelne Veröffentlichung habe ich mich sehr gefreut, als sie fertig war. Denn jede “Drone” hat ja einen gewissen Prozess hinter sich (Hören, Selektieren, Begeisterung für ein neues Projekt, Kommunikation, die Cover verschicken und wieder erhalten und schließlich den Pressvorgang), ist eine “Geburt” von etwas Neuem, das in die Welt “geworfen” wird.
? Welche Veröffentlichung hat dich retroperspektivisch vor die größten Probleme gestellt?
Hm, musikalisch gesehen sicher die DR-04 (BIG CITY ORCHESTRA) und die DR-27 von DAS ERDWERK, da beide mit ihrem Material so weitab von den Erwartungen lagen, dass es einen längeren Entscheidungsprozess auslöste. Letztlich fand ich beide EPs aber so ungewöhnlich und schön, dass ich nicht anders konnte (obwohl es hier nur auf einer sehr abstrakten Ebene noch um “Drones” geht). Auch die DR-71 von STABAT MORS war ein harter Brocken. Dann gab es Veröffentlichungen mit bis zu fünf verschiedenen Pressungen, wo immer irgendetwas schief ging (ich glaube es war die DR-20 LIFE GARDEN), die Frequenzen zu extrem waren oder die Vinylfarben nicht mischbar waren etc. Bei Vinylpressungen geht fast immer irgendetwas daneben.
? War eine zweite Auflage von vornherein mit angedacht?
Zunächst wohl nicht, aber der Gedanke entstand recht schnell, um zu zeigen, dass es nicht um die Limitierung geht oder darum Sammlerstücke herzustellen, sondern in erste Linie um die Musik.
? Welche Covergestaltung betrachtest du als besonders gelungen?
Hm, spontan fallen mir da die DR-66 von CISFINITUM (dickes Wollcover, handgenäht), die NOISE-MAKER’S FIFES (DR-23, Jutecover mit Foto), die DR-09 (VOICE OF EYE) und die DR-04 von BIG CITY ORCHESTRA (jedes Cover von einem anderen Kind gemalt – die eine Seite; auf der anderen Seite irre Collagen mit Rubbelbuchstaben) ein, oder die kürzlich veröffentlichte XABEC (DR-92, Pappbox mit Goldprägedruck). Aber auch die eher minimalistischen Artworks gefallen mir oft sehr (zum Beispiel DR-69 OPION SOMNIUM oder die tolle CHAOS AS SHELTER (DR-48).
? Hat sich dein Prinzip auf musikalische Entdeckungsreise zu gehen, um neue veröffentlichungsrelevante Projekte zu finden, mit der Zeit verändert?
Nein, ich denke das ist gleich geblieben. Insgesamt habe ich heutzutage etwas weniger Zeit, um mir zum Beispiel Compilations mit Newcomern ganz genau anzuhören, aber durch den Mailorder gibt es immer noch mannigfaltige Anregungen und natürlich erhalte ich weiterhin viele Demos. Ich bin auch heute noch überzeugt davon: Wer sich eine gewissen Sensibilität für Geräusche, Sounds und Klangatmosphären angeeignet hat, dem kann nie wirklich “langweilig” werden, oftmals geht es nur um Nuancen, die etwas auslösen können, die den großen “Unterschied” machen.
? Soll der Gedanke des “hand made” bei der ersten Auflage das Unikate von Musik herausstreichen?
Nein, es ging eher um den Gedanken der “persönlichen Kommunikation” vs. “anonymisierte Massenproduktion”. Jedes Cover, jede Single trägt quasi einen persönlichen “Abdruck”. Die Musik selbst ist da ja eher ambivalent: Einerseits durch die Person(en) geprägt, die sie erschaffen, andererseits scheint es Kultur übergreifende Gemeinsamkeiten zu geben, die immer wieder auftauchen. Das ist zum Beispiel der Drone, den es schon in den Naturgeräuschen gibt. Somit gibt es eine stark verbindende Eigenschaft von Musik, die jeder teilen kann, aber auch den “persönlichen Abdruck”.
? Drone Records sollte nie als Kunst-Label verstanden werden. Mittels welcher Taktik hast du dies bewältigt? Schließlich sind die Umarmungsstrategien der Kunstposse subtil und mächtig?
Ich glaube, dass in diesem Zusammenhang vor allem die Betonung der Unkommerzialität eine Rolle gespielt hat, die Verkaufspreise sind so niedrig, dass es für reine “Kunst-Sammler” erstmal uninteressant ist. Es gibt ja heute auch einige andere Labels, die Sachen mit handgemachten Objektcovern veröffentlichen, wo dann eine LP gleich 50 oder 100 Euro kostet. Auch ist das 7”- Format für die meisten weitaus weniger interessant als die LP. Und sicher hat es auch damit zu tun, dass in der Regel “Newcomer” oder noch recht unbekannte Projekte und Musiker veröffentlicht werden.
? Hat das Format 7” jemals zur Disposition gestanden?
Nein, für die reine Drone Records-Serie sollte das immer so bleiben. Was nicht heißt, dass es nicht vielleicht später mal auch Drone Records-LPs geben könnte, aber das wäre dann nicht innerhalb der 7”-Reihe.
? Gab es für dich jemals “Nicht-Musik”?
Generell denke ich – jedes Geräusch, jeder Klang, jede Sound-Anordnung kann in der subjektiven Interpretation des Hörenden oder Erfahrenden zu “Musik” werden, zu einem ästhetisch auf irgendeiner persönlichen Ebene ansprechenden Erlebnis. Ganz persönlich gab und gibt es aber schon Grenzen, wo ich denke, das ist für mich keine Musik mehr, das ist zu “selbst-reflexiv” und wenig nachvollziehbar oder zu banal. Aber diese Interpretation ist natürlich abhängig vom eigenen Entwicklungsprozess, von der gegenwärtigen Stimmung, von den Resonanzen des eigenen Unbewussten.
? Würdest du zustimmen, wenn man sagen würde, dass bei Drone Records von vornherein die Musik und das Miteinander als verbindendes Element im Vordergrund stand?
Absolut. Wie oben geschildert, waren und sind ein gewisser “Community”-Gedanke und vor allem der Musik-Austausch primär wichtig, neben der Verbreitung der Musik.
? Was war der Auslöser für die “Substantia-Innominata”-Serie?
Auslöser war meine Beschäftigung mit dem Phänomen des “Unbewussten” während des Studiums und meine abschließende Diplomarbeit zum Thema “Das Unbewusste und Musik bzw. Klang”. Ich habe gespürt, dass die Annahme, ein Großteil der psychischen Prozesse seien uns nicht bewusst zugänglich, eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich besaß. Und es gibt ja Entsprechungen auf der physikalischen, makro- wie mikrokosmischen Ebene (über 90% des Universums bestehen aus “Dunkler Materie” oder “Dunkler Energie”, niemand weiß genau, was das ist – auf atomarer Ebene stellt sich heraus, dass unserer Welt zum Großteil einfach aus “Nichts”, aus elektromagnetischer Wechselwirkung, besteht), aber auch aus anderen Perspektiven betrachtet, bleibt immer vieles unverstanden oder sogar unergründlich (man denke an gesellschaftliche oder biologische Prozesse, Bewusstseins- und Verhaltensfragen etc). Das, was da ist aber nicht zugänglich, nicht mal benennbar, und doch einen großen Einfluss auf uns ausübt oder uns sogar steuert, darum geht es bei “Substantia Innominata” (unbenennbare oder unbenannte Substanz). Und aus diesen “unbekannten” Bereichen entspringt zu einem großen Teil die Musik, als etwas Vorsprachliches, oder aus kaum zugänglichen emotionalen Quellen Kommendes. Das ganze geht bis an die Wurzeln unserer Existenz, man kann auf sprachlicher oder rationaler Ebene nicht zu diesem Kern vorstoßen. Musik kann uns mit diesen tiefen Schichten des Selbst in Verbindung bringen beziehungsweise wirkt im Erklingen selbst wie eine Transformation dieses unbewussten Kerns. Gleichzeitig spricht das “Unbekannte” ein utopisches Potenzial an – hier ist die Erfahrung des “Neuen”, “Fremden” oder noch “Ungedachten” zu machen – das Ergründen von neuen Räumen. Und es gibt noch weitere Ebenen: Kritik an der Vorherrschaft und Idealisierung des Rationalen, der menschlichen Hybris etc. Man sieht vielleicht an diesem kurzen Abriss schon, das ganze Thema hat so viele verschiedene Facetten, dass es zu einem umfassenden Gesamtkonzept taugt und immer neue Perspektiven offenbaren kann.
? Warum fiel dabei die Wahl auf das 10”-Format?
Hm, bei der Drone 7” -Serie geht es um das Intensive und sehr Bewusste, aber kurze “Versenken” in einen Klangprozess oder in ein Musikstück. Das kurze “Vorstellen” einer individuell geprägten Sound-Welt. Das 10”-Format erlaubt Veröffentlichungen von über 30 Minuten Länge, was dem Thema angemessener ist. Es ist eher ein “Werk”. Es ist zudem ein recht ungewöhnliches Format, es gibt kaum noch Presswerke, die überhaupt 10”s pressen können – etwas sehr Spezielles und damit der Serie angemessen.
? Würdest du diese Serie als “gleichberechtigte Schwester” zu der 7”-Serie sehen?
Von der Konzeption her ist die 10”-Reihe etwas ganz anderes, es geht um ein bestimmtes Thema, welches nicht klanglich definiert ist. Da ist die Reihe total offen. Bei der 7”-Reihe ist durch die Bezeichnung “Drone” natürlich der klanglichen Rahmen vorbestimmt, Drones sollten in welcher Form auch immer in der Regel Bestandteil sein. Die 10”-Reihe steht auch für einen Entwicklungsprozess: Vom Klang zu Konzepten und Theorie und wieder zurück zum Klang. Die 7” ist die Basis für den Klang. Die 10”-Reihe geht konzeptuell weit darüber hinaus. Wie gehen die Leute mit dem Thema um, sich dem “Unbekannten” zu nähern oder es darzustellen? Welche verschiedenen Zugangsweisen gibt es? Es ist ein Thema, das sicher oft implizit schon in der Musik steckt, aber viele sind sich dessen gar nicht bewusst. Das wollte ich mit der Reihe explizit betonen.
? Ist die Lust “Neutöner” zu entdecken nach wie vor dein Hauptantrieb?
Für die 7”-Reihe gilt das nach wie vor, obwohl es auch Ausnahmen gibt, zum Beispiel die gerade veröffentlichte XABEC-7”. Manu kenne ich schon sehr lange, auch aus Tapetagen und eine 7” auf Drone war schon lange geplant. Es gibt auch Drone-Kompositionen, die so überzeugend und wunderschön sind, die dürfen auch von Etablierten stammen (sofern sie sich überhaupt auf das Konzept einlassen möchten). Aber wer die Reihe verfolgt, kriegt ja mit, dass es meist “neue Namen” sind, die rauskommen. Das soll auch so bleiben. Wer kennt heute schon ARTEFACTUM, OVRO, AUN oder EXIT IN GREY (das sind zukünftige “Drones”)? In 5 Jahren sieht das vielleicht schon anders aus.
? Existieren Momente des Innehaltens, in denen du dich umdrehst und fragst, wo die Wegbegleiter der Anfangstage geblieben sind?
Oh ja, das kommt vor. Viele Leute aus den Anfangstagen sind nicht mehr aktiv und “verschollen”. Andere sind weiter dabei, aber sind ganz andere Wege gegangen (man beobachtet sie eher aus der Ferne). Aber immer mal wieder gerate ich in Kontakt mit “alten Freunden”, was äußerst spannend sein kann.
? Auf Entdeckungsreise ins Unterbewusste – siehst du die Drone-Serie auch als Forschen und Nachspüren?
Definitiv! Wahrnehmen was diese Musik mit einem macht, wahrnehmen wie diese Musik wirkt! Mir ist in den letzten Jahren auch verstärkt aufgefallen, dass das aktive Versenken beim Musik-Hören sehr stark dem Versenken bei der Meditation ähnelt (was ich früher nicht wissen konnte, da ich nicht meditiert habe). Ein anderer Bewussteinszustand, in dem man paradoxerweise sowohl wacher und aufmerksamer als auch “in Trance” ist. Phantasien, Gedanken, Vorstellungen, Gefühle die dabei hochkommen, sind oft überraschend, unerwartet, kommen quasi “aus dem Nichts”. Das ist bei Drone-Musik ähnlich, sie kann so viele verschiedene Facetten haben und entsprechend verschiedenartige Resonanzen im Unbewussten auslösen.
? Worin besteht das “Verbindende/ Gemeinsame” der Drone-Veröffentlichungen?
Um das mal in einem Satz zu fokussieren: Es ist Musik und Klang, der atmosphärisch neue Bewusstseins- und Klang-Räume aufmacht. Und rein stilistisch gesehen – das Grundelement “Drone” sollte in irgendeiner Weise Bestandteil sein.
? Gibt es Elemente/ Bestandteile der Drone-Serie oder gar ganze Veröffentlichungen, die sich im Laufe der Zeit von dir entfernt haben? Oder hast du dich von ihnen entfernt?
Ja, das gibt es, und eher habe ich mich von ihnen entfernt. Zum Beispiel Drone-Veröffentlichungen, die eher auf analoger Synthesizerbasis entstanden sind und eher ein bisschen 70er Jahre “kosmisch” klingen, so was würde ich heute nicht mehr rausbringen. Das ist nicht innovativ, sondern nur nostalgisch. Die sind deswegen natürlich auch aus heutiger Sicht nicht schlecht, aber wenn ich so was heute höre, erscheint mir das als zu einfach gestrickt.
? Stellt die Weckung eines kritischen Bewusstseins nach wie vor einen Bestandteil deines Wirkens mit Drone Records dar? Gibt es da Transformationsprozesse, welche du hier nachzeichnen möchtest?
Ja, auf jeden Fall, die Weckung eines kritischen Bewusstseins sollte jede gute “Kunst” oder jedes gute kreative “Produkt” zum Ziel haben oder bereits implizieren. Denn der Widerspruch zwischen “Natur” und “Kultur” ist ja gerade heute besonders deutlich. Wenn Musiken, kulturelle Produkte, Labelkonzepte etc so ganz anders ablaufen oder sich ganz anders präsentieren als man das im Allgemeinen kennt oder erwartet, regt das möglicherweise zum Nachdenken an oder löst etwas aus. Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist nach wie vor entscheidend wichtig; die Bereitschaft, sich dem “Fremden” zu öffnen (der Geräuschmusik etc) kann das auf jeden Fall fördern.
? Spielt die Positionierung dem Zeitgeist gegenüber für Drone Records eine wichtige Rolle?
Grundsätzlich ja, vor allen Dingen in den Anfangstagen des Labels (Heraushebung von Vinylveröffentlichungen gegenüber der damals stark dominierenden CD), inzwischen vielleicht etwas weniger, da das ganze mehr und mehr zum Selbstläufer geworden ist. Um sich immer wieder neu dem Zeitgeist gegenüber zu positionieren, müsste man ständig neue Projekte beginnen. Ich bin mir auch recht unsicher, was das eigentlich genau sein soll, der “Zeitgeist”. Das was die Kulturindustrie in der Regel produziert (was vielleicht manche für Zeitgeist halten), kann man meist eh nicht ernstnehmen.
? Wie erklärst du dir das nicht nachlassende Interesse an Drone Records?
Ein interessantes Konzept, gute Musik, ein schräges Format. Das Handgemachte, das Widerständige…
? Ist es schwerer geworden für Drone Records relevante Projekte zu finden? Wie behältst du für dich den Überblick?
Nein, es ist nicht unbedingt schwerer, nur die Auswahl ist schwieriger geworden, da die Masse an “Drone-produzierenden Projekten” heute viel größer ist! Den gesamten Überblick kann man wohl nicht haben, aber es wird schon so einiges an mich herangetragen.
? Welche Taktik gegen die Überschwemmung und das Mittelmaß hast du entwickelt beziehungsweise hat sich diese im Laufe der Jahre verfeinert?
Ich denke, beim Thema “Profession” (also wenn man sich auf einem bestimmten Gebiet spezialisiert) spielt keine bewusste “Taktik” eine Rolle, sondern das meiste speist sich aus der Intuition. Man “weiß einfach”, wenn etwas gut und veröffentlichungswürdig ist, weil Musik und Gesamtkonzept dann sehr stimmig sind.
? Bleibt die Intention “Geistesverwandte” beziehungsweise Menschen mit ähnlich musikalischen-ästhetischen Vorlieben zu finden, bestehen?
Ja, auch das. Obgleich ich viel weniger ausgeprägt längere Briefe schreiben oder Leute treffen kann, aber ich beobachte zum Beispiel auch, wie sich Kunden oder Drone-Abonnenten untereinander kennen lernen und austauschen oder sogar Freunde werden. Es ergeben sich aber immer wieder überraschende neue Kontakte, das hört nicht auf und ist definitiv weiter Grundintention.
? Spielt diesbezüglich der Netzwerkgedanke nach wie vor eine tragende Rolle?
Auch hier ist es so, dass sich diese Idee als Hauptmotivationsfaktor vielleicht etwas abgeschwächt hat. Mit der Tape-Szene und Mail-Art war es doch was Besonderes. Heute hat sich alles aufs Internet verlagert, was ja schon per se ein Netzwerk ist. Die Verbindungen sind nun vielfältiger, manchmal auch beliebiger, man denke an Myspace. Damals war es schon so etwas wie eine eingeschworene Gruppe von Leuten, die sich bewusst abseits vom Mainstream bewegt haben.
? Geht man deiner Meinung nach zu weit, wenn man den Drone Records-Katalog als Hörschule bezeichnen würde?
Ja, das geht zu weit, es geht mir nicht um Pädagogik oder um Belehrungen. Mir ist völlig bewusst, dass der persönliche Zugang zu Musik sehr verschieden sein kann und das finde ich gut so. Manche Leute interessiert der ganze theoretische Überbau nicht, sie wollen einfach nur gute Sounds hören und fertig. Das finde ich durchaus auch erfrischend. Wer aber den Drone-Katalog als “Hörschule” einsetzen möchte, gerne – ist sicherlich gut dafür geeignet!
? Was ziehst du aus deiner Arbeit bei Drone Records?
Ein Leben voller Musik, viele Kontakte und Freunde weltweit und inzwischen auch den Lebensunterhalt, aber das ist eben weit mehr als “nur ein Job”, sondern eher das “was ich mit meinem Leben mache”.
? Ist der Antrieb gleich geblieben?
Dadurch, dass ich inzwischen vom “Drone-Mailorder” leben kann, geht es verstärkt auch darum einfach Geld zu verdienen beziehungsweise die Existenz zu sichern. Ich versuche aber die Drone 7”-Reihe davon komplett auszunehmen, das heißt das Grundkonzept bleibt weiter bestehen, keinerlei kommerzielle Erwägungen sollen bei den Veröffentlichungen eine Rolle spielen. Der grundsätzliche Antrieb, “besondere” Musik zu verbreiten, ist absolut gleich geblieben, ja!
? Gibt es Bereiche/ Entwicklungen bei Drone Records, die dir heute besser gelingen als in den Anfangstagen?
Sicher gibt es das, eine gewisse Professionalisierung bleibt nicht aus nach so vielen Jahren. Ich denke da nur an die Website, den Produktionsablauf mit dem Presswerk, die Abonnentenverwaltung etc.
? Glaubst du, dass es für Drone Records jemals Randbereiche geben wird, welche es nicht wert wären, ausgelotet zu werden?
Hm, die Frage verstehe ich nicht ganz, obwohl Drone Records sich mit Randbereichen beschäftigt, ist es natürlich nicht möglich, sich mit allen Randbereichen der Musik zu befassen. Ein Bezug zum “Drone” sollte auf irgendeine Weise noch da sein, dann ist alles möglich!
? Gibt es eine zeitliche Grenze für Drone Records?
Grundsätzlich nicht, so lange die Motivation vorhanden ist und es mir Spaß und Befriedigung verschafft, wird es Drone Records geben. Aber natürlich kann es Entwicklungen geben, die dazu führen, dass die Serie eingestellt wird oder sogar Drone Records als ganzes. Vielleicht wäre für die 7”-Reihe die DR-100 ein guter Punkt für eine Zäsur, aber das ist noch nicht entschieden, wahrscheinlich kann ich nicht aufhören.
? Ist es für dich vorstellbar, dass du eines Tages mit dem was du tust nicht mehr zufrieden bist?
Ja, das kann natürlich sein. Aber schon so lange (nunmehr über 20 Jahre) bietet Musik für mich einen ständigen Anziehungspol, der sich auch immer wieder erneuert – ich kann es mir da kaum vorstellen, dass sich das noch ändern wird.
? Welches Drone Records relevante musikalische Feld wird deiner Meinung nach in Zukunft eine größere Rolle spielen?
Ich denke, dass die Computer gestützte Verarbeitung von Feldaufnahmen (“field oder environmental recordings”) eine großes Entwicklungspotenzial besitzt. Aufnahme- und Verarbeitungstechniken werden immer weiter verfeinert. Und hier im “Draußen” gibt es die Klänge, die man “zu Hause” nicht kreieren kann, ein schier unerschöpfliches Spektrum an verschiedenen Sounds tut sich da auf. Auch die Menschen gemachte Technisierung spielt da eine Rolle, wenn es immer neue Maschinen und “Dinge” gibt die tönen. So gibt es tolle Veröffentlichungen von verschiedensten Klimaanlagen oder Fahrstühlen, aber auch die Klänge eines vereisten Sees beim Schmelzen oder Wetterveränderungen werden transformiert oder komprimiert und zugänglich gemacht. Immer weiter kann in Mikro- und Makrowelten von Klang eingedrungen werden. Die Möglichkeiten mit bestimmten elektronischen (z.B. Synths und Samplern) und auch akustischen Instrumenten sind wohl weitestgehend ausgelotet – aber auch hier wird es durch neue Effekte und Techniken Weiterentwicklungen geben. Und letztlich kommt es ja doch auf die Kreativität der Musik-/ Klangschaffenden an; solange die Ideen nicht versiegen, wird es immer wieder interessante und faszinierende neue Musiken oder musikalische Felder geben, im Drone wie in anderen Sparten. Die Kreativität, dessen Wurzeln auf so wundersame Art und Weise im Weltaneignungs- und Erfahrungsraum des Kleinkindes liegen, ist das alles Entscheidende!
(D.L., S.L., M.G.)
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